Herr Volonté, wegen des Virus finden die Generalversammlungen jetzt ohne Aktionäre statt. Sind solche Geister-GVs für die Firmenlenker die perfekte Gelegenheit, umstrittene Ansuchen einfacher durchzusetzen?
Das glaube ich nicht. Entscheidend ist vor allem, welche Empfehlungen die grossen Stimmrechtsberater wie ISS oder Glass Lewis publizieren. Die Aktionäre, die persönlich an einer GV anwesend sind, vertreten ohnehin meist nur ein bis zwei Prozent der Stimmrechte. Schon vor Corona liessen die meisten Aktionäre über den Stimmrechtsvertreter abstimmen.

Dessen Macht nun deutlich wächst.
Ja, denn bei einer GV ohne ­Publikum können alle Aktionäre ihre Stimmrechte nur noch über die Stimmrechtsvertreter ausüben. Deren Be­deutung nimmt jetzt noch zu, und viele wissen wenig darüber. Es ist noch wichtiger, genau hinzuschauen.

Worauf kommt es an?
In welchem Verhältnis die Vertreter zu den Firmen stehen. Es ist noch relevanter, ob sie die Unternehmen über ihr Stimmverhalten vorab informieren und diese die Traktanden dann noch abändern. Das wäre durch ihre Machtfülle jetzt noch problematischer, darf aber auch ohne Corona nicht sein.

Wie bitte, das wird gemacht?
Offiziell nicht. Wir bei Inrate fragen dies jedes Jahr ab. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gemacht wird, ist gross. Im Herbst wurde die GV von Sunrise zur UPC-Übernahme im letzten Moment abgesagt. Oder bei der CS reduzierte man vor Jahren einen Bonus vor der GV noch. Die Firmen hatten wohl Rückmeldungen, dass ihre Vorhaben am Votum der Aktionäre scheitern.

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Die technischen Möglichkeiten, eine GV online abzuhalten, sind heute ausreichend. Trotzdem scheinen viele überfordert. Ist das Kalkül?
Das wohl nicht. Aber ein Webcast sollte heute möglich sein.

Warum fehlen auf Einladungen Infos, wie Aktionäre ihre Fragen stellen können?
Ich weiss es nicht. Aber die Situation ist aussergewöhnlich. Man kann den Firmen keine grossen Vorwürfe machen.

Braucht es die analoge GV noch?
Es ist wichtig, dass der Verwaltungsrat direkt öffentlich mit der Meinung der Kleinanleger konfrontiert wird, weil diese die gesellschaftliche Sicht auf die Unternehmen darstellen. Grossaktionäre sind sowieso meist über das ganze Jahr mit den Unternehmen im Dialog.

Christophe Volonté ist Head Corporate Governance bei Inrate und leitet zRating

Christophe Volonté ist Head Corporate Governance bei Inrate und leitet zRating. zRating setzt sich für eine Verbesserung der Corporate Governance in der Schweiz ein.

Quelle: Tres Camenzind, Zuerich

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