Die Pharmabranche verdient jährlich fast 4 Mrd Fr. mit dem Verkauf von Medikamenten. Nun soll dieses Jahr trotz höherer Mengen der Umsatz um 1 bis 3% sinken. Davon gehen jedenfalls die beiden Branchenverbände Interpharma und Vips aus. Sie stützen sich dabei auf eine Studie der IMS Health GmbH (siehe Grafik).

«Die Auswirkungen des vom Bundesrat verordneten Sparpakets treffen die Pharmaindustrie hart», sagt Interpharma-Generalsekretär Thomas Cueni. Die Branche rechnet infolge der vom Bund vor allem für Nachahmermedikamente (Generika) verfügten Preissenkungen mit einer Umsatzeinbusse von 400 Mio Fr. - Geld, das in der Forschung und Entwicklung eines Tages fehlen könnte. Cueni warnt vor den Auswirkungen auf die Attraktivität des Standorts und die Arbeitsplätze. DieVerkaufsorganisationen der Pharmaunternehmen werden das zu spüren bekommen und in der Schweiz Arbeitsplätze abbauen müssen.»

Nebenwirkungen schon spürbar

Der Preisdruck zeigt bereits Wirkung. So wechselte vergangene Woche Mepha, der grösste Generikahersteller der Schweiz, für nur 623 Mio Fr. den Besitzer. «Ein Schnäppchenpreis, der dem Wert des Unternehmens nicht entspricht», so ZKB-Analyst Michael Nawrath. Experten schätzten den Erlös auf 800 Mio bis 1 Mrd Fr.

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Auch die zweitgrösste Schweizer Generikaherstellerin, Novartis-Tochter Sandoz, klagt. Die Sandoz-Schweiz-Chefin Rebecca Guntern ist trotz guter Zahlen nicht zufrieden. Es gebe viel ungenutztes Potenzial für Nachahmerpräparate. «Neu eingeführte Generika werden noch zu wenig schnell und häufig eingesetzt, trotz eines Preisunterschieds zum Original von durchschnittlich 26%.» Verglichen mit dem Ausland sind Generika in der Schweiz nicht weit verbreitet. Der Anteil am Gesamtmarkt stagniert seit Jahren bei knapp 12%.

Abwärtsspirale stoppen

Mit der Forderung, Generika den Originalpräparaten vorzuziehen, könnte die Sandoz-Schweiz-Chefin im Mutterhaus Novartis anecken. Deshalb plädiert sie für die Aufhebung des differenzierten Selbstbehalts (10% für Generika und 20% für Originale, wenn sie mindestens 20% teurer sind). Mit der Abschaffung des Modells soll die Abwärtsspirale bei den Preisen gestoppt werden. Denn der differenzierte Selbstbehalt hat zu taktischen Preissenkungen bei Originalen geführt, damit diese im Verkauf nicht benachteiligt werden.

«Die Grenzen sind erreicht», fasst Cueni von Interpharma zusammen. «Wichtig ist, dass Innovation honoriert wird. Auch Indikationserweiterungen beruhen auf Forschung und Entwicklung. Sonst besteht die Gefahr, dass neue Indikationen hierzulande weder angemeldet noch entwickelt werden.»


KOMMENTAR

Pharma leidet unter dem Preisdruck

Von René Sollberger

Der Leidensdruck ist gross - aber nicht nur in der Pharmabranche. Für viele Prämienzahler sind die alljährlichen Aufschläge der Krankenkassen kaum noch zu verkraften.

Der Pharmaindustrie hingegen geht es gut: Roche und Novartis haben 2009 einen Reingewinn von zusammen 20 Mrd Fr. ausgewiesen. Und wenn man bedenkt, dass die beiden Pharmariesen nur wenige Prozent des Umsatzes im Inland generieren, fällt es schwer zu glauben, dass sie unter den vom Bundesrat verordneten Preissenkungen so stark leiden.

Auch ein Blick auf den Aussenhandel zeigt die ganze Stärke der Branche. Selbst im Krisenjahr 2009 stiegen die Exporte um gut 5% auf 58 Mrd Fr. - und dies, obwohl die Regierungen weltweit immer mehr Druck auf die Preise von medizinischen Produkten und Leistungen machen.

Die Bedrohung von Forschung, Innovation und Arbeitsplätzen hat viel gewichtigere Ursachen als sinkende Medikamentenpreise auf dem - relativ unbedeutenden - Heimmarkt. Es sind die immer höheren Hürden und längeren Zeiträume für die Zulassung neuer Medikamente und Indikationen sowie - vor allem im wichtigsten Markt, den USA - die immer schärferen gesetzlichen Auflagen für Produktionsstandorte. Diese Entwicklung gilt es zu stoppen, um einer Innovationsschwäche entgegenzuwirken.

Billigere Medikamente helfen in der Schweiz mit, die Kosten im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. Ein Anfang ist gemacht. Aber gelöst sind die Probleme damit noch lange nicht. Denn der grösste Kostentreiber sind die Dienstleistungen, nicht die Medikamente.