Bei der Wirtschaftsprüfung geben die «Big 4» weltweit den Ton an. Haben mittelgrosse Unternehmen in den nationalen Märkten überhaupt eine Chance?

Andreas Glanzmann: Wir sehen dort Möglichkeiten, wo die Unternehmen bei der Abschlussprüfung keinen internationalen Player brauchen. Das sind vor allem mittelständische, in der Schweiz ansässige Gesellschaften.

Die grossen Wirtschaftsprüfungsfirmen sind nicht nur bei den börsenkotierten Gesellschaften präsent, sondern auch im Segment der kleinen und mittleren Unternehmen. Stehen Sie da in einem harten Konkurrenzkampf?

Glanzmann: Ja, die Luft wird oben immer dünner. Mit jeder Fusion verschwindet eine kotierte Gesellschaft. Die Grossen richten sich entsprechend zunehmend auf das mittlere Firmensegment aus. Wir verfolgen jedoch einen anderen Ansatz, der von mittelständischen Unternehmen geschätzt wird. Die wollen nicht einfach ein gewichtiges Label haben, sondern einen Partner, der ihr Geschäft kennt.

Laufen die Mandate auch über den Preis?

Glanzmann: Teilweise spielen die Honorare sicher eine Rolle. Weil sich die Konkurrenz in jüngster Zeit verschärft hat, rückt der Preisaspekt vermehrt in den Vordergrund. In den wirtschaftlich guten Zeiten haben wir das kaum beobachtet.

Mit der neuen Revisionsaufsicht sind die Anforderungen an die Wirtschaftsprüfer markant gestiegen. Führt der regulatorische Druck in der Branche zu einer stärkeren Konzentration?

Glanzmann: Eine solche Entwicklung ist absehbar. Allerdings nicht als Schnitt zwischen den «Big 4» und den übrigen. Die Konzentration findet dort statt, wo die Abgrenzung zwischen den professionellen Wirtschaftsprüfern und denjenigen, die Wirtschaftsprüfung unter anderem noch angeboten haben, bisher erfolgte. Wir zählen uns als staatlich beaufsichtigtes Unternehmen zu den professionellen Wirtschaftsprüfern. Für Kleinstfirmen, die auch noch Abschlussprüfung machen, ist es anspruchsvoll geworden.

Anzeige

Einzelne Revisoren geben Mandate bei kotierten Gesellschaften ab, weil sie zu aufwendig sind. Können Sie davon profitieren?

Glanzmann: Nein, zumindest nicht bei Firmen, die an der Hauptbörse gelistet sind. Für solche grossen Mandate braucht es eine Infrastruktur, die sich nur bei mehreren kotierten Firmen rechnet. Dagegen sind für uns mittlere Unternehmen ein Thema, die an einer Nebenbörse vertreten sind.

Hängt das auch mit einer verstärkten Ausrichtung auf den nationalen Rechnungslegungsstandard Swiss GAAP FER zusammen?

Glanzmann: Das ist nicht das Hauptkriterium. Sicher ist unsere Kompetenz bei Swiss GAAP FER grösser als bei IFRS. An der Hauptbörse besteht nebst dem Aktienrecht eine zusätzliche Regulierung, mit der ein Abschlussprüfer vertraut sein muss.

Bei den meisten Unternehmen brechen im Zuge der wirtschaftlichen Abkühlung die Umsätze weg. Spüren Sie das in der Wirtschaftsberatung?

Glanzmann: Wir haben deswegen nicht weniger zu tun, aber es ist ein anderer Typ von Arbeit gefragt. Zurückgegangen sind die Mandate bei Mergers & Acquisitions. Demgegenüber erhöht sich die Nachfrage im Bereich von Umstrukturierungen und in geringerem Ausmass auch bei Sanierungen. Von einigen Ausnahmen abgesehen, etwa bei Firmen in Verbindung zur Automobilindustrie, stehen die schweizerischen KMU aber sehr gut da. Sie haben aus der Krise zu Beginn dieses Jahrzehnts gelernt und verfügen heute über ansehnliche Substanzpolster.

Für finanziell robuste Firmen mit hohen Cash-Beständen eröffnen sich Möglichkeiten zum preisgünstigen Zukauf.

Glanzmann: Solche Situationen nehmen wir bei unserer Beratungstätigkeit wahr, auch wenn sie die früheren Aktivitäten bei Transaktionen natürlich umfangmässig nicht kompensieren.

Sparen ist auch bei der Abschlussprüfung angesagt. Wählen kleine Unternehmen das Opting-out?

