Schon von weitem ist das unverkennbare Scheppern und Rattern der Flaschen zu vernehmen. Auf der Domaine Les Hutins im Genfer Winzerort Dardagny füllt man gerade eine Charge Wein ab. Mit dabei ist auch Emilienne Hutin, die es gewohnt ist, selbst anzupacken. «In wenigen Tagen müssen wir die Abfüllanlage abbauen, damit wir genügend Platz haben, um die Weine des neuen Jahrgangs zu vinifizieren», erklärt sie. «Es ist zwar schön, den Weinkeller mitten im Dorf zu haben, aber die engen Platzverhältnisse machen uns manchmal schon zu schaffen. Dies auch, weil wir heute nicht mehr einen Teil der Trauben verkaufen, sondern die gesamte Ernte der 19 ha Rebfläche auf der Domäne vinifizieren und abfüllen.» Das sind für Schweizer Verhältnisse beachtliche 180000 Flaschen pro Jahr!

Erst Schauspieler, dann Winzer

Seit fünf Generationen erzeugen die Hutins auf ihrer Domäne Wein. 2008 zog sich Pierre Hutin, der schon als junger Mann ins väterliche Weingut eingetreten war, altershalber zurück und übergab den Betrieb seinem Bruder Jean und dessen Tochter Emilienne. Jean, von Haus aus Ingenieur, hatte viele Jahre als Schauspieler im Théâtre Populaire Romand gewirkt, bevor er sich 1979 zu seinem Bruder gesellte. Er leitet die Bewirtschaftung der Rebparzellen. Emilienne dagegen ist verantwortlich für den Keller.

«Für mich war nicht von Anfang klar, dass ich mich dereinst als Winzerin betätigen würde», erinnert sie sich. «Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, sondern eine langsame Annäherung.» Zwar hatte sie ihrem Vater und ihrem Onkel gelegentlich bei den Weinlesen geholfen, doch nach der Matura liebäugelte sie zunächst mit dem Hebammenberuf. In London, wo sie in einem Sozialzentrum arbeitete, realisierte sie jedoch, dass sie das Landleben vermisste. Sie kehrte nach Dardagny zurück und absolvierte ein Praktikum auf einem Weingut in Peissy, einem Weiler, der zum Nachbardorf Satigny gehört. Ihre Liebe zum Wein erwachte erst mit dem vertieften Einblick in die Weinwelt, den sie bei der Arbeit im eigenen Keller erhielt, und während der Ausbildung am Weinbau-Technikum in Changins, die sie, nunmehr Mutter dreier kleiner Kinder, 2003 erfolgreich abschloss. Seither arbeitet die ebenso temperamentvolle wie bescheidene Winzerin voll auf der Familiendomäne, wo sie aus den 16 kultivierten Traubensorten mit Weitblick und Fingerspitzengefühl nicht weniger als 23 Weine keltert.

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Botschafter der Genfer Weine

Schon früh setzten die Hutins auf Diversifikation und Innovation. So pflanzten Pierre und Jean Hutin einen Teil der Sauvignon-blanc-Reben bereits im Jahre 1983, zu einer Zeit, als im Kanton Genf noch kaum andere Varietäten als Chasselas, Gamay und Pinot noir kultiviert wurden. Später kamen weitere weisse Sorten wie Pinot blanc, Chardonnay, Pinot gris, Viognier und Savagnin rose (Gewürztraminer) dazu. Bei den roten Sorten setzen die Hutins - neben den Klassikern Gamay und Pinot noir - auf die beiden Bordelaiser Sorten Cabernet Sauvignon und Merlot sowie auf die helvetischen Neuzüchtungen Gamaret und Garanoir, die sich in der Westschweiz wachsender Beliebtheit erfreuen.

Unter den erzeugten Rotweinen sind es insbesondere zwei Cuvées, mit denen sich Emilienne profilieren konnte. Der Bertholier rouge, eine im Barrique ausgebaute Assemblage aus Gamaret, Cabernet Sauvignon und Merlot, überzeugt durch seinen ebenso stoffigen wie geschmeidigen Charakter.

Die zweite Cuvée, der Esprit de Genève, ist das Resultat eines 2004 lancierten Projekts, an dem bislang 15 Genfer Weinkellereien beteiligt sind. Das Ziel war, einen Rotweintypus zu kreieren, der als Botschafter der Genfer Weine fungieren soll. Die Qualitätscharta schreibt u.a. vor, dass der Wein aus mindestens 50% Gamay und mindestens 20% Gamaret und/oder Garanoir zusammengesetzt sein muss. Die Weine werden in eine einheitliche Flasche abgefüllt und mit einer gemeinsamen Etikette versehen, auf der nur der Name des Produzenten und die Angaben zur Assemblage wechseln. Emilienne Hutins Esprit de Genève setzt sich aus 60% Gamay, 25% Gamaret, 10% Merlot und 5% Garanoir zusammen und wird in gebrauchten Barriques ausgebaut. Wegen seines moderaten Preises von 18.50 Fr. und seiner limitierten Menge ist dieser stoffig-würzige Wein schnell ausverkauft.

Unter den Weissweinen figuriert der im Barrique ausgebaute, komplexe und finessenreiche Sauvignon blanc als Aushängeschild der Domaine Les Hutins. Er wurde letztes Jahr in die prestigeträchtige Weinbibliothek Mémoire des Vins Suisse (www.mdvs.ch) aufgenommen. Die jüngsten Erfolge haben Emilienne und Jean Hutin bestärkt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Seit drei Jahren führen sie Versuche mit dem biodynamischen Anbau durch. «Wir sind da noch im Lernstadium», sagt Emilienne.