Ein Anschlag auf die Schweizer Botschaft in Athen sorgte im letzten November für internationale Schlagzeilen. Links-anarchistische Kreise nahmen mit Paketbomben auch andere diplomatische Vertretungen ins Visier. Mit Gewalttaten machten sie ihrem Ärger über die desolate Lage Griechenlands wahllos Luft. Das politisch aufgeheizte Klima hat mittlerweile wieder zur Normalität gefunden. Trotzdem, die Lage bleibt kritisch. «Das Schlimmste ist für die griechische Bevölkerung noch nicht vorbei», sagt Lorenzo Amberg, Schweizer Botschafter in Athen. Die Aussicht auf weiter erhöhte Steuern und tiefere Löhne sind ein explosiver Mix für das krisengeschüttelte Griechenland.

Bei all den schlechten Nachrichten gibt es auch Lichtblicke. Etwa im Tourismus, einer der wichtigen Einnahmenquellen für das EU-Mitgliedsland. Der starke Franken und die Discountangebote der Hoteliers haben bereits im letzten Jahr eine deutlich höhere Zahl an Schweizern angelockt. Rund eine halbe Million sind per Flugzeug oder Auto angereist, und für die kommende Sommersaison erwarten die Tourveranstalter einen noch grösseren Ansturm. Botschafter Amberg gibt sich zuversichtlich: «Die griechische Gastfreundschaft ist geblieben, auch wenn die Fernsehbilder mit Streiks und Unruhen in Athen manchmal einen anderen Eindruck vermitteln.» Umgekehrt ist die Anzahl der griechischen Touristen in die Schweiz um fast 12 Prozent auf 42 000 zurückgegangen. Rege blieb dagegen der Geschäftsreiseverkehr. Die Passagierzahlen der Swiss haben 2010 sogar zugenommen, die Auslastung beträgt über 80 Prozent, und ab Ostern wird es einen fünften täglichen Flug nach Griechenland geben.

Mit der Krise ist Griechenland naturgemäss auch stärker in den Fokus der Schweizer Regierung geraten. EDA-Staatssekretär Peter Maurer hat dem EU-Mitglied kurz vor Jahresschluss einen Besuch abgestattet mit der Absicht, die bilateralen Beziehungen zu intensivieren. Im südosteuropäischen Land leben 3400 Schweizer, davon knapp zwei Drittel als Doppelbürger. Gewichtige Schweizer Konzerne wie Nestlé (siehe Seite 70), Novartis oder Roche verfügen über lokale Produktionsbetriebe. Die Pharmabranche hat derzeit ein grosses Interesse, dass es dem Land wirtschaftlich bald wieder besser geht.

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Die öffentlichen Spitäler sind im letzten Jahr gegenüber den Lieferanten mit über 9 Milliarden Franken in einen Zahlungsrückstand geraten. Massiv davon betroffen sind auch die beiden Schweizer Pharmakonzerne. Gemäss einem von der griechischen Regierung beschlossenen Rückzahlungsmodus sollen die betroffenen Firmen nun mit Staatsobligationen entschädigt werden, die für den Verkauf zwei Jahre gesperrt bleiben. Im Haushaltsbudget war dieser Minusposten bis anhin nicht enthalten. Jetzt hat die Troika aus EU, EZB und IWF darauf gedrängt, dieses Problem zu lösen.

Doppelbesteuerungsabkommen

In der Handelsbilanz (siehe Tabelle) hat die Wirtschaftskrise bei den Pharmaexporten aus der Schweiz nur geringe Spuren hinterlassen. Im Vergleich zu den Gesamtausfuhren, die sich um 12 Prozent verminderten, nimmt sich der Exportrückgang bei den pharmazeutischen Erzeugnissen mit 2 Prozent eher bescheiden aus. Bei den Uhren ist das Minus mit 20 Prozent deutlich grösser. Als gewichtigster Importposten aus Griechenland erscheinen weiterhin die landwirtschaftlichen Produkte, deren Volumen sich aber ebenfalls leicht vermindert hat. Unter dem Strich bleibt ein Exportüberschuss der Schweiz von rund 1 Milliarde Franken.

Griechenland gehört zum ersten Dutzend Länder, mit denen die Schweiz im vergangenen Jahr ein neues Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) unterzeichnet hat. Darin werden der Informationsaustausch bei Steuerdelikten und die Frage der Dividendenbesteuerung gemäss dem OECD-Standard geregelt.

Im Rahmen des geltenden Schengen-Abkommens rückt die Südostflanke Europas vermehrt in den Mittelpunkt. Rund 90 Prozent der illegalen Immigranten gelangen über Griechenland in den Schengen-Raum, zu dem auch die Schweiz gehört. Als Sofortmassnahme forderte die griechische Regierung den Einsatz der schnellen Einsatztruppe der EU-Organisation «Frontex», die inzwischen an der Landesgrenze zur Türkei operationell ist. Gleichzeitig soll ein Grenzzaun an einer neuralgischen Stelle dieser Grenze gebaut werden. Botschafter Amberg verweist darauf, wie wichtig eine personelle und finanzielle Beteiligung der Schweiz am internationalen Engagement zur Lösung des griechischen Flüchtlingsproblems ist: «Derzeit gelangen viele dieser Migranten via Italien auch in die Schweiz.»

Die kulturellen Aktivitäten sind zu Beginn des laufenden Jahres geprägt durch eine Ausstellung und eine Vortragsreihe von namhaften Schweizer Architekten im Athener Benaki-Museum. Von April bis im Dezember folgt im numismatischen Museum von Korfu eine Ausstellung mit Fotografien des Genfers Fred Boissonnas, der Griechenland Anfang des 20. Jahrhunderts bereist hat. Zudem ist die Schweiz am Francophonie-Festival in Athen mit Anlässen zu Leben und Werk des Schriftstellers Jacques Chessex vertreten.