Herr Tschopp, die Aktionäre von Actelion haben den Vergütungsbericht an der Generalversammlung mit einer deutlichen Mehrheit abgelehnt. Wie nehmen Sie dieses Abstimmungsergebnis auf?
Roby Tschopp: Ich muss gestehen, dass mich das Votum der Actelion-Aktionäre überrascht. 

Weshalb?
Sie müssen sehen: Seit Jahren kritisiert Actares die unverhältnismässigen Vergütungssysteme bei Schweizer Grosskonzernen wie der UBS, Credit Suisse oder bei Novartis. Wir haben diese Kritik deponiert, weil wir das Gefühl hatten, dass Saläre in Höhe von 30 oder gar 50 Millionen Franken sozialpolitischen Sprengstoff bergen. Allerdings waren wir mit dieser Ansicht in der Vergangenheit stets in der Minderheit.

Das scheint sich mit dem heutigen Tage aber geändert zu haben.
In der Tat. Als die Eigner von Julius Bär vergangene Woche dem Management in der Frage der Saläre die Gefolgschaft verweigert hatten, glaubte ich noch an einen Zufallstreffer. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein. Vielmehr können wir davon ausgehen, dass die institutionellen Anleger den Führungsgremien bei Schweizer Unternehmen eine unmissverständliche Botschaft überbringen wollten.

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Und wie lautet diese Nachricht?
Sowohl bei Julius Bär wie auch bei Actelion erfolgten die Abstimmungen über den Vergütungsbericht konsultativ - also nicht bindend. Mit dem Inkrafttreten der «Abzocker-Initiative» im kommenden Jahr wird sich das ändern. Schweizer Wirtschaftsführer müssen damit beginnen, den direkten Austausch mit den Aktionären zu intensivieren. Darüber hinaus sind ausgewogenere, transparentere und vernünftigere Vergütungssysteme auszuarbeiten - daran führt kein Weg vorbei. 

Nicht alle Führungskräfte scheinen zu dieser Einsicht gekommen zu sein. Julius Bär und Actelion kritisieren das Verhalten der Aktionärsvereinigungen und prophezeien im Zuge der tieferen Löhne den Exodus von Topmanagern aus der Schweiz. 
Ich teile die Auffassung, dass Topmanager vernünftig entlöhnt werden sollen, um sie an das Unternehmen langfristig zu binden. Andererseits stellt sich mir die Frage: Bekämen ein Daniel Vasella, Marcel Ospel oder Jean-Claude Clozel im Ausland wirklich 72, 23 oder über 5 Millionen Franken für ihre Arbeitsleistung? Da habe ich meine Zweifel. 

Was ist eigentlich der Stein des Anstosses beim Vergütungssystem von Actelion?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es um die Höhe des Lohnes von Konzernchef Clozel ging. Ich denke, es ging um dessen Struktur. 

Was bedeutet das?
Das Salärpaket für Jean-Claude Clozel beinhaltete zuviele Aktien- und Optionsbestandteile. Das stiess verschiedenen Aktionärsvertretern sauer auf. Der Eindruck entstand, dass der Actelion-Konzernchef Casino-Kapitalismus betreibt. 

Fanden im Vorfeld der Generalversammlung deshalb Gespräche zwischen Aktionärsvereinigungen statt? 
Nein. Zu diesem Mittel greifen wir lediglich in Ausnahmefällen - wie bei der Frage der Décharche bei der UBS. Es trifft jedoch zu, dass wir im Vorfeld von Generalversammlungen unsere Positionen in Kernfragen den jeweiligen Aktionärsvereinigungen wie ISS schriftlich mitteilen. Eine Antwort auf unsere E-Mails bekommen wir indes nie.

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Haben Sie das Actelion-Management über ihre Haltung im Vorfeld der Generalversammlung orientiert? 
Es fanden keine Gespräche mit Actelion zu diesem Thema statt. Um Änderungen am Vergütungsbericht durchsetzen zu können, hätten wir mit Actelion den Dialog ohnehin bereits Mitte 2011 suchen müssen. Das war aber nicht der Fall.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Werden die Aktionäre nächste Woche den Vergütungsbericht der Credit Suisse ablehnen? 
Actares lehnt ihn jedenfalls ab, genauso wie denjenigen der UBS. Es darf nicht sein, dass der Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse - Urs Rohner - für eine nicht operative Tätigkeit über fünf Millionen Franken Lohn erhält. Ich denke, dass die Chancen für eine Ablehnung bei der Credit Suisse auf 50 Prozent gestiegen sind. Wir werden uns auch dafür einsetzen, dass die Antrittsgage von UBS-Investmentbankchef Andrea Orcel in Höhe von 25 Millionen Franken überdacht werden muss - zumal Antritts- wie auch Abgangsentschädigungen im Zuge der «Abzocker-Initiative» nächstes Jahr nicht mehr erlaubt sind.

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Roby Tschopp ist Geschäftsführer der Aktionärsvereinigung Actares