GENERATION PRAKTIKUM. Den Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Temperatur kennt jeder. Objektive Wirklichkeit und subjektive Wahrnehmung stimmen nicht immer überein. Ähnliches scheint auch mit dem sogenannten Generation Praktikum der Fall zu sein. Seit 2005, als der Begriff in der Zeitung «Die Zeit» auftauchte, geistert er als Schreckgespenst durch die europäische Hochschullandschaft. Er besagt, dass eine ganze Absolventengeneration in Praktika von der Wirtschaft als billige Arbeitskräfte missbraucht werde.

Weil das für die Unternehmen so bequem sei, reihe sich für die auf den Arbeitsmarkt gespülten Akademiker gleich Praktikum an Praktikum. So zappeln sie angeblich wie Flundern im Netz einer Falle – «floundering periode» beschreibt denn auch der englische Ausdruck eben jenen Zustand.In Deutschland hat das Thema nicht nur Zeitungsseiten gefüllt. Und siehe da: War die Generation Praktikum erst einmal erfunden, merkten auch Schweizer Studierende, dass ihr Einstieg ins Arbeitsleben offenbar vermehrt über die Praktikumsschleife erfolgt. Noch im Frühling dieses Jahres schrieb die Autorin eines Studentenblogs: Man müsse froh sein, überhaupt eine der begehrten Stellen zu bekommen, um dann für einen Hungerlohn oder gar umsonst sein Bestes zu geben.

Harte Fakten

Diese Unkenrufe brachte im August eine Studie des Bundesamts für Statistik (BfS) erst einmal zum Schweigen, zumindest vo-rübergehend. Ihr Befund: Die Generation Praktikum ist ein Mythos. Seit 1977 führt das BfS eine Befragung der Universitätsabsolventen durch, wobei die berufliche Position ein Jahr nach Studienabschluss untersucht wird. Daraus geht hervor, dass sich zwischen 1991 und 2005 der Anteil der Absolventen, die über ein Praktikum ins Berufsleben einsteigen, kaum verändert hat. Klammert man die Juristen aus, die für den Erhalt des Anwaltspatents zwingend Praktika absolvieren müssen, schwankte der Anteil zwischen niedrigen 6 und 8%, immerhin 84,2% davon durchlief lediglich ein einziges Praktikum von durchschnittlich fünf Monaten Dauer. Nach fünf Jahren haben 79% der ehemaligen Praktikanten eine Voll- oder Teilzeitstelle gefunden. Nur jeder Zehnte von ihnen war erwerbslos.So leicht lassen sich aber Gespenster nicht vertreiben. Für Adrian Bührer, CEO der Online-Studentenplattform students.ch, sind Praktika nicht einfach das Problem einer Minderheit. «Die Nachfrage nach ihnen ist gross, das Angebot eher dürr», meint Bührer auf der Grundlage der Erfahrungen mit der eigenen Stellenbörse auf stutents.ch. Auch ungeachtet der statistischen Wahrheiten des BfS will Bührer eine Tendenz wahrnehmen, wonach Studierende den Weg zur festen Anstellung vermehrt über ein Praktikum verdienen müssen. Ihm seien zudem Personen bekannt, bei denen die Praktikumsfalle tatsächlich zugeschnappt habe – vor allem die wirtschaftsfernen Phil-Einer könnten leicht zu zappelnden Flundern werden, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln.

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Phil-Einer und Frauen betroffen

Unrecht hat er damit nicht gänzlich. Dass in erster Linie Geistes- und Sozialwissenschaftler in einem Praktikum ihre Sporen abverdienen, besagt auch die Studie des BfS. Doch schon 1995 zogen 15% der Phil-Einer eine Prakikumsschlaufe vor dem Eintritt in die reguläre Berufstätigkeit. Nach rückläufigen Tendenzen stieg der Anteil 2005 erneut in Richtung dieser Marke, ohne sie aber 2005 zu erreichen. Immerhin kann gesagt werden, dass das Praktikum für die Geistes- und Sozialwissenschaftler eher als für Absolventen anderer Fachrichtungen eine Brückenfunktion übernimmt, um den Einstieg in eine geregelte Erwerbstätigkeit zu schaffen.Vom Phänomen überdurchschnittlich betroffen sind indes auch Frauen. Weibliche Absolventinnen findet man im Durchschnitt 4,7% häufiger in einem Praktikum als ihre männlichen Kollegen. Zu erklären ist das mit dem zunehmenden Frauenanteil und den gewählten Fachrichtungen – wiederum vor allem Geistes- und Sozialwissenschaften. Frauen, so schreibt das BfS, seien häufiger bereit, Praktikums-, Teilzeit- oder befristete Stellen und die damit verbundenen finanziellen Einbussen in Kauf zu nehmen.Und immerhin darin bestätigt die Studie auch die Betroffenheitsoptik: Wer ein Praktikum durchläuft, verdient nicht übermässig. Insbesondere in Branchen mit hoher Beliebtheit, Kommunikation und Werbung beispielsweise, müsse man sich schon sehr nach der Decke strecken, weiss Bührer aus eigener Erfahrung. Er selbst musste mit einem Praktikumslohn von 1500 Fr. auskommen. «Was unter 2500 Fr. liegt, sollte man gar nicht annehmen», fordert der CEO von students.ch.Die Klage, als billige Arbeitskraft ausgenutzt zu werden, ist zumindest dann nicht von der Hand zu weisen, wenn die Arbeitsinhalte nicht einmal der fachlichen Qualifikation entsprechen, wenn kaum der eigentliche Zweck, das Vermitteln von Erfahrungen über das Kaffeemachen hinaus, gewährleistet ist. Eine Garantie dafür, dass die Qualität stimmt, gibt es aber nicht. Tatsächlich musste sich gemäss BfS jeder sechste Universitätsabsolvent mit einem Praktikum begnügen, das gar nicht für Hochschulabsolventen gedacht war, und 2005 gaben 17% der Befragten an, in ihrem Praktikum unterfordert gewesen zu sein.Ganz so quer in der Landschaft steht denn eine Forderung der Gewerkschaft Travaille.Suisse nach einer Reglementierung für Praktika nicht, wie sie notabene nach Veröffentlichung der BfS-Studie erhoben wurde. Für Bührer ginge jedoch ein solcher Schritt zu weit. «Besser eine Art Gütesiegel», schlägt er vor.