Glanzmann: Bei Neugründungen ist die Opting-out-Quote gross. Viele Jungunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern verzichten vorerst auf eine Revision. Dass jedoch etablierte Unternehmen mit bestehenden Revisionsaufträgen sich von diesen trennen ist höchst selten.

Der Verwaltungsrat sucht vermehrt die Unterstützung durch den Wirtschaftsprüfer. Schafft das zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten?

Glanzmann: Das ist schwierig zu beurteilen. Der Verwaltungsrat wurde durch die Grundsätze der Corporate Governance stärker sensibilisiert. Es gibt einen intensivierten Dialog mit dem Revisor. Bei der ordentlichen Revision haben wir bezüglich Zusatzaufträge gesetzliche Auflagen, die es zu respektieren gilt. Im Fall der eingeschränkten Revision waren wir im Rahmen der Möglichkeiten schon bisher relativ umfassend tätig.

Die Unabhängigkeitsvorschriften schränken den Abschlussprüfer bei Zusatzmandaten ein. Können davon in erster Linie mittelgrosse Wirtschaftsprüfer profitieren, die über das notwenige fachtechnische Rüstzeug verfügen?

Glanzmann: Ja, davon können wir sicher profitieren. Wir erhalten oft Anfragen für Beratungsmandate, die nicht oder nicht mehr mit der Tätigkeit des Revisors vereinbar sind. Das gilt etwa für transaktions- und bewertungsrelevante Aufgaben, die von den «Big 4» nicht mehr ausgeübt werden können. Die grossen Wirtschaftsprüfer arbeiten dabei lieber mit uns zusammen, als einem Mitbewerber der «Big 4» Arbeiten abtreten zu müssen.

Die Revisionsaufsicht sorgt in der Branche für höhere Qualitätsanforderungen. Wie setzen Sie das intern um?

Glanzmann: Das Mitarbeiterprofil für die Abschlussprüfung ist heute ganz klar vorgegeben. Früher gab es Firmenkundenberater, die nebenbei auch noch Revision gemacht haben. Jetzt sind das alles Leute mit klar definierten Ausbildungslehrgängen und Diplomen. Gleichzeitig ist der Aufwand für interne Schulungen gestiegen.

Balmer-Etienne ist vor knapp zehn Jahren über einen Firmenkauf vom angestammten Gebiet der Zentralschweiz nach Zürich vorgestossen. Ist eine weitere Expansion ge-plant?

Glanzmann: Wir wollen im Raum Zürich weiter wachsen. Zudem planen wir auch in anderen deutschsprachigen Zentren vor Ort zu sein.

Wo konkret?

Glanzmann: In Bern, Basel und eventuell auch in St. Gallen.

Welchen Zeithorizont geben Sie sich?

Glanzmann: Das ist offen. Derzeit geht es allen Treuhändern gut, und sie bleiben auch gerne unabhängig. Allerdings ändert sich das wirtschaftliche Umfeld. Das dürfte auch für uns Möglichkeiten für Firmen-übernahmen eröffnen. Wir starten an den neuen Standorten ganz sicher nicht auf der grünen Wiese, sondern suchen eine bestehende Plattform.

Streben Sie ein Netzwerk an, das dank einer Zentralisierung des administrativen Supports die Beratungsleistungen effizienter anbieten kann?

Glanzmann: Diese Kostensynergien sind sicher ein Teilaspekt. Entscheidend sind aber die Marktsynergien. Das können wir in Zürich beobachten, wo wir jetzt an Mandate herankommen, die früher unerreichbar waren. Dafür braucht es eine gewisse Grösse und die Präsenz vor Ort mit einem funktionierenden Kontaktnetz.

Wo liegt diese kritische Masse?

Glanzmann: Wir möchten in vier Jahren rund 150 Mitarbeiter beschäftigen.

Wollen Sie vom regionalen zum nationalen Player aufsteigen?

Glanzmann: Ja, zumindest in der Deutschschweiz.

Wie wird die internationale Vernetzung sichergestellt?

Glanzmann: Wir sind bei Urbach Young International das Schweizer Mitglied. Das ist ein Netzwerk von unabhängigen Beratungsunternehmen weltweit.

Ist in absehbarer Zeit mit der vollständigen Integration von Balmer-Etienne in diesen globalen Verbund zu rechnen, wie das früher für Schweizer Revisionsgesellschaften galt, die alle durch Mitglieder der «Big 4» geschluckt wurden?

Glanzmann: Nein, wir werden niemals im gleichen Ausmass integriert, wie das für die grossen Schweizer Anbieter heute zutrifft. Wir bleiben als unabhängiges nationales Unternehmen in diesem Netzwerk bestehen.