Ein Gang durch die Mailänder Möbelmesse, ein Schritt in die neusten Läden des japanischen Modekreateurs Issey Miyake, ein Drink in der Lounge des «Mercer»-Hotels in New York oder an der Bar des Hotels «Castell» in Zuoz ­ kurzum ein geschärfter Blick auf die aktuelle Design- und Architekturszene zeigt es: Corian¨, das massive Oberflächenmaterial von Du Pont, gewinnt eine neue Anhängerschaft ­ international, hochrangig, jung und experimentierfreudig. Das einmalige Material, hergestellt aus Bauxit und Acryl, beflügelt die Kreativität und reizt zur Auseinandersetzung. Das Resultat sind ästhetisch gelungene und interessante Möbel, praktische, moderne Küchenkonzepte, elegante und sinnvolle Badezimmer-Einrichtungen, stimmungsreiche Lichtinstallationen und architektonisch reizvolle Einrichtungsideen.

Es begann in der Küche

Das Material mit dem angenehm warmen Touch wurde lange fast ausschliesslich in der Küche als Oberflächenabdeckung eingesetzt und im Badezimmer für Abdeckungen mit integriertem Waschbecken. Seit einigen Jahren hat sich ein Wandel vollzogen: Wegen seiner besonderen Qualitäten wie Thermoverformbarkeit, Dreidimensionalität und Farbpalette wird dieser Werkstoff zunehmend von Designern entdeckt, verwendet und vor allem geschätzt.

Küchenabdeckungen sind die klassische und beliebteste Anwendung für dieses widerstandsfähige und langlebige Material, das bereits sein viertes Jahrzehnt antritt. Die Küche ist in einem Haus Teil der Wohnzone. Auf ihre Gestaltung und Ausstattung wird mehr und mehr Wert gelegt. Diese Entwicklung hat solche Materialien in den Vordergrund gerückt, weil sie schön, vielseitig einsetzbar und praktisch zugleich sind. Immer zahlreicher sind die aktuellen, gelungenen Kreationen, bei denen dieser Werkstoff ins Zentrum rückt und das Basismaterial eines ambitionierten, vollständigen Küchenkonzeptes wird. Ein überzeugendes Bild davon bot die diesjährige Mailänder Möbelmesse mit den Küchen «Cucina Grande» oder «Segno» von Claudio Colombo, aber auch mit «Sistema Cucine» von Piero Lissoni, alle für Cappellini gezeichnet. Ein weiteres Beispiel ist die elegante und zugleich praktische Küche «Nomis», eine der jüngsten Kreationen des international tätigen Schweizer Designers Hannes Wettstein, die ebenfalls in Mailand zu sehen war. «Nomis» reduziert sich auf ein langes Rechteck, das in den Raum gestellt wird. Der kompakte Küchenblock enthält alles, was es zum Kochen und Arbeiten in einer Küche braucht. Für eine Variante der Küche wählt Wettstein Corian¨. Nur dieses Material erlaubte es ihm, die Schubladen- und Schrankgriffe in die Oberfläche zu integrieren und somit den Effekt der Dreidimensionalität zu erreichen und zu unterstreichen. Hannes Wettstein gefielen auch die Ausstrahlung und die Haptik des Materials sowie deren Farbpalette.

Wie die Küche hat auch das Bad eine Veränderung erfahren: Der Raum wird zur Oase der Ruhe, zu einem Zufluchtsort nach einem stressigen Tag oder zum Startpunkt in den Tag, in dem man sich wohl fühlen und Kräfte tanken will. Der Trend nach sinnlichen Badezimmern hat sich im privaten Bad, aber auch im Hotelbad durchgesetzt. Die Badausstattung fällt dadurch mehr ins Gewicht. All diesen neuen Anforderungen kommt der beliebte Werkstoff entgegen. So hat auch Jean Nouvel das Material für die Badezimmer im «The Hotel», Luzern, bewusst gewählt.

Licht und Schatten

Mit einem besonderen Aspekt des Werkstoffs haben sich Michael Young und Claudio Colucci beschäftigt: Dem Spiel von Transparenz und Opazität, von Licht und Schatten. Vor einem Jahr hat Michael Young an der trendigen Messe «100% Design» in London ein Panel aus Corian¨ gezeigt mit eingravierten grafischen Mustern. Das Wandelement ist von innen beleuchtet und bringt gekonnt die Transparenz des Materials zum Ausdruck. «In der Arbeit entdeckten wir, wie das Licht, je nach Dicke des Stückes, schwächer oder stärker durch das Material dringt. Diese Entdeckung inspirierte uns, gab uns einen Kick. Wir wollten herausfinden, wie sich die Transparenz des Materials verhält, wenn die Oberfläche mit Hilfe der CNC-Technologie verschieden tief bearbeitet und eingeritzt wird. Es entstand etwas Einzigartiges: Eine Wand mit einer Struktur, die faszinierende Lichteffekte erzeugt.» Der britische Designer ist ein überzeugter Anhänger des Werkstoffs, den er auch in ganzen Innenarchitektur-Konzepten eingesetzt hat, wie zum Beispiel für eine Bar in Reykjavik oder für die Innengestaltung einer Modeboutique. Seine Recherchen zu den Möglichkeiten, die der Werkstoff im Spiel mit Licht bietet, treibt er weiter. Die neuen Projekte wird er im Oktober 2002 an der Messe «Interior» im belgischen Kortrjik vorstellen.

