KUNSTMARKT. Nachdem sich die schwelende Finanzkrise auf dem Immobilienmarkt langsam bemerkbar macht, hoffen die internationalen Auktionshäuser, bei ihren hochkarätigen Herbstauktionen von einer Abkühlung des Marktes verschont zu bleiben. Trotz einiger bemerkenswerter Highlights liegt der Gesamtwert der eingereichten Kunstwerke jedoch einiges tiefer als in der ersten Jahreshälfte, die alle Erwartungen übertraf, und dementsprechend verhaltener sind auch die Umsatzerwartungen. Es wird sich zeigen, ob Sammler und Investoren aus Europa, Amerika, Russland und Asien nach wie vor bereit sind, in dem äusserst schnelllebigen Markt für junge Kunst weiterhin Fantasiepreise zu zahlen.

Vorerst stabile Preise

Eventuelle Krisen in der Weltwirtschaft wirken sich früher oder später zwangsläufig auch auf den Kunstmarkt aus. Der Standardsatz der Ökonomie: «Wenn Amerika niest, holt sich die ganze Welt einen Schnupfen», gilt auch für den Kunsthandel. Noch gehen Kenner davon aus, dass die Preise diesen Herbst stabil bleiben werden. Für die Auktionshäuser war es denn sicher auch eine glückliche Fügung, dass die Turbulenzen an der Börse nicht mit der Kunst-Hochsaison zusammenfielen. Ein Indikator dafür, wie es um den Kunstmarkt bestellt ist, sind stets die Preisgarantien, die derzeit sparsamer als auch schon vergeben werden. Diese Einliefergarantien sind heikler als Kredite, denn wenn ein Werk weniger als den garantierten Preis erzielt, muss das Auktionshaus die Differenz begleichen. Im 1. Halbjahr 2007 hatte Sotheby’s noch 16% seines Umsatzes mit Preisgarantien gemacht, was rund 325 Mio Dollar entspricht. Insgesamt versteigerte Sotheby’s Kunst und Antiquitäten im Wert von 3,24 Mrd Dollar – rund 45% mehr als im Vorjahr. Den stärksten Zuwachs verzeichnete dabei (wenig überraschend) der Bereich der Gegenwarts- und Nachkriegskunst um 96% (!) auf 712,6 Mio Dollar. Er hat somit den Sektor Impressionismus und klassische Moderne nahezu eingeholt, welcher sich seinerseits um 28% auf 791,3 Mio Dollar steigern konnte. Bezeichnend ist auch, dass eine rekordverdächtige Anzahl von rund 390 Werken für je über 1 Mio Dollar verkauft werden konnten.Vergleichbares meldet Christie’s, das als Privatunternehmen allerdings nicht seine Zahlen offen legen muss. Hier gibt man für das 1. Halbjahr ein Umsatzvolumen von 3,25 Mrd Dollar an, was ebenfalls einem Zuwachs von 45% im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Mit 914 Mio Dollar etablierte sich bei Christie’s die Nachkriegs- und Gegenwartskunst erstmals als umsatzstärkster Teilbereich nach den Impressionisten- und Moderneverkäufen mit 865 Mio Dollar. Die zehn teuersten Lose bei Christie’s stammten alle aus dem 20 Jh., angeführt vom Spitzenlos «Green Car Crash (Green Burning Car I)» von Andy Warhol – mit 71,72 Mio Dollar der teuerste Autounfall aller Zeiten. Unter den fünf weltweit teuersten Losen wurden vier von Sotheby’s versteigert: Als teuerster Zeitgenosse überhaupt konnte sich Mark Rothko durchsetzen, dessen «White Center (Yellow, Pink, Lavender on Rose)» mit Aufpreis 72,84 Mio Dollar einspielte.Beide Auktionshäuser konnten in den ersten Monaten dieses Jahres den jeweils höchsten Halbjahresumsatz ihrer Geschichte erzielen. Ein Grund dafür liegt sicher auch darin, dass das Interesse an Kunst neue Dimensionen in der geografischen Verbreitung angenommen hat. Christie’s etwa verfügt inzwischen auch über Niederlassungen in Schanghai, Peking, Mumbai und Moskau. Allein an den Auktionen in Dubai haben gemäss Christie’s-Direktor Edward Dolman Käufer aus 19 verschiedenen Ländern teilgenommen. Dubai liegt zentral und nahe bei den neuen Märkten Russland, China und Indien, die in letzter Zeit für den Kunsthandel sehr interessant geworden sind. Gerade der Verkauf russischer Kunst bietet weltweit bisher ungeahnte Gewinnchancen. Seit einiger Zeit gibt es Auktionen speziell für russische Kunst. Oligarchen und Neureiche kaufen für ihre prächtigen Villen jene Objekte zurück, die in den 80er Jahren vom Osten in den Westen versteigert wurden. Geld spielt dabei keine Rolle. Das nächste Highlight kommt am 28. November 2007 bei Christie’s in London unter den Hammer: Es handelt sich um ein Schmuckei von Fabergé aus Rothschild-Besitz mit einem Uhrwerk und einem diamantenbesetzten Miniaturhahn mit einem Schätzpreis von 6 bis 9 Mio Pfund.

Im Trend: Spekulatives

Nirgends bestimmt die Nachfrage den Preis stärker als im Kunsthandel. Der Preis für ein Kunstwerk hängt allein davon ab, wie viele Sammler genau dieses Werk besitzen wollen und welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit (und imstande) sind. Bis zur reinen Finanzspekulation ist es da nicht weit. So machte diesen Sommer Damien Hirsts mit Diamanten übersäter (und mit echten menschlichen Zähnen versehener) Totenkopf mit dem Titel «For the Love of God» Furore, als er für 50 Mio Pfund in der Londoner Galerie White Cube ausgestellt war. Die mit mehr als 8500 Diamanten von insgesamt 1106 Karat besetzte Geschmacklosigkeit wurde kürzlich von einem Konsortium von Kapitalanlegern für sage und schreibe 100 Mio Dollar gekauft. Dem Vernehmen nach behält der Künstler einen Anteil an seinem Werk – d.h. er hat als Mitglied der Investorengruppe sein eigenes Werk gekauft! Nicht überall geht es so extrem zu, aber eine gewisse Shopping-Mentalität und Renommiersucht ist – vor allem bei der zeitgenössischen Kunst – nicht von der Hand zu weisen. In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten wurde die Kunst für den Sofortgenuss aufbereitet, etwa so wie die Haute Couture zu Prêt-à-Porter wurde. Der Zusammenhang zwischen Kunstpreisen und Kennerschaft geht mehr und mehr verloren. Früher dokumentierte das Sammeln von Kunst Expertentum, und in Auktionen garantierten Händler im Zusammenspiel mit kenntnisreichen Sammlern ein nachvollziehbares Preisgefüge. Weil heute jedoch viele Sammler mit den Objekten umgehen, als wären es Kriegstrophäen, sind die Folge davon oft wenig aussagekräftige Rekordpreise, die in erster Linie durch den privaten Wettbewerb geschaffen werden und mitunter völlig losgelöst von der Realität sind.

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72,84 Mio Dollar

Mark Rothkos

Andy Warhol

71,72 Mio Dollar.

Lorenzo di Medici

18,6 Mio Pfund

Claude Monet

18,5 Mio Pfund

Monet

17,94 Mio Pfund

Artemis

28,6 Mio Dollar