FARBIGE DIAMANTEN. Tief im Innern der Erde hat die Natur einen Schatz verborgen, dem der Mensch in heissem Begehren verfallen ist. Vor Millionen von Jahren haben Hitze und ungeheurer Druck profanen Kohlenstoff in ein magisches Mineral verwandelt: Den Diamanten. Er besitzt die grösste Härte, die ein Stoff aufweisen kann, die höchstmögliche Lichtbrechung unter allen Edelsteinen und die Fähigkeit, weisses Licht in seine Spektralfarben aufzufächern.

Diese Farbblitze sind wie die Ahnung von seltenen Varietäten des Diamanten: Den fantasiefarbenen Diamanten, auch Fancy Diamonds genannt. Sie werden in allen erdenklichen Farbnuancen von Gelb, Grün, Blau, Rot und Pink bis hin zu Braun und Schwarz gefunden.

Zauberhafte Laune der Natur

Während die farblosen Diamanten ausschliesslich aus Kohlenstoff bestehen, mischten sich bei der Entstehung von Farbdiamanten andere Elemente ein.

Durch Einlagerung von Stickstoff entsteht zum Beispiel die gelbe Varietät. Blau werden Diamanten durch Verunreinigungen mit Bor-Atomen. Grün ist die einzige Diamantfarbe, die sich erst nach Vollendung der Steine ausbildet – durch den Kontakt mit radioaktiven Materia-lien wie Uran. Am häufigsten sind gelbliche Töne, oft mit einem Schuss Braun, Orange, Grün oder Oliv; auch Braunnuancen sind relativ verbreitet.

Gelbe und braune Diamanten machen etwa die Hälfte aller farbigen Diamanten aus. Die zweitstärkste Gruppe – etwa ein Viertel aller Farbdiamanten – zeigt sich in Schattierungen von Braun und Pink. Noch seltener sind die übrigen Farben. Vor allem rein blaue, grüne und rote Diamanten sind rar und gesucht.

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Lange Zeit ein Nischenprodukt

Noch vor zehn Jahren interessierte diese Farbenvielfalt nur Sammler und Liebhaber. «Farbige Diamanten waren ein Nischenprodukt», heisst es bei auf naturfarbene Diamanten spezialisierten Schweizer Händlern. Doch im vergangenen Jahrzehnt bemerken die Fachleute zunehmendes Interesse an Fancy Diamonds: «Heute verwenden auch die Hersteller farbige Diamanten, die Schmuck für eine breite Masse fertigen.»Den Beginn dieses Trends markierte eine Schattierung, die gar nicht als Farbe gilt: Tiefes, geheimnisvolles Schwarz. Mitte der 1990er Jahre schuf de Grisogono aus Genf als eine der ersten Juwelenmarken atemberaubende Preziosen mit der düsteren Schönheit und weckte damit das Interesse für die Black Beauty. Aus der folgenden Begeisterung entstand ein neuer Trend. In der Frage der Farbe gehen die Vorlieben dabei mit der Mode. Während die Schweizer Diamanthändler im vergangenen Jahr einen Run auf Orange feststellten, seien in diesem Winter kräftige Farben sowie Braun- und Champagnertöne besonders gefragt. Daneben sei das teure und seltene Rosa ein kontinuierlicher Bestseller.Diese Nuance hat es auch Caroline Gruosi-Scheufele, Co-Präsidentin von Chopard, angetan. Immerhin verbindet sie damit eine besondere Erinnerung: «Vor einigen Jahren bekam ich ein beträchtliches Lot wunderschöner rosafarbener Diamanten angeboten. Die Steine waren so fantastisch, dass ich nicht widerstehen konnte», erzählt Caroline Gruosi-Scheufele. «Bald schon lag die Rechnung auf dem Schreibtisch meines Vaters, vor dem ich Rechenschaft ablegen musste. Doch auch er war von der Schönheit der Steine schliesslich hingerissen und später entstand daraus unsere erfolgreiche Kollektion ‹La Vie en Rose›.» Schon damals war die Begeisterung der Chopard-Lady für die pastellfarbenen Diamanten ein teures Vergnügen: «Vor einigen Jahren waren die rosafarbenen Diamanten etwa viermal so teuer wie weisse Diamanten», sagt Caroline Gruosi-Scheufele. «Heute allerdings, da Fancy Diamonds so beliebt sind, würden sie das Zwanzigfache kosten.»

