Lange sagten Sie, AFG sei stark aufgestellt. Nun hat Sie der Abschwung kalt erwischt. Waren Sie zu optimistisch?

Edgar Oehler: Ich bleibe nach wie vor bei meiner Aussage: Die AFG ist stark aufgestellt. Der Abschwung hat uns nicht kalt erwischt: Wir sind seit Ende 2007 an der Ausarbeitung verschiedener Szenarien, welche sich durch immer härtere Massnahmen auszeichnen. Entsprechend haben wir viele Szenarien im Detail sowohl mit Blick auf Markt, Produktion wie auch Belegschaft, Einkauf, und Standorte durchgerechnet. Zudem wird ein Zehnpunkteprogramm aufgestellt, welches divisionsübergreifend abgearbeitet werden kann. Das hat nichts mit übertriebener Zuversicht zu tun, sondern ist Ausdruck einer klaren Flexibilität, sich an veränderte Situationen anzupassen.

Trotzdem: Kürzlich zeigten Sie sich für das 2. Semester 2008 noch zuversichtlich, «falls am Finanzmarkt nichts Drastisches passiert». Jetzt ist das Debakel da. Können Sie Ihre Jahresziele einhalten?

Oehler: Ich kann keine Aussage über den Verlauf des 2. Semesters machen. Es liegt in der Natur unserer Geschäftstätigkeit, dass das 2. Halbjahr grundsätzlich immer besser ist. Mein Vorbehalt, dass das 2. Semester anders verlaufe, «falls am Finanzmarkt nichts Drastisches passiert», hat sich mehr als nur bewahrheitet. Ebenso ist es aber eine Tatsache, dass sich in unserem Land und auf einigen ausländischen Märkten die Bauwirtschaft besser als erwartet entwickelt.

Nur: Von der anvisierten Ebit-Marge von 8% für 2009 dürften Sie jetzt noch weiter entfernt sein. Und ob Sie die 2-Mrd-Fr.-Umsatzgrenze bis 2012 durchbrechen werden, ist ebenfalls fraglich.

Oehler: In der Tat habe ich für 2009 eine Ebit-Marge von 8% prognostiziert. Diese Prognose unterliegt aber der Voraussetzung, dass sich die Weltwirtschaft im gleichen Ausmass und im gleichen Tempo entwickelt.

Revidieren Sie jetzt das Ebit-Margenziel von 8%?

Oehler: Wir erreichen unsere Finanzziele ? über 1 Mrd Fr. Umsatz 2008 und eine Ebit-Marge von 8% bis 2009 ?, wenn die Wirtschaft nicht verrückt spielt. Doch genau dies ist jetzt der Fall. Die AFG arbeitet nicht in der Wüste Gobi oder auf einer Oase oder in einer künstlichen Welt, sondern ist Teil der weltweiten Realwirtschaft.

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Also revidieren Sie die Ziele?

Oehler: Wegen der gesetzlichen Bestimmungen kann ich zu diesem Zeitpunkt keine Aussagen machen. Wir werden am 16. März 2009 an unserer Jahreskonferenz informieren.

Immerhin entspannen sich die Rohmaterialpreise. Verschafft das AFG Luft?

Oehler: Ja. Eine Rückwärtsentwicklung war absolut notwendig, weil viele Rohwarenhersteller zusammen mit Spekulanten der Realwirtschaft hunderte von Milliarden gestohlen haben. Der produzierenden Industrie blieb nichts anderes übrig, als diese exorbitanten Preise auf die Endabnehmer zu überwälzen beziehungsweise in die Preise zu integrieren.

Das 2. Semester sei traditionell umsatzstärker, sagten Sie. Angesichts der aktuellen Marktbedingungen dürften auch sinkende Rohmaterialpreise das Ergebnis nicht mehr retten.Oehler: Dazu kann ich aus Gründen der Ad-hoc-Meldepflicht leider nichts sagen.Sie haben innert weniger Jahre ein Dutzend Akquisitionen getätigt. Jetzt sind viele Unternehmen günstig zu haben. Expandieren Sie weiter?

Oehler: In der Tat sind heute hunderte von Unternehmen auf dem Markt, welche mindestens in Teilen in unsere Strategie passen würden. Wir haben unsere neuen Unternehmen in Zeiten erworben, als die Preise noch verantwortbar waren. Im vergangenen wie auch im laufenden Jahr sind die Preise für Unternehmen derart explodiert, dass wir auf Angebote grundsätzlich eine negative Antwort gegeben haben. In der Folge wurden viele dieser Unternehmen an finanzielle Investoren ? meistens Spekulanten ? veräussert. Ziel solcher Käufer war und ist es, den Preis noch höher zu treiben, um dann noch mehr Geld einstecken zu können. Viele dieser Unternehmen sind in finanziellen Schwierigkeiten, weshalb die seinerzeitigen Verkäufer wieder auf uns zukommen und uns das Unternehmen übergeben möchten. Aber dieses Spiel machen wir nicht mit.

Auch wenn die Preise weiter purzeln?

Oehler: Es kann durchaus sein, dass die Unternehmen entweder in Schwierigkeiten geraten, geschlossen werden oder zu einem günstigeren Preis wieder auf den Markt kommen. Es ist aber nicht oberste Priorität, in dieser Phase weitere Unternehmen in die AFG zu integrieren.

AFG will in Asien stärker Fuss fassen. Hat Ihr neuer Regionalchef bereits erste Erfolge zu vermelden?

Oehler: Felix Aepli hat erst Anfang November seine Arbeit aufgenommen. Wir sind im Aufbau, weshalb wir über unsere Ziele keine Aussagen machen wollen. Indessen haben wir bereits Aktivitäten im asiatischen und pazifischen Raum, welche wir zu koordinieren, aber auch auszubauen haben. Zudem haben wir vor einem Jahr mit der Planung einer neuen Fabrikanlage im Grossraum Schanghai begonnen. Wir haben alle behördlichen Bewilligungen erhalten, sodass die Planungen bis Ende Februar abgeschlossen sind und wir dann mit dem Bau beginnen könnten.

