Ausstellungen und Veranstaltungen anlässlich des 100. Geburtstages von Max Bill sind in diesem Jahr bereits so einige über die Bühne gegangen. Den Schlusspunkt setzt nun das Haus Konstruktiv in Zürich mit «max bill 100», seinem bislang umfangreichsten Ausstellungsprojekt. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit stellt das Museum anhand von über 120 Exponaten diesen aussergewöhnlich produktiven und schöpferischen Geist vor. Skulpturen und Plastiken, Gemälde und Aquarelle, Zeichnungen und Skizzen aus dem weiten künstlerischen Kosmos von Max Bill werden in den Kontext historisch bedeutsamer Originaldokumente gestellt. Viele der Exponate waren entweder schon seit Jahrzehnten nicht mehr oder aber schweiz- und weltweit noch nie zu sehen.

Herausragender Theoretiker

Max Bill gilt international als einer der prominentesten Vertreter der konkreten Kunst sowie als herausragender Theoretiker. Von Zürich aus strahlte seine Energie als Künstler und Architekt, als Typograf und Designer, als Theoretiker und Lehrender in die Kunstwelt aus. Seinem breiten Wirken Rechnung tragend, beginnt die Ausstellung bereits inmitten seiner Pavillon-Skulptur an der Zürcher Bahnhofstrasse: Von dort aus führt ein Lehrpfad mit Fokus auf Bills Auseinandersetzung mit dem urbanen Raum in zehn Stationen bis zum Haus Konstruktiv.

Im Museum selbst ist ein wichtiger Aspekt der Frage gewidmet, wie ein Künstler zu jener Aussergewöhnlichkeit gelangt, die seine Arbeit so unverwechselbar macht. Die Entwicklung Max Bills zum grossen Ausnahmekünstler dokumentieren 60 Werke aus den Jahren 1924 bis 1931, in denen Bill zunächst an der Kunstgewerbeschule in Zürich, dann am Bauhaus in Dessau studierte, bevor er wieder nach Zürich zurückkehrte. Diese verspielten und zugleich dynamisch-forschen Werke, von denen viele noch nie zu sehen waren, machen die intensive Beschäftigung Bills mit der Kunst der damaligen Zeit deutlich.

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Max Bills internationale Bedeutung, sein prägender Einfluss auf Kunstschaffende aus aller Welt, wird in seinem Heimatland Schweiz noch immer unterschätzt. Schon früh wurde Bills Werk im Ausland intensiv beachtet. Das zeigt eine Rekonstruktion seiner ersten Retrospektive, die er 1951 im Museu de Arte in São Paulo realisierte. Fast alle damals ausgestellten Werke konnte das Haus Konstruktiv aus verschiedenen Sammlungen zusammentragen, um diese bedeutsame Ausstellung noch einmal aufleben zu lassen. Darunter ist auch das zentrale Werk «dreiteilige einheit» (1947/48), mit dem Max Bill auf der 1. Biennale in São Paulo 1951 den Grossen Preis für Skulptur gewann. Bills damalige Retrospektive, die er selbst als seine wichtigste Ausstellung bezeichnet hat, war der Auftakt zu seiner lebenslangen Beziehung mit Lateinamerika.

Begehbare Sockellandschaft

Spannend ist auch die Frage, inwieweit Bills Œuvre Kunstschaffende noch heute beeinflusst. Zu diesem Zweck wurde der in Berlin lebende, international renommierte Künstler Olaf Nicolai (geb. 1962) eingeladen, sich mit dem plastischen Werk von Max Bill auseinanderzusetzen. Für die Industriehalle des ewz-Unterwerks Selnau konzipierte er das «Sculpture Park Cabinet», wo wichtige Skulpturen und Plastiken Bills auf eine neue Weise präsentiert werden: Nicolai hat, ausgehend von der formalen Struktur in Bills Gemälde «system mit fünf vierfarbigen zentren» (1970) eine begehbare Sockellandschaft entwickelt. Auf drei unterschiedlichen Höhen lädt sie sowohl zum Sitzen und Verweilen wie auch zum Umherwandeln zwischen den Modulen ein. Der Fokus im Haus Konstruktiv liegt ganz auf Max Bill, dem Künstler. Ebenso bedeutend war er jedoch als Vorreiter eines modernen Designs, das sich an den Bedürfnissen der Benutzer orientierte. Auch in der angewandten Kunst reduzierte er die Form auf das Wesentliche der Funktion – egal, ob er ein Teeservice, eine Leuchte oder eine Uhr entwarf. Diese Klarheit im Denken und die Schlichtheit in der Form sind charakteristisch für sein Gesamtwerk.

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