Umweltschutz und ökologische Verantwortung sind in den letzten 20 Jahren immer stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Nicht zuletzt der Report des UN-Klimarates aus dem Jahr 2007 hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet: Er erbrachte wissenschaftliche Belege dafür, dass die Hauptursache des Klimawandels in menschlichen Aktivitäten zu finden ist. Überaus öffentlichkeitswirksam war auch die Vergabe des Friedensnobelpreises 2007 an eine Initiative, welche die Konsequenzen der momentanen Entwicklungen des Klimas verdeutlicht. Mit Al Gore, dem ehemaligen Vizepräsidenten der USA, steht eine einflussreiche Persönlichkeit an der Spitze einer Bewegung, die mehr ökologisches Verantwortungsbewusstsein fordert.

Veränderte Rahmenbedingungen

Neben der moralischen Verpflichtung zum umweltbewussten Handeln treten zunehmend ökonomische Motive in den Vordergrund: Je mehr ökologische Nachhaltigkeitsprobleme im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung verankert werden, desto wichtiger wird es für die Produzenten von Gütern und Dienstleistungen, ihrer ökologischen Verantwortung gerecht zu werden. So nehmen zunehmend strengere Regulierungen des Gesetzgebers schon heute gewichtigen Einfluss auf das unternehmerische Handeln. Hinzu kommt, dass immer mehr Verbraucher die ökologische Bilanz eines Produktes in ihre Kaufentscheidung einbeziehen. Mittlerweile hat der Fokus der Kunden sogar weitere Teile der Wertschöpfungskette bzw. Supply Chain - von der Rohstoffgewinnung über die Produktion bis zum Recycling - erreicht. Ein Trend zur Integration von ökologischer Verantwortung und ökonomischem Erfolg ist deutlich erkennbar.

Green-Supply-Chain-Management (GSCM)-Konzepte haben das Ziel, genau diese Integration von ökologischer Verantwortung und ökonomischem Erfolg umzusetzen. GSCM geht dabei von der Prämisse aus, dass die ökologische Verantwortung eines Unternehmens über den eigenen Produktionsbereich hinausreicht. Zulieferer, Logistikanbieter und Entsorger sind somit in eine ökologisch verantwortbare Gesamtlösung einzubeziehen. Entscheidend für die Realisierung eines solchen Gesamtkonzeptes ist, wie ernsthaft Unternehmen sich mit dieser zusätzlichen Herausforderung auseinandersetzen. Echte Lösungsansätze sind von Lippenbekenntnissen und Marketingfloskeln zur Imageaufpolierung zu unterscheiden. Dass häufig eine deutliche Diskrepanz zwischen ökologischem Anspruch und betrieblicher Realität besteht, zeigt eine Studie zum Thema Green Supply Chain, die von der Management- und Technologieberatung BearingPoint in Zusammenarbeit mit mehreren Partnern global durchgeführt wurde.

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Zwar bekennt sich ein Grossteil der befragten Unternehmen zur Wichtigkeit ökologischer Themen und lässt diese auch in strategische Entscheidungen einfliessen. Allerdings führen diese Überlegungen laut Studie in weniger als der Hälfte der Fälle zu einem ganzheitlichen Ansatz, der weitere Teile der Wertschöpfungskette miteinbezieht. Zudem wird dem Thema Green Supply Chain nur eine geringe Bedeutung beigelegt. Bei fast allen befragten Unternehmen wird nur ein kleines Budget zur Verfügung gestellt für die Entwicklung der Supply-Chain-Massnahmen zur Minderung der Umweltbelastung.

Sehr oft wird die Kostenkategorie nicht einmal gesondert abgerechnet. Laut Studie begründen die Unternehmen ihre Investitionszurückhaltung mit der Annahme, dass die Umsetzung eines GSCM- Entwurfs zu hohe Kosten verursache. Weitere Gründe sind die hohe Komplexität der verschiedenen Lösungsansätze sowie mangelnde Informationen bezüglich des gesetzlichen Rahmens. Dabei zeigt ein kurzer Blick auf das Grundgerüst des GSCM-Ansatzes, dass zumindest Teile des Gesamtkonzepts oft sehr einfach umsetzbar sind. Andere Teile bedingen zwar grösseren Aufwand und Investitionen, stellen jedoch nicht zu unterschätzende Innovationspotentiale für eine erfolgreiche Differenzierung dar.

Nach Erkenntnis eines europäischen Umweltamtes werden durchschnittlich 80% der Umweltbelastungen, die durch ein Produkt entstehen, bereits in der Entwicklungsphase determiniert. Ein ökologisch sinnvolles Design (Green Design oder Ecodesign) sollte daher den mit dem Produkt verbundenen Ressourcenverbrauch ganzheitlich berücksichtigen.

Auch die Entstehung von Abfällen sollte bereits in der Entwicklung intelligent antizipiert und minimiert werden. Hierzu sind Know-how und Informationen, die zum Teil weit über das Umfeld des eigenen Unternehmens hinausgehen, notwendig. Eine Umsetzung von Green-Design-Prinzipien ist daher eine Aufgabe, die nur langfristig und nur durch aktiven Informationsaustausch innerhalb der Wertschöpfungskette bewerkstelligt werden kann.

