Glücklicherweise brauchen sich Lutz Bethge, gegenwärtiger Marken-CEO, und die Rechtsabteilung der Richemont-Gruppe, zu der Montblanc gehört, den Kopf nicht über diese Eventualität und die Namensnachfolge der Suters zu zerbrechen. Seit nunmehr elf Jahren reüssieren die Zeitmesser von Montblanc in einer Weise, von der die Suters aller Wahrscheinlichkeit nach nur träumen konnten. Stückzahlen im unteren sechsstelligen Bereich gehören längst zur Realität. Und jene Lästermäuler, welche 1996 bei der Premiere durchaus konventioneller, dem monolithischen «Meisterstück»-Füller nachempfundene Armbanduhren den damaligen Montblanc-Chef Norbert Platt (60) noch süffisant fragten, wo man denn die Tinte einfülle, sind ebenfalls verstummt.

Am liebsten alles selber machen

Begründen lässt sich der chronometrische Erfolg gleich in mehrerer Hinsicht. Da gibt es zum einen die konsequente, auf Variantenreichtum ausgelegte Produktdiversifikation. Und anderseits fasste der scharfe Analytiker Platt schon beim Lancement ein gezieltes Trading-up ins Auge, wie die Linien Sport, Star, Summit oder Timewalker belegen.

Ein dritter Aspekt darf in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht aus den Augen verloren werden: Traditionsgemäss versteht sich Montblanc als Marke, die nicht lizenziert, sondern die Dinge selbst macht. Das zeigte sich bereits bei der Einführung der nicht minder erfolgreichen Lederkollektion, für die Montblanc in Deutschland den Offenbacher Fabrikanten Seeger erwarb. Auf diese Weise sicherte sich der etablierte, mittlerweile 102 Jahre alte Schreibgerätehersteller eine respektable Fertigungskompetenz.

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Bei den Uhren gestalten sich die Dinge grundsätzlich ein wenig anders. Hier herrscht traditionsmäss eine strukturelle Arbeitsteilung auf relativ hohem Niveau. Gehäuse, Zifferblätter, Zeiger und Uhrwerke werden vielfach zugekauft. Das verlangt nach relativ langer Produktplanung einschliesslich der damit verknüpften Komponenten-Order. Um dem entgegenzuwirken, hat sich Montblanc auch auf dem Uhrensektor längst aus einer reinen Marketing- und Vertriebsrolle verabschiedet. Davon zeugt die moderne Fabrikationsstätte in Le Locle, welche bereits einer dringenden Erweiterung bedarf.

Die Segnungen einer auch in entwicklungs- und fertigungstechnischer Hinsicht extrem breit aufgestellten Mutter, wie sie Richemont zweifellos verkörpert, dürfen in diesem Zusammenhang keineswegs vergessen werden. Bester Beweis ist der neue Rieussec-Chronograph des Jahres 2008. Dieser Zeitschreiber repräsentiert einen weiteren Aufwärtsschritt, denn er läutet die Epoche exklusiver Mechanikkaliber mit besonderen Funktionen ein. Selbige resultieren aus einer Kooperation mit der Schwester ValFleurier, und sie sind selbstverständlich nur in Montblanc-Zeitmessern zu finden.

Der Lift nach ganz oben auf 4810 m Montblanc-Gipfelhöhe, wohin viele Mitbewerber trotz extrem dünner Luft beharrlich wollen, zeichnete sich bereits 2006 ab. Da nämlich nahm Richemont die kleine Traditions-Uhrenmanufaktur Minerva unter die Fittiche.

Wechselhafte Geschichte

Das heutige Institut Minerva de Recherche en Haute Horlogerie wurde 1858 ins Leben gerufen, dann verschiedentlich umgetauft (etwa in Minerva) und schliesslich 2006 nach verschiedenen Besitzerwechseln durch den italienischen Financier Emilio Gnutti an den Richemont-Konzern verkauft.

Damit beginnt die überaus enge Partnerschaft mit Montblanc. Aus Minerva wurde das Institut Minerva de Recherche en Haute Horlogerie, welches sich nach einer gleichermassen gründlichen wie aufwendigen Renovierung und Aufstockung des alten Firmengebäudes in Villeret dem klassischen Feinuhrenbau sowie der liebevollen Bewahrung traditioneller Fähigkeiten und Fertigkeiten widmet.

«Mysteriöses» Grand Tourbillon

Zu den erklärten Zielen gehört die Weiterentwicklung uhrmacherischer Besonderheiten mit hohen technischen Ansprüchen. Davon kündet ganz zweifellos das neue Grand Tourbillon Heures Mystérieuses.

Ihre neueste Kreation knüpft exakt dort an, wo die Historie der klassischen Tourbillons irgendwann endete. Den Beweis liefert ein Besuch der Ateliers in Villeret, wo es scheint, dass die Zeit trotz gründlicher Erneuerung irgendwie stehen geblieben ist. Ein Teil des umfassenden Maschinenparks ist tatsächlich Vergangenheit pur: Gewaltige Stanzen beispielsweise, die mit Getöse und bis zu 50 t Druck winzige Stahlteile formen. Angesichts computergesteuerter Automation erscheint diese Arbeitsweise tatsächlich reaktionär. Aber sie besitzt auch unbestreitbare Vorteile: Die nach dem lautstarken Absenken des sündhaft teuren Stempels ausgespuckten Komponenten bestechen durch höchste Genauigkeit. Ohne Handwerker, die ihr Tagwerk noch in alter Väter Sitte ausüben können, wären die gepflegten Oldtimer völlig wertlos.

Natürlich ist auch die Gegenwart in Gestalt moderner, computergesteuerter Fertigungszentren präsent. Sie steuern teilweise hoch komplexe Rohkomponenten für das neue Vorzeige-Tourbillon bei. Die Finissage, Assemblage und Reglage in den oberen Etagen huldigen ausnahmslos dem hehren Prinzip der Entschleunigung. Qualität geht eindeutig vor Quantität. Handarbeit total, lautet die Maxime. Elektrisch angetriebene Kleinwerkzeuge zum Anglieren und Polieren der Stahlteile sind schlichtweg untersagt. Stattdessen führen die Uhrmacher-Hände antiquiert wirkende und vielfach selbst gestaltete Utensilien. So gerät jedes Einzelteil bereits bei seiner Terminierung zum unverwechselbaren Unikat. Bei der anschliessenden Vereinigung zu einem funktionsfähigen Ganzen zeigt sich einmal mehr, dass selbiges weitaus mehr ist als die Summe der verwendeten 286 Komponenten für das neue Tourbillon.

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