Ihre Konkurrentin BP musste mit dem Sinken der Bohrplattform Deepwater Horizon und der drohenden Ölpest im Golf von Mexiko einen harten Schlag einstecken. Löst das ein Umdenken in der Industrie aus?

Peter Voser:: Die Explosion war ein tragisches Ereignis. Jetzt muss als Erstes das Ölleck geschlossen werden. Danach muss man die Ursachen analysieren. Wir sind eine Industrie, die sehr rasch lernt und gut zusammenarbeitet. Wir arbeiten aber in einem Gebiet, das Risiken beinhaltet. Und die Welt braucht die Energie, wir können nicht von heute auf morgen aufhören zu bohren. Wir müssen inzwischen aber in immer harschere Klimazonen vordringen, um Energie zu finden. Wir müssen immer tiefer bohren und Gas aus immer schwierigeren Felsformationen holen. Hier sind Technologie und Innovation gefragt, um das Risiko zu meistern. Wir müssen uns weiterentwickeln, etwa bei der Sicherheit und bei den Vorkehrungen, die wir für Unfälle treffen.

Wie?

Voser: Für diesen konkreten Fall ist das derzeit noch nicht zu beantworten. Erst die Untersuchung wird zeigen, was auf der gesunkenen Bohrplattform falsch lief. Grundsätzlich werden die Vorkehrungen auf den Plattformen wieder und wieder kontrolliert. Wir bei Shell haben wegen des Vorfalls im Golf von Mexiko unsere Vorkehrungen zusätzlich weltweit überprüft.

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Null Risiko wird es aber nicht geben?

Voser: Unser Geschäft ist nicht risikofrei. Wir arbeiten mit Produkten, die im Umgang höchste Sorgfalt und Aufmerksamkeit erfordern, für Menschen und Umwelt. Daher ist es wichtig, dass Unfälle sorgfältig untersucht, die Ergebnisse miteinander geteilt und dann die Lehren gezogen werden.

Es gibt bereits erste Forderungen aus der Politik, Tiefseebohrungen zu verbieten.

Voser: Es macht keinen Sinn, vorzupreschen, weil man nicht weiss, was das Unglück ausgelöst hat. Die Technologie der Tiefseebohrung ist heute sehr weit entwickelt und wird seit Jahrzehnten in vielen Ländern angewendet. Wir sollten jetzt Ruhe bewahren.

Wäre eine Beschränkung der Bohrtiefe eine Option?

Voser: Das würde nichts bringen. Wir sollten die Ergebnisse der Untersuchung abwarten, bevor Schlüsse gezogen werden.

Auch Shell vergibt Bohrungen an externe Firmen und ist Kundin von Transocean, der Firma, welche die Plattform im Auftrag von BP betrieb. Überlegen Sie sich, diesen Geschäftsteil wieder näher an Shell zu binden?

Voser: Grundsätzlich ist das Bohren nicht unser Hauptgeschäft. Unsere Aufgabe ist es vielmehr, die von uns engagierten Firmen gut zu überwachen und ihnen exakte Vorschriften zu machen, wie sie ihre Bohrinseln - oder ihre Schiffe - betreiben müssen, um Unfälle zu vermeiden. Das ist besser, als diesen Geschäftsteil zurück unter das Dach von Shell zu bringen.

Überprüfen Sie die Zusammenarbeit mit Transocean?

Voser: Wir überprüfen konstant die Zusammenarbeit mit all diesen Firmen. Es ist wichtig, dass wir alle Partner gleich behandeln. Stellen Sie sich vor, wir nehmen eine Firma besonders unter die Lupe - und dann passiert etwas bei einer anderen. Man würde uns den Vorwurf machen, dass wir nicht bei allen Partnern den gleichen Standard anwenden. Das wollen wir vermeiden.

Wäre es sinnvoll, einen Fonds zu gründen, mit dem Umweltschäden gedeckt werden?

Voser: Ich glaube nicht, dass man einen solchen Fonds braucht. Man muss viel-mehr strenge Sicherheitsvorkehrungen treffen und stabile Firmen haben, die die Folgen eines solchen Unfalls auch tragen können. Deshalb arbeiten wir normalerweise auch nicht mit kleinen Firmen zusammen. Oftmals können diese unsere technischen Vorschriften gar nicht umsetzen.

Sie wollen Shell stärker auf Gas ausrichten. Warum?

Voser: Gas ist zwar ein fossiler Energieträger, schneidet bei der CO2-Bilanz aussergewöhnlich gut ab. Mit heutiger Nachfrage gerechnet reichen die Gasreserven weltweit für 250 Jahre. Gas sehen wir darum als Zwischenschritt zwischen den fossilen und den alternativen Brennstoffen sowie auch als Langzeitlösung.

