Weil die Finanzwelt international vernetzt ist, braucht sie auch eine internationale Regulierung. Die Logik ist einfach, die Konsequenzen weniger. Europäische Politiker fordern sogar eine Neuauflage von Bretton Woods – der Vereinbarung, welche die Finanzordnung nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hat und mit der die Gründung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank beschlossen wurde.

Aus Schweizer Sicht sind diese Forderungen nicht erfreulich. Für das Land, das über einen Finanzsektor und über eine Währung verfügt, welche die eigene Wirtschaftskraft wie nirgendwo sonst überragen (siehe Grafiken), hat die Stabilität auf den Finanzmärkten eine besonders grosse Bedeutung. Bei einer weltweiten Aufsichtsbehörde besteht allerdings die Gefahr, dass mächtige Mitglieder ihre Partikularinteressen anderen unter dem Vorwand aufdrängen, damit die Systemstabilität stärken zu wollen. Allein die Erfahrung mit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mahnt zur Vorsicht. Schon über diese ohne Befehlsgewalt ausgestattete Wirtschaftsorganisation der reichen Länder wird seit einigen Jahren bereits gehörig Druck auf das Schweizer Bankgeheimnis ausgeübt. Wie man dieses auch immer bewertet, eine Gefahr für das Finanzsystem stellt es nicht dar.

Bretton Woods II chancenlos

Beruhigend für die Schweiz: Eine baldige Umsetzung dieser Pläne ist nicht zu erwarten. Nicht nur, weil erst allgemeine Absichtserklärungen vorliegen und selbst zu diesen zwischen Europäern und Amerikanern bereits Meinungsverschiedenheiten existieren: Zum Beispiel wollen die USA keine internationale Aufsicht über die grossen Banken.

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Auch die Geschichte ähnlicher Vorstösse ist ernüchternd: Exakt vor einem Jahrzehnt ertönte schon einmal die Forderung nach einer neuen Finanzmarktarchitektur. Anlass damals war die Asienkrise und die Pleite des Hedge-Fonds Long Term Capital Management (LTCM).

Bretton Woods war damals kaum ein Vorbild. Joseph Stiglitz, später Wirtschafts-Nobelpreisträger und damals Chefökonom der Weltbank – wie der IWF eine Bretton-Woods-Gründung –, hat die Schwesterorganisation IWF sogar für die Asienkrise mitverantwortlich gemacht. Fünf Jahre später haben Verantwortliche des IWF selbst eine Mitschuld eingeräumt. Es habe sich gezeigt, so die Erkenntnis in einer Studie von 2003, dass die einst für richtig gehaltenen Ansichten zur Kapitalmarktliberalisierung die Anfälligkeit einiger Länder für Krisen erhöhen könnten. Diese Geschichte lehrt, dass selbst bei einer weltweiten Regulierung und Stützungsorganisation kein abschliessendes Wissen über die Wirkungsweise von Finanzmärkten vorausgesetzt werden kann.

Weltweite Behörden waren bisher immer auch Machtinstrumente ihrer einflussreichsten Mitglieder. Das zeigt das Beispiel der Welthandelsorganisation WTO. Ausgerechnet deren Generaldirektor Pascal Lamy hat sich besonders erfreut über Pläne für ein Bretton-Woods-Nachfolgeabkommen gezeigt. Dabei zeigt schon die Erfahrung seiner eigenen Organisation, wie wenig Chancen ein lehrbuchmässiger Deal hat, der für alle zu fairen Regeln führt. Den Ton geben auch dort die mächtigen Länder an und ihre Forderungen richten sich nicht nach dem grössten Nutzen für die Weltwirtschaft, sondern nach ihren eigenen Interessen.

Das ursprüngliche Bretton-Woods-Abkommen, das am 22. Juli 1994 im Badeort selbigen Namens im US-Bundesstaat New Hampshire durch 44 Nationen abgeschlossen wurde, war nicht einmal der Idee nach machtneutral. Die Weltmacht USA setzte dort ein Währungssystem durch, bei dem alle Westwährungen an den Dollar gebunden wurden und dieser wiederum ans Gold. Für Hilfe bei Zahlungsbilanzproblemen wurde zugleich der IWF gegründet, für Aufbauinvestitionen nach dem Krieg die Weltbank. Mit den damals besiegelten Plänen sollte gewährleistet werden, dass die weltwirtschaftliche Entwicklungen nach dem Krieg in geordneten Bahnen verläuft. Doch das Abkommen hat gleichzeitig die Wirtschaftspolitik aller Mitgliedsländer an jene der USA ausgeliefert. Und diese hat ihre Macht weidlich ausgenutzt, bis schliesslich Anfang der 70er Jahre das System zusammenbrach.

Regeln statt Finanzweltaufsicht

Wenn auch eine neue Weltpolizei für die Finanzbranche nicht im Interesse der Schweiz wäre, so ist das Land andererseits auf internationale Regeln dringend angewiesen. Doch hier muss nichts Neues erfunden werden. Bereits heute besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen den Regulierungsbehörden und den Zentralbanken weltweit. Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich BIZ in Basel nimmt eine wichtige Funktion ein. Die Regeln, die im «Financial Stability Forum» (FSF) diskutiert werden – zum Beispiel Mindestkapitalstandards für Banken, Vorgaben für das Risikomanagement und die Bewertung, Massnahmen zu einer grösseren Transparenz –, sind verglichen mit der Forderung nach einer neuen Weltaufsicht langweilig und eignen sich wenig für grosse Gesten von Politikern. Aber sie sind nützlicher.

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Regelwerke wie jene des FSF werden künftige Krisen nicht verhindern, das kann allerdings auch sonst keine Massnahme. Aber sie machen sie im besten Fall weniger wahrscheinlich und sind im schlechtesten Fall weniger schädlich als eine allmächtige Weltbehörde. Zudem sind solche Regelwerke anpassungsfähig und werden deshalb auch besser akzeptiert.