Der in Frankreich lebende Designer Claudio Colucci hat sich ebenso begeistert von diesem Thema packen lassen und drei Lampen entworfen, die wie Skulpturen wirken. Wie sehr und warum er sich mit dem Material und seinen spezifischen Eigenschaften befasst hat, beschreibt er selbst: «Die drei Lampen aus Corian¨ sind Teil eines grösseren Projektes. Jede Lampe ist als Einzelstück ­ wärmegeformt und gefertigt. Das Beleuchtungssystem ist im Innern der Lampe von oben nach unten angelegt. Die Oberfläche ist auf der Innenseite des Lampenschirms mit Gravuren verziert. Diese werden nur sichtbar, wenn die Leuchte angezündet ist. Die Leuchte erzielt einen ganz anderen Effekt, je nachdem, ob sie ein- oder ausgeschaltet ist. Ich wählte dieses Material für meine Lampen, weil es alle Qualitäten vereint, die ich in meiner Arbeit suche. Es erinnert mich einerseits an ein Stück weissen Carrara-Marmor, der das Licht durchschimmern lässt und deshalb wunderbar lichtvoll ist. Für mich ist dieser Werkstoff ein sehr organisches Material, das sich je nach Lichtverhältnissen verändert, fast wie eine Haut; es ist ein Material, auf dem jedes Detail sichtbar wird.»

Neuerdings übt das Material auf den Designer oder den Architekten, der die Anforderung und somit die Herausforderung zur Auseinandersetzung angenommen hat, eine besondere Faszination aus. Dies drückt zum Beispiel Carlos Bustos aus, indem er für die Herstellungstechnik seines «Red Low Table» unablässig nach Vereinfachung sucht. Obwohl er schon lange mit dem Material vertraut ist, scheut er keine Mühe, nach neuen Mitteln und Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen. Für «Red Low Table» können die runden Einbuchtungen der Früchteschale in einem einzigen Arbeitsgang und aus einem einzigen roten Stück geschaffen werden. Die Früchteschale lässt sich in den Tisch integrieren, weil das Material porenlos und somit total sauber ist. Darüber hinaus ist der Werkstoff leicht zu reparieren, Kratzer und Beschädigungen an der Oberfläche sind leicht zu entfernen.

Zwei Aspekte

Die junge, norwegische Möbeldesignerin Cathrine Torhaug hat sich von zwei Aspekten der Verformbarkeit des Werkstoffs herausfordern lassen: Für die Bank Boomy hat sie mit einem Negativabdruck des Gesässes die Funktionalität von Design mit einem Augenzwinkern angetippt. Mit dem Tisch «Wave» ging sie an die Grenzen der Verformbarkeit. Er ist aus einer Platte geformt, scheint auf den ersten Blick aber aus mehreren Elementen komponiert. Wie viel Recherche in diesem Stück steckt, sieht man nicht auf den ersten Blick. Im Gegenteil: Der Tisch wirkt schwebend und leicht.

Christian Ghion hat mit der Liege «Shadow» für Cappellini Corian¨ gewählt, weil er seine Aufgabe als Designer so versteht, dass er im Gebrauch von neuen Materialien alte Designschranken zu überwinden sucht. Dies ist ihm mit der geschwungenen Hightech-Liege gelungen, dabei hat er ein breites Publikum auf die starke Ausstrahlung dieses Materials aufmerksam gemacht.

verletzungsgefahr minimieren

Sicher ist mit Corian¨ noch lange nicht das Letzte kreiert und entworfen worden. Ein weiteres wichtiges Anwendungsgebiet, in dem dieses Material zunehmend Einzug hält, sind Arztpraxen, Labors und Spitäler. Dort wird das Material wegen seiner unglaublichen Hygiene, Robustheit und Ästhetik bevorzugt. So hat die kantonale Universitätsklinik in Genf für die Wand- und Deckenverkleidung der acht neuen Operationssäle diesen Werkstoff gewählt. Das Personal und die Architekten entschieden sich für den Pfirsichton «Peach». Jeder bestätigt, dass dieser weiche Farbton eine heitere Gelassenheit ausstrahlt, die bei der Arbeit hilft. Am Universitätsspital Zürich ist der Werkstoff in der Gebärabteilung für Wickeltische, Babywannen und Arbeitsplatten im Einsatz. Massgebendes Argument war, dass das Material warm und angenehm in der Berührung ist und Schall schluckt. Auch die Paraplegikerzentren in Nottwil und in Zürich (Klinik Balgrist) haben sich für das Material entschieden, weil damit Möbel und Objekte mit gerundeten Formen ohne Ecken und Kanten kreiert werden können, um die Verletzungsgefahr von Patienten zu minimieren.

Dass dieser über dreissig Jahre alte, vielseitige Werkstoff die Design- und Architekturtäter mehr denn je zum Denken, Recherchieren, Entwickeln und Kreieren anregt, ist sein ganzer Erfolg.

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