Im Anfang war der Gartenschlauch. Wie das Unternehmen On Schuhe mit röhrenartigen, dämpfenden Versatzstücken ersann und daraus einen Welterfolg machte, gilt als eine der schönsten Wirtschaftsgeschichten der jüngeren Zeit. Eine Story mit viel Swissness, denn erdacht wurde die «Gartenschlauch»-Technologie – später hiessen die für Dämpfung und Energierückgewinnung zuständigen Teile dann «Clouds» – in der Schweiz.
Hergestellt werden die Schuhe aber nicht hier. Wie in der Welt der hochgezüchteten Running-Schuhe und schicken Sneaker üblich, lässt auch On in Fernost produzieren. Wer mithalten will in der schnell getakteten globalen Sportschuhszene, kann wohl nicht anders. It’s the sneaker economy, stupid!
«Lex On» – die Swissness-Light-Variante
Darf ein solcher Schuh, in der Schweiz erdacht, aber in Vietnam hergestellt, das Schweizerkreuz tragen? Bisher galt: Darf er nicht. Das strenge Swissness-Regelwerk, um das in der Schweiz mit Verve gestritten wurde, hält fest, dass grundsätzlich 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen müssen und hierzulande eine für das Produkt wesentliche Tätigkeit vorzunehmen ist. Da passt Made in Vietnam nicht.
Jetzt hat On den sogenannten Swissness-Streit gewonnen. Das Eidgenössische Institut für Geistiges Eigentum (IGE) hat eine «Präzisierung zur Swissness-Gesetzgebung» veröffentlicht. Das Wesen der Sache, die auch «Lex On» genannt wird: Wenn Schweizer Forschung (Swiss Research) oder Schweizer Entwicklungskunst (Swiss Engineering) involviert sind, kann das Schweizerkreuz auch bei Herstellung im Ausland verwendet werden. Die «Praxispräzisierung» lautet so: «Das Schweizerkreuz muss genau zwischen den beiden Wörtern (beispielsweise Swiss und Engineering) platziert werden, und die Seitenlänge des Quadrats darf maximal gleich gross wie die (einheitlich grosse) Schrift dargestellt sein.»
So sei sichergestellt, dass das Schweizerkreuz nicht als Swissness-Hinweis für das ganze Produkt verstanden werde.
Diese Swissness-Variante ist nicht leicht zu erfassen
Mit Verlaub: Ein Emblem wie das Schweizerkreuz wird in einem Sekundenbruchteil erfasst, beurteilt und in die Zahlungsbereitschaft eingepreist. Das menschliche Reptilienhirn ist nicht dafür gemacht, ein Merkmal differenziert zu interpretieren.
Ja, in der modernen Welt ist es üblich geworden, dass Engineering und Research nicht am gleichen Ort wie die Herstellung stattfinden. Aber wo ein Schweizerkreuz drauf ist, soll auch richtig viel Schweiz drin sein. Dies nicht nur als zugkräftiges Symbol für die Konsumenten, sondern auch als Schutz und Ehrung für all diejenigen Firmen und Marken, die tatsächlich noch in der Schweiz produzieren. Die also Know-how im Land behalten, hier Jobs bereitstellen, Aus- und Weiterbildung bieten und so auf dem Werkplatz Schweiz tagtäglich für wahre Swissness sorgen.
Ein weltweit anerkanntes und geschätztes Emblem per «Praxispräzisierung» zu verwässern, ist nicht nur falsch. Es ist kreuzfalsch.