Die Umweltbilanz von Gas sähe noch besser aus, wenn man das Potenzial von CCS nützen könnte - also der Abscheidung von CO2 bei der Förderung und der Verbrennung und dessen Speicherung unter der Erde.

Voser: CCS ist eine Technologie, die existiert und funktioniert. Bislang kommt sie aber in eher kleinem Massstab zum Einsatz. Darum müsste man die verschiedenen Technologien heute auf grosser Ebene testen, um zu zeigen, dass sie sich auch in grossem Massstab bewähren. Wir brauchen Pilotprojekte. Ende 2009 haben wir uns für ein Grossprojekt in Australien entschieden, wo diese Technologie eingesetzt wird. Die Welt braucht CCS, weil die Technologie den globalen CO2-Ausstoss relativ stark senken kann.

Der Gaspreis ist tief, und nun will Shell eine Gasfirma werden. Ein unglücklicher Zeitpunkt?

Voser: Wir sind schon heute ein weltweit führender Spieler im Gasgeschäft, und zwar vor allem in Asien, wo der Gebrauch von Gas sehr weit verbreitet ist. In Asien sind über 90% der Gasverkäufe mit langfristigen Verträgen über 20 oder 25 Jahre abgedeckt; zudem ist der Preis an den Ölpreis gebunden. Wir werden also eine Gasfirma, aber wir werden weiterhin bezahlt wie für Öl. In Europa ist die Situation ähnlich, hier sind bis zu zwei Drittel der Verträge langfristig an die Ölpreise gebunden, der kurzfristige Spotmarkt hat einen Anteil von gut einem Drittel. Auf diesem Markt herrschen derzeit tiefe Preise. Das Geschäft von Shell hingegen ist auf 20 oder 30 Jahre ausgelegt.

Wie lange lässt sich die Bindung des Gaspreises an den Ölpreis noch halten? Verschiedene Seiten üben Kritik daran.

Voser: Ja, in Europa gibt es eine grosse Diskussion um dieses Thema - nicht aber in Asien. Diese Diskussion ist ganz normal. In einer Rezession sinkt die Nachfrage, meist bei gleichbleibender Produktion, und es gibt mehr Gas auf dem Markt. Sobald die Nachfrage anzieht, wird der Spotmarkt wieder kleiner, was zu hoher Volatilität führt. Die gleichen Verbraucher, die derzeit lieber im Spotmarkt günstiges Gas kaufen möchten, werden dann wieder versuchen, langfristige Verträge abzuschliessen. Ich bin darum relativ gelassen, was diese Diskussion angeht.

Wie entwickeln sich die Gas- und Ölpreise?

Voser: Wir gehen davon aus, dass sie lang-fristig steigen werden.

Warum?

Voser: Es wird technologisch immer schwieriger, Öl und Gas abzubauen. Das treibt die Kosten in die Höhe. Zudem müssen die Kosten für das CO2 eingerechnet werden. Und schliesslich wird die Nachfrage schneller steigen als das Angebot. Der Konsument wird künftig einen höheren Energiepreis in Kauf nehmen müssen.

Shell bringt in den nächsten zwei Jahren Gas und Öl aus einer Reihe grösserer Förderprojekte auf den Markt. Wie wirkt sich das auf ihr Resultat aus?

Voser: Das Produktionswachstum zwischen 2009 und 2012 liegt bei 11%, was in unserer Industrie sehr hoch ist. Unser Cashflow soll bei einem Ölpreis von 80 Dollar bis 2012 um mindestens 80% zulegen.

Gilt dieses Ziel weiterhin? Auch angesichts der Katastrophe im Golf von Mexiko und der Probleme rund um den Euro?

Voser: Ja.

Was kommt danach? Schaltet Shell einen Gang zurück?

Voser: Das ist in unserer Industrie nicht möglich. Die durchschnittliche Realisierungszeit für ein Projekt von der Idee bis zur Produktion beträgt sechs bis acht Jahre. Wenn Shell zwei Jahre aussetzen würde, hätten wir ein Produktionsloch. Darum arbeiten wir an 35 neuen Projekten, die das Wachstum von 2013 bis 2020 liefern werden. Wir haben in unserer Industrie die beste Projektpipeline für diese Zeit.

Shell wird also auch in den nächsten Jahrzehnten ein Gaskonzern bleiben.

Voser: Absolut. Wir gehen davon aus, dass 2030 rund 80% der Energie durch fossile Brennstoffe geliefert werden. 2050 fällt dieser Anteil gemäss unserer Schätzung auf 60%, aber die Nachfrage wird sich bis dann wesentlich erhöht haben. Shell wird ein Energiekonzern bleiben und einen Fokus auf Öl und Gas behalten. Sicher bauen wir über die nächsten Jahrzehnte auch andere Produkte und Geschäftsfelder auf.

