Was vor elf Jahren quasi per Dekret begann, entwickelte sich zur Erfolgsgeschichte, die das Reisen hierzulande weiter nachhaltig fördern will: Bislang haben über neun Mio Passagiere via Railaway ein Freizeitangebot gekauft und dafür nicht mehr die Strassen, sondern die Schienen genutzt, um dank eines Kombi-Billetts eine Sehenswürdigkeit oder eine Veranstaltung mit Rabatten zwischen 10 und 30% zu besuchen. Von 2000 bis 2009 erwirtschaftete man so nicht nur einen Gesamtumsatz von fast 1,2 Mrd Fr., sondern vermittelte dem nationalen Tagestourismus zudem eine geschätzte Wertschöpfung von über 1,1 Mrd Fr.

«Heute positioniert sich Railaway als der führende sowie grösste Freizeitanbieter für Tages- und Event-Ausflüge in der Schweiz, sowohl für Individual- als auch für Gruppenreisende», erklärt René Kamer, Mitbegründer sowie Geschäftsführer des Luzerner KMU, an dem die SBB 86% halten. Die restlichen 14% teilen sich acht weitere Transportunternehmen wie BLS, JB, MGB, RhB oder SGV. Dies war die Ur-Vision, die spätestens zum 10. Geburtstag umgesetzt werden sollte. Der Geburtstag wird 2010 mit diversen Aktionen gefeiert - so wurde am 4. Mai eine Lokomotive auf den Namen SBB Railaway getauft.

Vom Bund zum Erfolg verdammt

Die Weichen für diese Innovation wurden eigentlich vom Staat gestellt, denn ursprünglich war das KMU gar nicht als Teil des Eisenbahnkonzerns vorgesehen. Am 1. Januar 1999 wurde aus den SBB eine spezialrechtliche AG, die vom Bundesrat unter anderem folgenden Leistungsauftrag erhielt: «Förderung des Freizeitverkehrs mit der Bahn.» Primär ging es darum, die Transportmittelwahl im Personenverkehr (Modalsplit) für Freizeitaktivitäten zugunsten des Öffentlichen Verkehrs (ÖV) zu erhöhen und die Züge besser auszulasten, vor allem in den Nebenverkehrszeiten an den Werktagen sowie am Wochenende.

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Im vergangenen Jahr waren es erstmals mehr als zwei Mio Bahnreisende, die in ihrer Freizeit mit einem vergünstigten Kombi-Billett von Railaway unterwegs waren. Dies entspricht nach eigenen Angaben einem Marktanteil im Schweizer Freizeitverkehr von 20,7% - die restlichen 79,3% nutzen nach wie vor das Auto für ihre Ausflüge. «Unseren Marktanteil wollen wir bis 2020 um mindestens 5% steigern», umschreibt Kamer seine nächste Vision.

Sekundär ging es darum, das neue Geschäftsmodell samt Businessplan aufzugleisen und die Firmengründung extern auszuschreiben. Mit dem Projekt wurde René Kamer betraut, der zuvor zwölf Jahre für die Rigi Bahnen in leitenden Funktionen tätig war. «Wie beim Pendlerverkehr sollte bei den SBB auch für den Freizeitverkehr eine Vorwärtsstrategie entwickelt werden», sagt Kamer, «der Freizeitverkehr war früher noch kein strategisches Geschäftsfeld. Heute ist der Freizeitverkehr ein grosser Wachstumstreiber der SBB.»

Bereits Mitte 1999 standen die ersten Angebote. Nachdem sich diese über Erwarten gut verkauf hatten, wurde beschlossen, das dazugehörige Unternehmen als eigenständige SBB-Tochter selbst zu lancieren. Am 2. Dezember 1999 wurde Railaway mit einem Aktienkapital von 100 000 Fr. gegründet. Diese minimale Investition war das einzige Geld, das von aussen in die Firma geflossen ist, weil der Breakeven schon nach dem ersten Geschäftsjahr erreicht wurde. «Unser Auftrag ist es, selbsttragend zu sein», betont Kamer, «wir müssen keine hohen Profite abliefern, sondern eine schwarze Null schreiben.» Daher wird auch keine Dividende ausgeschüttet. Was unter dem Strich als Betriebsergebnis resultiert, wird als Gewinnvortrag ins nächste Geschäftsjahr transferiert.

Dies hat laut Kamer zwei Vorteile: Zum einen investiert Railaway die flüssigen Mittel neben Personal und Infrastruktur in seine Marketingaktivitäten - von 2000 bis 2009 immerhin 56,7 Mio Fr., zum anderen macht die finanzielle Autonomie Railaway von seinem Mutterhaus unabhängig, was es umgekehrt erleichtert, mit den unterdessen knapp 700 Tourismus- und 120 Veranstaltungspartnern zusammenzuarbeiten, weil diese vermutlich lieber mit einem neutralen Vermittler kooperieren.

Gemeinsam mit dem SBB-Personenverkehr werden gut 4,5 Mio Fr. in die neue Werbekampagne gesteckt. Das ganze Jahr profitieren Kunden Monat für Monat von zehn Jubiläums-Hits; jeweils einen mit 50% und neun mit 30% Rabatt. Die angepriesenen Freizeitideen werden stets von Sergio, Benoît und Beat - kurz SBB - beworben. Die drei rüstigen Herren sind die Hauptfiguren der TV-Spots und Inserate. Sie sollen dazu beitragen, dass Railaway 2010 im Markt Schweiz mindestens 80 Mio Fr. (2009: 77,9) umsetzt. Zusammen mit den ausländischen Gästen ist ein Gesamtumsatz von 210 Mio Fr. (2009: 214,3) budgetiert.

Nächster Quantensprung geplant

Die ersten Monate des Jahres lassen sich laut René Kamer gut an. «Wir sind ausgezeichnet gestartet und haben das beste Quartalsergebnis aller Zeiten verzeichnet.» Seiner Einschätzung nach hält nach dem Krisenjahr 2009 auch im Konsolidierungsjahr 2010 der Trend der Schweizer nach mehr Freizeitkonsum im eigenen Land an: «Wir profitieren vom wirtschaftlich schwierigen Umfeld sogar überproportional. Mit unseren kostengünstigen Angeboten treffen wir im preissensiblen Markt den Zeitgeist voll.»

Ein grosses Defizit ortet Kamer trotzdem: «Wir sind nicht online buchbar.» Zwar könne man SBB-Bahntickets im Internet erwerben, aber nicht in Kombination mit den touristischen Leistungen der Partner von Railaway. Immerhin handelt es sich dabei um 500 Angebote, die derzeit nur an den 450 Verkaufsstellen der Bahn zu haben sind. Deren Online-Verkauf soll bis 2012 zumindest im Ansatz stehen. «Dies wird für Railaway ein weiterer Quantensprung.» Denn Kamer ist überzeugt, dass «die Wachstumsmöglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind».