Sie verfolgen als Finanzprofessor in den USA die Diskussion rund um den Staatsvertrag zum Fall UBS. Wäre ein Nein des Parlaments tatsächlich so schlimm, wie der Bundesrat immer sagt?

Alfred Mettler: Ein Nein wäre in höchstem Masse problematisch. Die Schweiz hätte nur noch sehr beschränkte Handlungsmöglichkeiten. Noch dramatischer finde ich etwas anderes: Die Schweiz käme wieder in die globalen Schlagzeilen, und dies nicht positiv. Ein Imageverlust ist aber das Letzte, was das Land jetzt braucht.

Haben die USA kein Verständnis für die Entscheide eines demokratischen Staates und seiner Justiz?

Mettler: In den USA hat man für unsere politischen Prozesse sehr viel Verständnis. Aber diese mögen noch so richtig sein, süffige Schlagzeilen ergeben sie nicht. Die amerikanischen Medien könnten etwa argumentieren, dass sich die Schweiz weigert, die Versprechungen ihrer eigenen Regierung zu erfüllen. Und schon ist das Land wieder in den Nachrichten als Paradies für Steuerflüchtlinge.

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Was soll die Schweiz tun?

Mettler: Es ist nicht unbedingt strategisch klug, in einem internationalen Konflikt stur auf seinem Standpunkt zu beharren - insbesondere, wenn auf der Gegenseite eine Grossmacht steht. Da müsste die Schweiz doch feinfühliger sein, so wie sie es bisher immer war.

Müssen sich das auch die Parlamentarier sagen, wenn sie im Juni über den Staatsvertrag befinden?

Mettler: Ich hoffe sehr, dass sich im Parlament die Vernunft durchsetzt. Dazu kommt, dass der Vertrag mit den USA das Beste war, das unter den damaligen Umständen herausschauen konnte.

Was wäre neben dem Imageverlust noch zu befürchten?

Mettler: Die USA würden auf jeden Fall Gegenmassnahmen ergreifen. Welche diese genau wären, lässt sich nur schwierig voraussagen.

Der UBS die Lizenz entziehen?

Mettler: Daran glaube ich zwar weniger. Doch wäre es schon verheerend genug, wenn diese Drohung wieder im Raum stände. Die UBS würde sofort weitere Kundengelder verlieren.

Es wird noch von weiteren Massnahmen gesprochen, etwa der Behinderung des Warenverkehrs oder der Sistierung des Doppelbesteuerungsabkommens.

Mettler: Klar ist: Es würde unangenehm sein. Das Doppelbesteuerungsabkommen könnte zum Beispiel von den USA auf die lange Bank geschoben und nicht ratifiziert werden. Die amerikanischen Behörden könnten andere Schweizer Banken stärker unter die Lupe nehmen und deren Geschäftstätigkeit stark behindern.

Zeigt der Fall Goldman Sachs nicht, dass die US-Regierung keine Samthandschuhe anzieht?

Mettler: Zwei Dinge werden in den USA viel strenger geahndet als in der Schweiz: Steuervergehen und Insiderdelikte, so wie im Fall Goldman Sachs. Hier kennt die Justiz keinen Spass und klagt sogar die politisch am besten vernetzte US-Bank ein. Das sagt alles darüber, was einer Firma passieren kann, die Grundsätze verletzt, die den Amerikanern heilig sind.

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In der Schweiz drohen Politiker, sie liessen den Staatsvertrag scheitern, wenn nicht Lösungen für die Boni-Exzesse und die Systemrisiken auf den Tisch kämen.

Mettler: Das darf man nicht verknüpfen. Die Problematik des Systemrisikos ist für kein Land grösser als für die Schweiz. Nur: Es ist nicht so dringlich wie der Staatsvertrag. Der Zusammenbruch einer Grossbank geschieht nicht so plötzlich wie ein Vulkanausbruch. Es wird Jahre dauern, bis eine Krise wie die vergangene wieder möglich ist. Das Problem mit dem UBS-Vertrag stellt sich hingegen jetzt.

Ist es vermessen, die Probleme des Systemrisikos und der Boni bis im Juni lösen zu wollen?

Mettler: Es ist weder nötig noch seriös machbar. Das Systemrisiko-Problem benötigt globale Anstrengungen. Bei den Boni könnte man jetzt zwar einzelne Massnahmen beschliessen, aber das Problem lässt sich auch noch - und vermutlich besser - später lösen.

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Die UBS hat sich den Zorn des Parlaments selber eingebrockt. «Selber schuld», könnte man doch sagen.

Mettler: Die UBS ist nicht nur systemrelevant, sondern auch in höchstem Mass relevant für die Schweiz. Die Schweiz kann nicht die Augen zukneifen wie bei einer kleinen Firma, die nach einem selbstverschuldeten Fehlverhalten untergeht. Nach einem Nein zum Staatsvertrag muss es wieder der Staat auslöffeln. Das Problem UBS ist längst zu einem Problem Schweiz geworden.

Was würde ein Nein für den Finanzplatz bedeuten?

Mettler: Es wäre ein grosser Rückschritt. In den nächsten Monaten muss die Schweiz eine Strategie entwickeln, wie sie den Finanzplatz neu positionieren will. Wie will ein Land eine solche Strategie verkaufen, wenn es bereits wieder in der Defensive ist und überall Brände löschen muss?

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