Ein Gewebe ist der Inbegriff des Zweidimensionalen. Eigentlich. In einer Fläche verkreuzen sich die Quer- und Längsfäden, Kette und Schuss. Doch schon früh in der Textilgeschichte war dies den Webern nicht genug, und emsig tüftelte man am Webstuhl, um den Stoffen doch irgendwie eine Mehrdimensionalität zu verleihen. Es entstanden Stoffe mit einer gewissen Steifigkeit, wie der Taft mit seinem üppigen, bauschig knitterigen Fall. Gut und schön. Dann die Gewebe mit Flor, Samte, insbesondere die Reliefsamte, deren Florfäden doch schon ein klein wenig in die dritte Dimension, den Raum, hineinragten.

Auch Plissees, Scherli und Lochmuster brachte der Erfindergeist im Laufe der Zeit hervor. Und die Suche geht weiter. So eng wie nie zuvor sind Mode und Wohnmode heute mit dem Zeitgeist verbunden. Schnell und sensibel wie Seismographen reagieren Designer, die die Nase im Wind haben, auf Themen, die in der Luft liegen. Mehrdimensionalität, Komplexität und Kontraste, Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit - Schlagworte, die unser Leben derzeit auf so vielen Ebenen bestimmen, werden auch vom Design aufgegriffen und spiegeln sich vor allem und gerade im Textildesign wider.

Neue Spielarten

Irma Faeh, Textildesignerin beim renommierten Textilunternehmen Création Baumann in Langenthal, ist so eine, die die Nase im Wind hat - und mit ihr ein ganzes Team, denn Teamgeist wird gross geschrieben, im Hause Baumann. Ihre jüngst vorgelegte Kollektion «Vivendi» der «Living Line» zeigt mit insgesamt 15 Dessins neue Spielarten der Dreidimensionalität bei Wohnstoffen. Dabei hat Irma Faeh für diese hochmoderne Kollektion durchaus den Blick auch weit zurückgewandt, in die Geschichte der Weberei.

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Sozusagen die Initialzündung für diese Arbeit war ein älteres Stückchen Stoff, ein Laugenkrepp, das ihr der Zufall just zum richtigen Zeitpunkt in die Hände spielte. Es zeigte genau diese papierähnliche und geknitterte Haptik, nach der sie schon lange gesucht hatte. Hervorgebracht hatte diesen Effekt die etwas in Vergessenheit geratene Laugendrucktechnik: Auf einen Baumwollstoff wird das Muster zunächst mit einer Paste aufgedruckt. Sie fungiert als sogenanntes «Reservemittel», ähnlich wie bei einer Batik das Wachs. Danach kommt der Stoff in ein Laugenbad, was dazu führt, dass er an den nicht bedruckten Stellen schrumpft. Wäscht man die Paste dann wieder aus, erscheint ein Muster, das sich blasenartig wirft wie ein Krepp. Natürlich war für das Team von Création Baumann einiges an Forschungsarbeit nötig, bis diese alte und einst traditionsreiche Technik auf den hochmodernen Web- und Druckmaschinen umgesetzt werden konnte und daraus Textilien für das Hier und Heute entstanden: Die Vorhangstoffe «Violetta» und «Milli» zitieren mit ihren gekreppten Blüten beziehungsweise Tupfen die brandaktuellen Sixties, während «Filippa» mit einem Lochmuster im wahrsten Sinne des Wortes noch zusätzlich punktet. Dadurch ergeben sich schöne Lichteffekte und kleine Durchblicke - in die «nächste Dimension» dahinter.

Andere Dessins der Kollektion sind vom Laufsteg inspiriert. Zumindest punkto Stoffe gehen Haute Couture und Wohnmode längst Hand in Hand, auch wenn die Umsetzbarkeit jeweils eine andere sein muss. So greift Irma Faeh mit «Indiva» das Modethema «Layering» auf - ein Look, der sich auch am Fenster gut macht: Zwei zarte, transparente Gewebelagen, nur punktuell aneinander geheftet und mit einem grossflächig stilisierten Blütendruck, einen digitalen Transferdruck, überzogen. Jeder Lufthauch verschiebt die Stofflagen etwas gegeneinander und die duftigen Blüten scheinen im Raum zu schweben. Mondän in der dunklen Variante, einem Grauviolett, und ausgesprochen fröhlich im hellen, fast weissgrundigen Colorit. Mit «Maxim», einem Jacquard-Karo, zeigt ein weiterer Stoff der Kollektion die Zweischichtigkeit.

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Laufstegthemen

Die Dekostoffe «Coco» und «Yves» knüpfen ebenfalls an Laufsteg-themen an und ihre Artikelnamen sind - wenngleich mit einem Augenzwinkern - nicht ganz zufällig gewählt: «Coco» kleidet Fenster in jene feminine Kreation, die die Modewelt derzeit zumindest am Abend trägt: Spitze! Eine breite Sternenbordüre im unteren Drittel des drei Meter breiten Tülls zieht alle Blicke auf sich, verhüllt raffiniert, besonders in Schwarz, und lässt doch das Dahinter noch durchscheinen. Und dabei ist vieles möglich, denn «Coco» kann quer oder hochkant vernäht werden. Reich gerafft ein charmantes, fast barockes Fensterkleid - glatt verarbeitet cool genug fürs Loft.

Formbar wie eine Skulptur

Beides trifft auch für «Yves» zu. Auch diese sehr luxuriöse Stoffkreation geht mit antiken Stilmöbeln ebenso wie in puristischer Umgebung, dennoch ist sie sozusagen der maskuline und diesmal blickdichte Kontrast zu «Coco»: Hochwertige Seide wurde mit feinsten Metallfäden durchwebt. Das verstärkt nicht nur den verführerischen Schimmer, es macht das Gewebe durch eine gewisse Steifigkeit auch formbar wie eine Skulptur und spielt so auf ganz andere Art und Weise mit dem Licht und wiederum der Dreidimensionalität. Eine Fensterdekoration in «Yves» bringt mehr als nur einen Hauch von Glamour in den Raum!

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Auch den Bezugsstoffen der Kollektion «Vivendi» fehlt es nicht am modischem Kick und einer eleganten Note: Im an sich sehr robusten Uni-Chenille «Vincent» lässt Irma Faeh unvermutet eingewebte Lurexgarne aufblitzen und verleiht ihm so Eyecatcher-Qualitäten, die ihn für Solomöbel prädestinieren. Ebenfalls mit Matt-Glanz-Effekten wirkt «Valentino»: Sanft schimmernde Samtovale erheben sich wie Kieselsteine aus dem dunklen Fond dieses Reliefvelours. Naturanklänge, die in dieser Kollektion ebenso vorkommen und ihren Platz haben wie Luxuriöses und sogar Extravagantes.

Das Team des Langenthaler Unternehmens hat unter dem Leitgedanken der Mehrdimensionalität eine Kollektion kreiert, die so vielschichtig, facettenreich und manchmal fast widersprüchlich ist wie das Leben selbst. Die Entscheidung für «Vivendi» als Kollektionstitel wurde in Anlehnung an «ars vivendi», die Kunst des Lebens, sehr bewusst getroffen. Leichtigkeit trifft hier auf Üppiges, Verspieltes auf geordnete Symmetrie, Feminines auf Maskulines. Für Irma Faeh als kreativen Kopf hinter dieser Kollektion lag der Reiz durchaus darin, zu polarisieren. Dass am Ende keine Einheitlichkeit, sondern ein poetisches, neues Ganzes entstanden ist, ist ihre Handschrift.

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