Der Mensch in der Ökonomie ist eine armselige Kreatur - ein Computer aus Fleisch und Blut, der nur seinen Nutzen maximieren will und für den «mehr Glück» schlicht «mehr Einkommen» bedeutet. Die Wirtschaftswissenschafter verteidigen ihre Modell-annahme: Gefühle, Irrationalität, Aufopferungswille, all das gebe es durchaus. Aber es stelle nicht die Essenz des Menschen dar.

Es braucht eine Revolution

Der Zürcher Volkswirt und Glücksforscher Bruno S. Frey ist einer der Ökonomen, dem dieses Menschenbild viel zu einfach ist. «Glück. Eine Revolution in der Ökonomie», heisst auf Deutsch übersetzt der Titel seines letzten Buches, und die Revolution, die er selbstbewusst ausruft, soll dem simplifizierten Homo oeconomi-cus den Kopf kosten. Frey argumentiert, es sei das Glück, nach dem der Mensch strebe, und nicht einfach der Nutzen. Dieser Aussage würden zwar viele Ökonomen zustimmen - um dann weiter auf ihren ausgetretenen Pfaden zu forschen, denn bereits den Nutzen könne man nicht messen, und das Glück schon gar nicht. Doch genau dem widerspricht Frey: «Die Psychologen haben uns gezeigt, dass man Glück oder Lebenszufriedenheit messen kann», sagt er. Für Frey war das eine «der wichtigsten Einsichten überhaupt».

Das Wort «Revolution» in Freys Buchtitel ist durchaus ernst gemeint. Doch Frey erweist sich im Gespräch als ein Revolutionär auf Samtpfoten. Da ist schon sein freundliches Lächeln, mit dem er den Gesprächspartner empfängt, und seine Geduld mit dem Fotographen, der ihn in immer neuen Posen ablichten will. Und dann ist da ein Arbeitsplatz ohne jeglichen Firlefanz und von fast schon erschreckender Kleinheit, mehr Tisch denn Büro.

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Ist die tiefe Krise, welche die Welt stolpern und vorgefasste Meinungen einstürzen liess, nicht der ideale Moment für eine wissenschaftliche Revolution? Frey schränkt ein: So furchtbar viel sei ja nicht passiert, wenn man die Zahlen etwas in der Perspektive sehe. «Wenn in Deutsch- land das Bruttosozialprodukt um 6% zurückgeht, bedeutet das ja nur, dass wir wieder auf dem Stand von 2006 oder 2007 sind», sagt er.

Dennoch: Der Schock kann nach Ansicht Freys neuen Denkweisen die Türe aufstossen. Laut Frey ist es zwar durchaus so, dass die Menschen meist vernünftig und vorhersehbar agieren und ihren Nutzen zu maximieren suchen. Doch gibt es interessante und vor allem wichtige Ausnahmen, etwa die folgende: Die Menschen erhoffen sich viel zu viel Glück von materiellen Gütern und vernachlässigen darum ihr soziales Umfeld, also Familie, Freunde und Bekannte. Der Grund: Wir Menschen können uns nur schwierig vorstellen, wie es ist, irgendwann in der Zukunft eine Freundschaft zu haben. «Hingegen haben wir das Gefühl zu wissen, was es bedeutet, in der Zukunft einen Ferrari in der Garage stehen zu haben.» Das Resultat: Wir arbeiten viel zu viel, um etwas zu erreichen, das uns längst nicht so viel bringt, wie wir glauben.

In der Schweiz wird gemäss Einschätzung Freys noch immer «sehr viel» gearbeitet, in den USA gar zu viel. Doch spätestens an diesem Punkt wird es einem als Freys Gesprächspartner mulmig. Wenn der Aufschwung kommen soll, müssen wir dann nicht einfach «arbeiten, und verdammt noch mal nichts anderes!», wie kürzlich der deutsche Wirtschaftsminister zu Guttenberg donnerte? «In einer Marktwirtschaft gleicht es sich aus, wenn gewisse Leute weniger machen», beruhigt Frey. «Es werden mehr Leute eingestellt, oder die Arbeit wird anders erledigt, oder es wird weniger Unsinniges gemacht wie Sitzungen in die Länge gezogen.»

Ärger über «Unsinnslöhne»

Doch leider ist laut dem Glücksforscher und eingestandenen Optimisten Frey längst nicht alles auf dem Weg zur Besserung: «Ich bin immer wieder erstaunt, wie rasch alte Fehler wiederholt werden», sagt er. So ärgert sich Frey über die «Unsinnslöhne», welche die Banken bezahlen, kaum sind sie dank Staatshilfe wieder genesen. Dabei seien es falsche materielle Anreize gewesen, die uns die Krise erst beschert hätten. Laut Frey muss der Bankensektor schrumpfen, denn gemessen an seiner Aufgabe - der Verteilung von Kapital - sei er viel zu gross. Längerfristig brauche es eine neue Art von Managern, die sich nicht nur um ihre Boni und Bankkonti kümmern - Dinge, die gemäss Freys Forschung ohnehin viel weniger bedeutsam für das menschliche Glück sind, als die Manager selber denken.

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Frey kann sich auch über anderes ärgern, etwa über den aus seiner Sicht verunglückten Umbau der höheren Bildung. Zum Untergangspropheten taugt er aber nicht. Dies vielleicht darum, weil ihm der Mensch zu sehr am Herzen liegt. Wie er auf Ideen für seine Forschung kommt? «Ich schaue mir einfach die Welt an. Und dann wundern mich gewisse Dinge», sagt er.