Warum bauen Sie nicht schon jetzt nur auf alternative Energien?

Voser: Um die Nachfrage abzudecken, muss die Welt bis 2020 Ölquellen entwickeln, die dem Vierfachen der Kapazität von Saudi-Arabien entsprechen. Das ist eine Produktion von 40 Mio Barrel pro Tag, die Hälfte von dem, was wir heute haben. Dafür müssen wir gigantische Summen investieren, was uns genügend Möglichkeiten gibt, als Öl- und Gasunternehmen weiter zu existieren. Aber wir anerkennen die Umwelt-Herausforderung. Wir müssen die Folgen für die Umwelt reduzieren. Der Ausbau unseres Erdgasgeschäfts ist eine Antwort, Biotreibstoff ist eine andere.

Wenn Shell demnächst so viele neue Produktionsquellen an den Markt bringen kann, sind Sie sicher froh um die derzeitigen Überkapazitäten bei den Raffinerien.

Voser: Das Raffineriegeschäft ist ein interessantes Geschäft, weil es sehr zyklisch ist. Wenn man aber einen Zeithorizont von 20 Jahren nimmt, wird eine Raffinerie rentabel sein. Künftig brauchen wir grössere und komplexere Raffinerien, weil es mehr Schweröl als leichter zu verarbeitendes Rohöl geben wird. Und dieses muss verarbeitet werden.

Muss man neue Raffinerien bauen?

Voser: Ja, oder die alten umrüsten und den neuen Erfordernissen anpassen. Dann kommt es darauf an, wie viel Kapazität man selber haben will und wie viel man über den Markt abdeckt. Wir bauen Kapazitäten ab, weil wir die Philosophie haben, dass unsere Raffinerievolumen unserem Marktvolumen angepasst sein sollten.

Das Verhältnis zwischen den Erdölfirmen und gewissen ressourcenreichen Staaten ist angespannt, auch Shell wurde schon enteignet. Wie hat sich diese Situation entwickelt?

Voser: Grundsätzlich gibt es immer Länder, bei denen unser Verhältnis zu Politik und Regierung nicht einfach ist. Klar ist: Einer der grossen Vorteile, die Öl- und Gasfirmen wie Shell schon immer mitbrachten, ist eine solide Bilanz. Dadurch konnten wir Projekte finanzieren. Viele Länder, die Verstaatlichungsaktionen vorantrieben, haben das gemerkt und sind etwas erwacht.

Warum gerade jetzt?

Voser: Sie haben gemerkt, dass man in diesem Geschäft eine langfristige Perspektive einnehmen muss, dass sich eine kurzfristige Optimierung der Einnahmen nicht lohnt. Man muss Partnerschaften auf 30 Jahre und mehr ausrichten. Viele der Länder, die das Verstaatlichen etwas übertrieben, haben zurückbuchstabiert, andere verstaatlichen kaum mehr. Es bleibt für uns aber Teil des Tagesgeschäftes, die politischen Risiken gut abzuwägen. Das ist auch ein Hauptteil meines Jobs. Bei weltweiten Kontakten mit Regierungsmitgliedern versuche ich, die Partnerschaften auf langfristiger Basis aufzubauen.

Um die Biotreibstoffe ist ein Streit entstanden, weil der Anbau verwertbarer Pflanzen laut Kritikern die Nahrungsmittelproduktion behindert. Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Produkte?

Voser: Die Welt wird Biotreibstoffe brauchen, um den CO2-Ausstoss zu senken. Shell hat grosse Entwicklungs- und Forschungsanstrengungen bei der zweiten Generation Biotreibstoffe unternommen. Diese zweite Generation wird aus Pflanzenresten und Pflanzen gewonnen, die nicht mit der Nahrungskette in Konkurrenz stehen. In meinen Augen sind die Regierungen auf dem richtigen Pfad, wenn sie Biotreibstoffe unterstützen. Es braucht aber klare Regeln, um die Konkurrenzierung der Nahrungsmittelkette zu vermeiden. Doch da sind wir relativ weit.

Braucht es Subventionen?

Voser: Es gibt Bereiche, in denen Subventionen nötig sein werden. Wir expandieren aber aus Prinzip nur in ein Geschäftsfeld, wenn es sich mittelfristig ohne Subventionen rechnet.

Sie sind bald ein Jahr CEO von Shell. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz?

Voser: Es ist eine sehr spannende Zeit in der Energieindustrie: Wir haben eine Rezession, müssen aber bereits daran denken, wie wir die Herausforderung der künftig steigenden Nachfrage lösen können. Die von mir angestossene Restrukturierung von Shell war zudem herausfordernd.