Gemeinsame Verantwortung

Besonders durch den Outsourcing-Trend der letzten Jahre sind in einer Supply Chain oft viele Teilnehmer an der Erstellung eines Produktes beteiligt. Ökologisch sinnvolle Lösungen sind daher meist nicht ohne Einbeziehung der externen Partner möglich. Das Bewusstsein, dass Unternehmen ihrer ökologischen Verantwortung nur über eine entsprechende Einflussnahme auf ihre Partner gerecht werden können, muss sich allerdings noch verfestigen. Green Sourcing ist ein Konzept, das genau hierbei unterstützt, ökologisch sinnvolle Lösungen umzusetzen.

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Neben Green Sourcing spielt im operativen Bereich auch Green Manufacturing eine entscheidende Rolle. Hier wird die Verbindung zwischen ökologischen und ökonomischen Vorteilen deutlich sichtbar. So zielt Green Manufacturing darauf ab, den Verbrauch von Ressourcen (Strom, Wasser, Rohstoffe, etc.), den Ausstoss belastender Emissionen sowie den Produktionsausschuss (Abfälle) zu minimieren. Der positive Effekt auf die Produktionskosten und die Ökobilanz verdeutlicht, dass grüne Innovationen potenzielle Wettbewerbsvorteile ermöglichen, die oft schnell realisiert werden können.

Auch wenn es um das fertige Produkt geht, spielt GSCM eine bedeutende Rolle. So findet das Produkt seinen Weg zum Verbraucher leider immer noch viel zu häufig über den Strassentransport. Die Herausforderung in der Logistik liegt daher nicht zuletzt darin, alternative Transportverfahren einzusetzen, welche die Umwelt weniger belasten. Da sowohl der Grad der Umweltbelastung, als auch das Transportkostenniveau direkt vom Transportvolumen in Kombination mit dem Transportverfahren abhängen, bieten sich hier besonders grosse Optimierungspotenziale für die ökologische Bilanz.

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Als sinnvoll haben sich Lösungsansätze erwiesen wie Pooling - die Zusammenfassung von logistischen Ressourcen über die Grenzen des eigenen Unternehmens beziehungsweise der Branche hinaus - oder der kombinierte Transport, der von Langstrecken auf mehrere kürzere Strecken ausweicht. Häufig sind diese Ansätze sehr komplex und stellen daher für einige Unternehmen Herausforderungen dar, die mit den bestehenden Ressourcen und Kompetenzen nicht alleine gemeistert werden können.

Last but not least sollte die Wiederverwertung des Produkts (Recycling) in Betracht gezogen werde. Da Recycling ein Begriff ist, der sich im Gegensatz zu anderen Konzepten des GSCM bereits weitläufig im Bewusstsein der Öffentlichkeit etabliert hat, lassen sich ökologische Ziele, wie die Schonung natürlicher Ressourcen, gut mit Imagepflege verbinden.

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Ökologische Agenda

In Anbetracht der Entwicklungen der letzten Jahre kann davon ausgegangen werden, dass sich Unternehmen zukünftig viel weitreichender an einer ökologischen Agenda orientieren müssen als dies heute der Fall ist. Um aus dieser Tendenz einen nachhaltigen Trend werden zu lassen, sind jedoch noch einige Hürden zu nehmen. So besteht zum Beispiel kein einheitlich hoher Druck auf Unternehmen in unterschiedlichen Teilen der Welt, umweltschonende Massnahmen in der gesamten Wertschöpfungskette voranzutreiben.

Ob in näherer Zukunft auch nur annähernd einheitliche Standards eingeführt und umgesetzt werden, bleibt vor allem aufgrund der verschiedenen Entwicklungsstandards weiter fraglich. Trotz der Einschränkungen ist damit zu rechnen, dass ein neues Bewusstsein für grüne Themen langfristig die Nachfrage der Konsumenten ändern und zu neuen Regulierungen führen wird. Um dies zu antizipieren, stellen die Konzepte des Green Supply Chain Management eine geeignete Grundlage dar. Es gilt, ein neues Optimum zwischen Leistungserstellung, Kosten und Umweltbelastung anzustreben. Die Entscheidung, ob man frühzeitig die Initiative und die damit verbundene Chance zur Innovation ergreift, oder erst auf den Druck von Wettbewerb und Gesetzgeber reagiert, liegt letztendlich bei den Unternehmen selbst.

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Als Basis dieses Artikels diente eine Studie zum Thema aufkommende Trends in der Anwendung des Green-Supply-Chain-Prinzips, in der 600 leitende Angestellte in mehreren Ländern befragt wurden. BearingPoint arbeitete dabei mit mehreren Partnern (ESCP-EAP, Supply Chain Magazine, Supply Chain Standard, APQC, VIB, ABCAL, Log-Biz und Chain Store Age) zusammen.