Der letztjährige Auftakt in die grüne Stromzukunft brachte Hochspannung. Kaum war die Eingabefrist für die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) offen, gingen die Gesuche im Minutentakt ein. Tausende interessierter Ökostromproduzenten haben sich bei der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid angemeldet, um per 1. Januar 2009 staatlich gefördert zu werden. Gegen 300 Mio Fr. werden jährlich in die Nutzung erneuerbarer Quellen gesteckt, um daraus den einheimischen Verbrauch mit mindestens 10% abzudecken. Wie weit die Sache gediehen ist, lässt der Blick auf eine Pinnwand erkennen. In den Räumlichkeiten der Energie Pool Schweiz AG hängt eine Schweizer Landkarte, auf der viele bunte Nadeln stecken: Sie lokalisieren die Standorte der 170 bisher realisierten grössten KEV-Anlagen.

Gelbe Nadeln stehen für Fotovoltaikanlagen, blaue symbolisieren Wasserkraftwerke und grün ist die Farbe der Biomassekraftwerke. Eine davon durchbohrt Domat-Ems. Im Bündner Rheintal betreibt die Tegra Holz und Energie AG eine Anlage, die aus rund 250000 t Holz bis zu 140 Gigawattstunden elektrische Energie gewinnt. Sie ist die aktuelle Nummer eins unter den staatlich geförderten Ökostromerzeugern.

Die Nadeln auf der Schweizerkarte geben aber auch das Betätigungsfeld der Energie Pool Schweiz AG wieder. Das kaum bekannte Zürcher Unternehmen hat vom Bundesamt für Energie den Auftrag erhalten, die Übersicht zu wahren. Es ist die zentrale Verrechnungsstelle für alle 600 KEV-Produzenten. Das Gros betreibt Kleinstanlagen, die auf der Poolkarte nicht ausgewiesen werden. «Jede Nadel bezeichnet eine Mindestleistung von 30 Kilo-Volt-Ampère», erklärt Bruno Ganz, Geschäftsführer der Energie Pool Schweiz AG.

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Vorhersage für Einspeisung

Die Aussagekraft von Nadeln und Pinnwand ist jedoch begrenzt. Die Server des Energiedienstleisters haben daher ein digitales und genaueres Abbild der KEV-Landschaft modelliert. Anstelle von Stecknadeln geben Berechnungsalgorithmen und nicht lineare Gleichungen die 170 Kraftwerke wieder. Aktuelle Anlagedaten werden mit regionalen Wetterprognosen - darunter Windstärke, Windrichtung, Sonnenschein und Niederschlag - kombiniert. Tatsächlich funktioniert der Energiepool als eine Art Wetterfrosch. Zuhanden der Netzbetreiber werden Vorhersagen berechnet, wie viel zusätzlicher Strom aus den 170 Grossanlagen in die regionalen und nationalen Übertragungsleitungen eingespeist wird. Die Prognosen werden täglich aktualisiert und verhindern allfällige Engpässe oder Unstabilitäten im bestehenden Netz.

Neben dem Verwalten der Geldflüsse hat der Energiedienstleister somit auch die Energieflüsse im KEV-Produktionssystem zu überwachen. «Wir sind die virtuelle Spinne, die über die Produktion und die Einspeisung des neuen erneuerbaren Stroms wacht», sagt Geschäftsführer Bruno Ganz leicht scherzhaft.

Netz in Deutschland überlastet

Seit die Stromproduktion dezentraler organisiert wird und neue Anlagen wie Pilze aus dem Boden schiessen, machen sich Fachleute Sorgen um Sicherheit und Stabilität der Versorgungsnetze. Zum einen sind die Lieferungen des Sonnen- und Windstroms grossen Schwankungen unterworfen, getreu den Wetterverhältnissen. Zum andern kann das örtlich beliebige Einspeisen die bestehenden Leitungskapazitäten übersteigen. Welche Nachteile aus einem raschen Ausbau der dezentralen Stromproduktion entstehen können, erleben vor allem die Windstromproduzenten in Deutschland.

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An einzelnen Tagen können sie den Gesamtbedarf im nördlichen Nachbarland zwar decken. Trotzdem müssen viele Turbinen in der Nacht weggedreht werden, weil sonst das Übertragungsnetz überlastet wäre. Der Wind bläst vorbei und die Produzenten erleiden gemäss Ulf Gerder, Pressesprecher des Bundesverbands Wind-Energie e. V., finanzielle Einbussen in Millionenhöhe. Die unberechenbare Kraft der Natur wird zum Bumerang. Ohne eine Verstärkung der grossen Übertragungsleitungen können die Spitzenlasten nicht genutzt werden.

In der Schweiz weht ein lauerer Wind. Für eine reibungslos funktionierende Stromversorgung sind die Lieferprognosen dennoch ein physikalisches Muss.

Ausgleichsenergie wird teuer

Der Vorhersagedienst von Ganz hat aber auch handfeste wirtschaftliche Vorteile. Liefert eine KEV-Anlage weniger Ökostrom als erwartet oder geht sie kurzfristig vom Netz, muss die fehlende Leistung ausgeglichen werden. Der Netzbetreiber kauft dafür Strom auf dem freien Markt ein und lässt sich diese Ausgleichsenergie aus dem Fördertopf bezahlen. Gemäss Schätzungen des Bundesamts für Energie kann der jährliche Bedarf für die Kompensation bis zu 10 Mio Fr. betragen. Im Gegensatz zu Besitzern von Kleinstanlagen sind Grossproduzenten deshalb verpflichtet, den Lastgang ihrer Anlagen zu messen und vorausschauende Betriebsmeldungen weiterzugeben. Aber auch die Energie Pool AG kann den Umfang der Kompensationsleistungen wesentlich beeinflussen, «in dem wir die Genauigkeit unserer Vorhersagen stetig verbessern», weiss Co-Geschäftsführer Willy Bischofberger.

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Gleichzeitig ist die Stromversorgung dichter und stabiler organisiert. Gemäss Bruno Ganz funktionieren die meisten Regionen weitgehend autark: «Die Kupferplatte Schweiz ist genügend stabil, um noch mehr Anlagen für die Erzeugung von erneuerbarem Strom zu erfassen, als mit der KEV geplant.»

Grosse Hürden

Die grossen Hürden für den weiteren Ausbau der grünen Stromproduktion orten Bischofberger und Partner Ganz allerdings im administrativen Aufwand. Das Management der Bewilligungsverfahren sei, so Bischofberger, ein «Schlüsselfaktor» geworden. Für eine Realisierung braucht es sehr viel. Gesuche sind unter anderen für Bau, Herkunftsnachweis oder Netzanschluss einzureichen. Damit nicht genug: Vor allem die hängigen Windturbinenprojekte drohen, durch mögliche Einsprachen blockiert zu werden. Tatsächlich ist die Warteliste lang geworden. Von den Projekten, welche eine Zusage für die Einspeisevergütung von der Netzgesellschaft Swissgrid erhalten haben, sind effektiv 10% realisiert. Wie viele davon als bunte Nadel auf die Pinnwand des Energiepools gesteckt werden können, bleibt vorerst ungewiss.

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