Sie bauen in China ? trotz der weltweiten Krise ? jetzt ein neues Werk?

Oehler: Wie in allen anderen Staaten und auf allen anderen Märkten überprüfen wir selbstverständlich auch dieses Projekt sehr intensiv. Es kann ? je nach wirtschaftlicher Entwicklung ? sogar möglich sein, dass wir den Baubeginn hinausschieben. So haben wir uns beispielsweise entschieden, wegen der Währungsdisparitäten der letzten Monate die Herstellung von Sanitärprodukten von China abzuziehen und wieder an den ursprünglichen Standort der Produktion in Grossbritannien zurückzuverlagern.

Heisst das, dass Ihr Expansionsdrang ? zumindest vorübergehend ? gestoppt ist?

Oehler: Wir setzen auf die Märkte, welche nicht nur Erfolg versprechen, sondern auch Erfolg bringen. Die gegenwärtige und nicht berechenbare Wirtschaftsentwicklung rund um die Welt bedingt eine intensivere Beobachtung, ebenso detailliertere Abklärungen der lokalen wie regionalen Märkte und deshalb auch die intensivere Reisetätigkeit. Unsere Akquisitionstätigkeit der vergangenen Jahre kann nicht mit Expansionsdrang gleichgesetzt werden, sondern ist ein Teil unserer Strategie, die Abhängigkeit vom schweizerischen und deutschen Heimatmarkt abzubauen. Wir haben unsere Zielvorgabe bekannt gegeben, wonach wir die 70-prozentige Abhängigkeit von diesen beiden Märkten sukzessive abbauen und entsprechend unseren Anteil auf den anderen Märkten erhöhen wollen.

Welche Anteile visieren Sie an?

Oehler: Nächster Zielwert wird ein Verhältnis von 50 zu 50 sein.

Und in welchem Zeitraum soll der asiatische Markt um wie viel zulegen?

Oehler: Angepeilt werden 200 Mio Fr. bis ins Jahr 2012.

Werden Sie, falls es noch schlimmer kommt, etwas an Ihrer Fünf-Divisionen-Strategie ändern, bei der immerhin drei Divisionen zu 100% von der Bauwirtschaft abhängen?

Oehler: Interessanterweise geht es heute der Bauwirtschaft grundsätzlich besser als anderen Bereichen, in denen die AFG tätig ist. Möglicherweise wird sich das in den nächsten zwei Jahren ändern. Aus diesen Gründen sind wir besser aufgestellt und haben mit fünf Divisionen eine nachhaltig bessere Abstützung.

Könnte sich AFG einen Schulterschluss, eventuell in einem ersten Schritt eine Zusammenarbeit auf operativer Ebene, mit einem anderen Schweizer Bauausrüster vorstellen? Zum Beispiel mit Forbo?

Oehler: In den meisten Bereichen, in welchen wir tätig sind, ist eine Möglichkeit der Zusammenarbeit mit einem Mitbewerber aus kartellrechtlichen Gründen wohl nicht möglich. Die beiden Unternehmen Forbo und AFG haben eine zu unterschiedliche Produktepalette, als dass eine operative Zusammenarbeit meines Erachtens derzeit Vorteile für diese beiden Unternehmen brächte.

Die fünf Divisionen haben sich im ersten Semester unterschiedlich entwickelt ? Fenster/Türen sowie Heiztechnik und Sanitärbereich erfreulich, Küchen/Kühlen ist leicht zurückgefallen und die Stahl- wie die Oberflächentechnologie haben sich angesichts der miserablen Marktlage gut gehalten. Wie gehen Sie angesichts dieses «Ungleichgewichts» vor?

Oehler: Wir haben für alle Divisionen und Business-Units angesichts der Wirtschaftsentwicklung in den vergangenen 18 Monaten und mit Blick auf die Zukunft intensive, detaillierte und zum Teil sehr eingreifende Programme entwickelt. Diese werden wir situativ weiterentwickeln, entsprechend einsetzen und durchziehen.

Die Analysten sind ? teilweise ? sehr kritisch, was das zukünftige Potenzial von AFG anbelangt. Glauben Ihre Investoren nicht an die Potenziale Ihrer Firma?

Oehler: Wohl niemand weiss besser als wir von der AFG, wo unsere Potenziale liegen, wohin wir gehen und welches die effektiven Werte unserer Unternehmensgruppe sind. Die Tatsache, dass unsere Lager mit gängigen und normal gewerteten Grundmaterialien, unser unbebautes und eingezontes Industrie- und Wohnbauland zusammen mit dem Cash massiv höher als der Börsenwert sind, muss aussagekräftig genug sein, um eine Schlussfolgerung zu ziehen. Dass aber Banken Aktionären empfehlen, alles zu verkaufen, was sie an Aktien in ihrem Portfolio haben, ist ein Entscheid, den ich persönlich nicht nachvollziehen kann. Die Folge dieser nicht verstehbarer Anlageempfehlungen spüren die Banken ja selber am intensivsten.

Wie überzeugen Sie die Anleger?

Oehler: Ich gebe keine Empfehlung ab.

Für den Fall, dass AFG eine Kapitalerhöhung braucht: Woher kommen die Mittel?

Oehler: Die AFG hat sich glücklicherweise in der Vergangenheit so finanziert, dass wir heute gut aufgestellt sind. Eine Kapitalerhöhung ist für grundsätzlich alle Unternehmen sicher kein Thema, weil auf bessere Zeiten gewartet wird.