Die Schweiz «ist in der Drucktechnik weltweit führend, und diesen Innovationsvorsprung gilt es zu verteidigen», erklärt Professor Fritz Bircher von der Berner Fachhochschule in Burgdorf. Er ist dort Leiter des Instituts für Drucktechnologie. Dieses ist zwar noch ein junges Pflänzchen, aber ein gutes Jahr nach der Gründung sind dort bereits 14 Forscher und Entwickler beschäftigt. «Wir konnten rasch einige grössere Projekte erfolgreich umsetzen», zieht Bircher Bilanz.

In den nächsten Jahren soll das Institut kräftig weiterwachsen. Rund 9 Mio Fr. stehen dazu zur Verfügung. Einen wesentlichen Teil der Finanzierung leistet die Ursula-Wirz-Stiftung, Eigentümerin der im Moment um ihre Existenz kämpfenden Wifag Maschinenfabrik in Belp (siehe Box unten). Bircher ist überzeugt, dass er und seine Leute den Herstellern von Druckmaschinen, Druckverfahren und Zubehör auf dem Weg in die Zukunft entscheidende Unterstützung leisten können.

Um ein Viertel geschrumpft

Das Institut in Burgdorf ist so etwas wie der Hoffnungsschimmer für eine schwer angeschlagene Branche; deren Interessen werden von der Swissmem-Fachgruppe Grafische Industrie vertreten. «Fast alle unsere Mitglieder haben im Moment ein Problem», verdeutlicht Fachgruppenleiter Lukas Siegrist. Kurzarbeit und Entlassungen waren in den letzten Monaten an der Tagesordnung. Die Branche dürfte 2009 umsatz- und beschäftigungsmässig mindestens um 25% geschrumpft sein.

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Die Waadtländer Bopst Group etwa, weltweit führend mit ihren Printmaschinen für die Verpackungsindustrie, rechnet für 2009 mit einem Umsatzrückgang um einen Drittel auf rund 1,1 Mrd Fr. sowie einem Verlust von deutlich über 100 Mio Fr., nicht zuletzt wegen erheblicher Restrukturierungskosten. Allein in der Schweiz sind bei Bopst im letzten Jahr 300 der rund 2500 Stellen gestrichen worden. «Ob der Talboden bereits erreicht ist und die Märkte wieder anziehen, lässt sich im Moment noch nicht abschätzen», erklärt Firmensprecher Joseph Santoro.

In mehreren Schritten hat auch Müller Martini, ein weiteres Flaggschiff der Branche, den Personalbestand um rund 400 Beschäftigte reduziert. Das Familienunternehmen mit Hauptsitz in Zofingen beschäftigt weltweit rund 4000 Leute, wovon die Hälfte in der Schweiz. Es ist unter anderem auf Maschinen für verschiedene Weiterverarbeitungsschritte wie Heften, Klammern oder Falten im Druckprozess spezialisiert.

Bei der Walter Reist Holding (WRH), die modernste Anlagen für das Handling und den Transport von Druckprodukten baut, ist der Auftragseingang 2009 um einen Drittel geschrumpft. Dass der Arbeitsvorrat jetzt nicht einmal mehr für ein ganzes Jahr ausreicht, tönt zwar nicht sonderlich dramatisch. «Doch das ist für uns eine seltene Erfahrung», kommentiert Marketingleiter Guido Steffen, der sich an weitaus fettere Auftragslagen erinnert. Im Gegensatz zu vielen anderen in der Branche konnte die WRH aber sowohl Kurzarbeit als auch Entlassungen vermeiden. Das Familienunternehmen will sein Personal nach Möglichkeit durch die Krise füttern, «auch wenn diese Politik unsere Ergebnisse kurzfristig belasten wird», so Steffen.

Viel Unheil auf einmal

Klar ist: Wenn eine Branche derart leidet, spielen meistens mehrere Ursachen mit. «Die Wirtschaftskrise und enorme strukturelle Veränderungen innerhalb der gesamten Kommunikationsindustrie überschneiden sich», erklärt Siegrist. Bei den Abnehmern der Branche - also bei den Druckereien und Zeitungsverlagen - vollzieht sich ein gnadenloser Konzentrations- und Bereinigungsprozess. Jüngstes Beispiel eines prominenten Kunden, der die Waffen strecken musste, war Ende November die renommierte Druckerei Weber Benteli in Brügg bei Biel. Der Konkurs kostete 260 Stellen, und er ist ein deutliches Signal, dass der Markt weiterschrumpft. Gleichzeitig stehen die Maschinenhersteller unter einem gewaltigen Innovationsdruck, denn technologisch ist der Offsetdruck ausgereizt, und alles bewegt sich in Richtung Digitaldruck.

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Zudem werden die Lebenszyklen der Maschinen immer kürzer. «80 bis 90% unseres Umsatzes erzielen wir mit Produkten, die weniger als fünf Jahre auf dem Markt sind», verdeutlicht Santoro. Und Bircher unterstreicht: «Wer nicht modernste Technologie bieten kann, ist schnell weg vom Fenster.» Seinem Institut schafft die Krise jedenfalls mehr als genug Aufträge in die Hände.

Blessuren werden heilen

Trotz allem: Von Katastrophe ist nirgends die Rede. Die meisten der stark eigenfinanzierten Familienunternehmen dürften über die notwendigen finanziellen Fettreserven verfügen, um die Krise zu überleben. Und bei der börsenkotierten Bobst Group verweist Santoro auf die «solide Bilanz- und Cashposition». Optimistisch stimmt zudem, dass alle Akteure technologisch an vorderster Front mitspielen. Müller Martini etwa baut seit ein paar Jahren erfolgreich den Digitaldruckbereich aus. «Mit unserem neusten System können Bücher in einem Arbeitsgang produziert werden, von der Datenaufbereitung in der Vorstufe über den Digitaldruck bis zur Weiterverarbeitung», erklärt Bruno Müller, CEO von Müller Martini.

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Die WRH sieht sich ebenfalls als Technologieführerin mit ihren Anlagen, die höchste Leistungen bei sinkenden Herstellungskosten ermöglichen. Zudem hat der Konzern seine geografische Präsenz ausgebaut und ist mit Neuentwicklungen auch in den stark wachsenden Schwellenländern präsent. «Wir können so das in gesättigten Märkten stagnierende Geschäft wesentlich kompensieren», verrät Guido Steffen. Er rechnet allerdings mit einem weiteren herausfordernden Jahr. «Noch immer beobachten wir einen Investitionsstau», sagt er. Und das Vertrauen sei leider noch nicht in den Markt zurückgekehrt.