In früheren Interviews haben Sie sich kritisch über die ehemalige Führungsspitze der Grossbank UBS geäussert. Nun sind neue Leute an Bord. Wie denken Sie über die Fähigkeiten des neuen CEO Oswald Grübel? Wird er die Bank auf den richtigen Pfad zurückführen?

Und warum ist gerade alt Bundesrat Kaspar Villiger der richtige Mann für den Job als Verwaltungsratspräsident?

Marchionne: Weil in Zeiten wie diesen -nennen wir sie «troubled times» - Integrität und Vertrauenswürdigkeit mehr denn je gefragt sind. Das sind unabdingbare Eigenschaften für die Glaubwürdigkeit einer Bank. Villiger hat seine Rolle in diesem Sinn akzeptiert und sieht es als eine Pflicht und einen Dienst gegenüber seinem Land und der UBS. Und das ist - aus meiner Sicht - ein ultimativer Test für Leadership.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit zwischen Kaspar Villiger und Oswald Grübel?

Marchionne: Diese beiden Führungskräfte repräsentieren eine perfekte Ergänzung von Können, Fachkenntnis, Erfahrung und Interessen. Sie müssen mir glauben: Der Verwaltungsrat hat viel Zeit darauf verwendet, um die richtigen Personen zusammenzuführen und sicherzugehen, dass wir eine exzellente exekutive Führungscrew haben - und vor allem: Eine passende und der derzeitigen Situation angemessene Corporate Governance. Das sollte zum Modell für das weitere Vorgehen werden. Aber das Wichtigste erscheint mir, dass beide die uneingeschränkte Unterstützung des Verwaltungsrates haben.

Anzeige

Was ist mit Ihrer Zukunft? Was planen Sie, wenn es um Ihr UBS-Engagement geht, werden Ihnen Ihre vielfältigen Aufgaben nicht einmal zu umfangreich?

Marchionne: Ich werde bei der UBS bleiben. So lange, wie ich im VR gebraucht werde. Das sind unabdingbare Voraussetzungen für jeden, der viel Verantwortung übernimmt.

Und wie urteilen Sie über die Zukunft der Bankenbranche?

Marchionne: Ihr Problem ist, dass sie in einem wenig regulierten Bereich aktiv sein konnte, in welchem quasi die Gesetze des Dschungels galten. Das beflügelte die Kreativität und führte zu dem, war wir heute erleben. Aber sich über die Banken zu ärgern, bringt jetzt auch nichts mehr. Eine stärkere Regulierung tut Not. Wichtige Institute in den Konkurs gehen zu lassen, könnte das ganze System gefährden, aber es muss jetzt repariert werden, weil es - wegen der Globalisierung - mit der gesamten übrigen Wirtschaft verhängt ist.

Sie sind - unter anderem - in zwei wichtigen Branchen engagiert: Finanzen mit UBS und Automobilindustrie mit Fiat: Ist es nicht verrückt, dass die Erstere dazu beiträgt, dass Letztere in der Bredouille steckt?

Marchionne: Ich weiss nicht, ob es verrückt ist, aber es ist sicher aussergewöhnlich und unerwartet. Niemand hätte dieses Szenario vor zwei Jahren auch nur annähernd vorausgesehen. Und der wichtigste Grund dafür ist, dass es für die Aussenstehenden nicht erkennbar war. Jetzt sehen wir uns mit dieser Situation konfrontiert, und sie ist unerfreulich. Nun müssen wir damit zurande kommen. Aber der Königsweg zeichnet sich ab: Er wird dazu zwingen, sich dem zuzuwenden, was man lange versucht hat zu vermeiden. Es ist Zeit, die Industrie an dieser Erkenntnis fest zu machen.

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Grösse nicht immer ein Garant für Wachstum ist.

Marchionne: Ich denke, dass Grösse sehr wichtig ist, falls sie diszipliniert und strikt gehandhabt wird. Engagements, die keine industrielle Logik ergeben, können Werte vernichten und Managementkapazitäten absorbieren. Nehmen wir als Beispiele General Motors versus Toyota. Ich gehe davon aus, dass am Ende nur noch rund ein halbes Dutzend Marken überleben wird. Grösse kann aber auch dazu führen, dass man sich unbesiegbar wähnt und dass man nicht mehr zu stoppen ist. Das ist ein fataler Irrtum. Wir lernten und werden weiter aus dieser Krise lernen. Und nochmals: Wenn es etwas ist, das man jetzt intus hat, ist es dies: Grösse, angemessen eingesetzt und gemanagt, kann ein enormer Vorteil sein.

Glauben Sie, dass Opel und das amerikanische Mutterhaus eine Lösung finden werden? Ein Opel-Mitarbeiter versteht nicht, wieso die deutsche Bundesregierung zwar den Banken hilft, bei der Automobilindustrie dagegen zögert.

Marchionne: Ich verstehe sehr gut, dass die Angestellten solchen Entscheiden nicht folgen können. Aber eine Nichtintervention im Bankensektor hätte desaströse Auswirkungen für die Weltwirtschaft gehabt. Wir sind immer noch daran, uns vom Lehman-Debakel zu erholen, und ich bin davon überzeugt, dass das Ende einer anderen grossen Institution aus dem Finanzbereich ein Armageddon eingeläutet hätte. Sie kennen doch den gleichnamigen Film von Michael Bay mit Bruce Willis über das jüngste Gericht? Das nur als ernst gemeinter Hinweis. Jedenfalls bin ich zuversichtlich, dass für Opel eine Lösung gefunden wird. Aber Opel ist nur ein Mosaikstein im grossen Bild: Der Konzern kann nicht allein gerettet werden. Die Massnahmen müssen Teil eines grösseren Plans sein.

Und Fiat? Das ist - wie andere Marken auch - die Verkörperung eines «Lifestyles». Wird ein solcher Status genügen, um die getrübten Wirtschaftswasser zu durchqueren?

Marchionne: Sagen wir es einmal so: Dieser Status wird eine grosse Stütze sein, wenn es gilt, die Klippen zu umschiffen. Aber das allein genügt nicht. Fiat muss den Weg weitergehen, den wir bereits beschreiten. Das bedeutet, Produkte weiterzuentwickeln und die Technologie so zu gestalten, dass sie - zu Recht - immer noch den Brand «Lifestyle» verdienen, verstanden als Standard. An diesem Ziel arbeiten wir hart und beharrlich. Das zeichnet uns aus.

Trifft es wirklich zu, dass Fiat 35% von Chrysler ohne Schuldenbeteiligung übernehmen wird?

Marchionne: 35% an nichts ist doch nichts! Könnte ich entscheiden, würden die drei Grossen - GM, Ford und Chrysler - mit Chapter 11 in Konkurs gehen. Entweder wird allen Herstellern geholfen oder keinem. Unsere Branche leidet an chronischen Überkapazitäten und staatlichen Überregulierungen. Absurdestes Beispiel sind die EU-Vorschriften für die CO2-Reduktion. Sie verringern den Ausstoss um 0,0015% und belasten unsere Industrie pro Jahr mit 45 Mrd Euro.

Warum sollten Investoren an Fiat glauben?

Marchionne: Fiat ist Teil der Lösung des Dilemmas, mit dem die Automobilindustrie derzeit konfrontiert wird. Wegen unseres Marktführerschafts-Status fühlen wir uns verpflichtet, eine Lösung zu finden, die dauerhaft ist und ultimativ für den substanziellen Wert des Unternehmens garantiert.