10000 weisse Steine – 1 farbiger

Vor allem ihre Seltenheit macht die bunten Steinchen so teuer. Fachleute sprechen davon, dass auf 10000 weisse Diamanten gerade einmal ein farbiger Stein kommt beziehungsweise dass von 3000 Karat geförderter Schmuckdiamanten gerade einmal 1 bis 2 Karat Fancy Diamonds sind. Die seltensten und damit teuersten Farben sind Blau, Pink, Grün – an der Spitze steht aber Rot. Bei der Bewertung gilt: «Je seltener die Farbe, je gesättigter und kräftiger sie auftritt, desto wertvoller ist ein Stein», so Daniel Nyfeler, Leiter des Gübelin Gem Lab in Luzern. «Ganz besondere Exemplare sind Sammlerobjekte», weiss Caroline Gruosi-Scheufele. «Grosse Steine werden meist im Rohzustand angeboten», erzählt die Chopard-Lady. «In dieser Form kann man die Farbintensität, den Farbverlauf und die Steinqualität gar nicht genau abschätzen. Das erhöht das Risiko, aber auch den Reiz.»

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Es fehlt ein Graduierungssystem

Die Einschätzung geschliffener Diamanten ist denn auch nicht ganz einfach. Während es für die weissen Diamanten ein international anerkanntes Graduierungssystem gibt, bei dem Steine nach den traditionellen 4C (Colour-Farbe, Clarity-Reinheit, Carat-Gewicht und Cut-Schliff) beurteilt werden, fehlt eine solche anerkannte Rangordnung bei farbigen Diamanten. Am akzeptiertesten ist ein System des Gemological Institute of America, das den Farbton, eventuelle Zweitfarben, Farbsättigung und Helligkeit nennt. Steine werden so als fancy light yellow oder fancy intense yellow-green bezeichnet; die blaue Farbe des 44-karätigen Hope-Diamanten, einem der berühmtesten und berüchtigsten Diamanten der Welt, heisst demnach fancy deep grayish blue.

Andere Massstäbe beim Schliff

Dieser Farbton, seine Seltenheit und Schönheit ist bei Fancy Diamonds preisbestimmend. Daher gelten auch beim Schliff andere Massstäbe als bei farblosen Diamanten. Ein Schweizer Farbdiamantenhändler, der aus Sicherheitsgründen nicht mit seinem Namen auftreten will, erklärt: «Bei farblosen Exemplaren geht es vor allem darum, durch den Schliff das legendäre Feuer des Diamanten zu entfachen und eine grösstmögliche Lichtreflexion zu erzielen. Im Gegensatz dazu versucht man bei Fancy Diamonds vor allem, die Farbe optimal wirken zu lassen.»Doch wozu all diese Mühe? Hat die Natur nicht auch mit anderen Edelsteinen prächtigste Farben zu bieten? Zum Beispiel den feurig roten Rubin, den wundergrünen Smaragd sowie den Saphir, der nicht nur mit himmlischem Blau aufwartet, sondern auch in zartestem Rosa zu verführen weiss. Diamantenliebhaber wissen diese Frage klar zu beantworten: «Seine Rarität hebt den Farbdiamanten hervor», sagt Caroline Gruosi-Scheufele und schwärmt: «Ausserdem besticht er durch seine Transparenz, hat mehr Glanz und Feuer als andere Farbsteine. Er ist einfach schöner.»

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