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Eine starke Frau für dünne Folien[

Frauen an der Spitze von Unternehmen sind rar. Noch rarer sind hierzulande Ausländerinnen in dieser Position: Die Kanadierin Kristina Feeley hat es geschafft. Sie führt die Alcan-Tochter in Rorschach.

Von Mélanie Rietmann
am 04.12.2002

Sie wirkt feminin, aber man spürt sofort, dass sie in Geschäftsangelegenheiten auch hart sein kann, vor allem, wenn es darum geht, die Alcan Rorschach AG weiterzubringen ­ durch neue Produkte und neue Verfahren.

Kristina Feeley ist als Qualitäts-Managerin ins Ostschweizer Unternehmen gekommen. Das Rüstzeug dafür sammelte sie in ihrem Studium. Ihr Fachgebiet war Chemie. Als die damals 21-Jährige in das F+E-Zentrum von Alcan in Kingston (Ontario) eintrat, kam sie zum ersten Mal mit dem Material in Berührung, das sie heute von morgens bis abends beschäftigt: Während zehn Jahren widmete sie sich so trockenen Themen wie Bauxit und Aluminium.

So trocken sei das gar nicht, sagt sie lachend und zählt auf, wo Aluminium überall eingesetzt wird und welche Steigerungsraten sie in der Verwendung sieht. «Vor allem im Verpackungsbereich. Aluminium und Aluminiumverbunde sind hitze- und sterilisationsbeständig und weisen überdies einen hohen Licht- und Barriereschutz vor Fremdeinflüssen auf. Kommt hinzu, dass diese Produkte leicht zu entsorgen sind.»

KONSEQUENT grün AUCH IM EIGENEN HAUSHALT

«You know, I am a bit of a Greeny.» So werden im angelsächsischen Raum die Grünen bezeichnet. Daher habe sie eine grosse Affinität zum umweltfreundlichen Material Aluminium. «Neulich kam eine Freundin aus Montreal zu mir auf Besuch. Sie sah, dass ich Zeitungen gebündelt und alle Abfälle sortiert hatte und sie ins Auto schleppte, um sie zur Sammelstelle zu bringen. Die Freundin schüttelte den Kopf.» Vielleicht ist es das, was an dieser Frau fasziniert. Sie scheint nicht Wasser zu predigen und Wein zu trinken.

Ein anderes Beispiel: Früher war Alcan Rorschach in den oberen Etagen eine reine Männerdomäne ­ mit Hierarchien und allem Drum und Dran. Als sie 2000 zur Generalmanagerin gekürt wurde, hatte sich die Kanadierin vorgenommen, einen partizipativen Führungsstil durchzusetzen. Die Tage, in denen sich Manager wie Diktatoren gebärdeten, sind endgültig vorbei. «Ich möchte, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter flexibel sind, ihre Meinung äussern und sich darauf verlassen können, dass sie nicht nur höflich angehört, sondern auch ernst genommen werden.»

Das sagt sich so leicht, wie geht sie wirklich mit ihren Leuten um? Diese kommen herein, ohne anzuklopfen, die Bürotüre ist höchstwahrscheinlich nur zu, weil sie Besuch hat. Ihre Anweisungen sind nicht laut, aber bestimmt, und wenn sie gestört wird, bleibt sie geduldig. Das Problem, ob sie als Frau Nachteile oder Vorteile hat, stellte sich für sie gar nicht. Ob als Forscherin in Kingston (Kanada) oder an ihrer folgenden Arbeitsstelle für Alcan in Sydney, wo sie sich als technischer Manager «vollamtlich» mit Verpackungen befasste: «Für mich zählt das Resultat, unabhängig davon, ob es von Männern oder Frauen erbracht wird.»

Wie wächst jemand auf, der sich so sicher in einer Managerwelt bewegt, die von Männern geprägt wird? Kristina Feeley lächelt. Das Rezept sei ganz einfach. «Bei uns zu Hause wurden mein Bruder und ich genau gleich behandelt. Unterschiede zwischen Mädchen und Jungs gab es nicht. Wenn es darum ging, den Rasen zu mähen, schwerere Arbeiten zu verrichten oder Vater beim Reparieren des Autos zu helfen, langten einfach ich oder mein Bruder zu.»

Das ist ihr geblieben: Erziehung könne viel dazu beitragen, dass Frauen später im Berufsleben ihren Mann stellen. «Sie sollten nur nicht versuchen, bessere Männer zu sein, sondern sich selber sein.»

Sich selbst, das ist Kristina Feeley. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, in der Schweiz Fuss zu fassen, weil für sie das Bild dieses Landes ein positives war und noch immer ist. Ihr Grossvater war Finanzbuchhalter bei Nestlé in Kanada und hatte oft mit Schweizern zu tun. Diese haben ihr ein positives Bild von unserem Land vermittelt. Dass sie gerade in Rorschach «gelandet» ist, an einem Ort, von dem sie nie eine Ahnung hatte, war schon eher ein Zufall. Sie erinnert sich an den ersten Tag. «In Kanada schneite es, das Wetter war garstig. Und als ich in Rorschach ankam, sah es ungefähr gleich aus.»

Doch dann entdeckte die Alcan-Managerin die Schönheiten der Gegend, die Beflissenheit der Bewohner, ihr zu helfen, ja sie verliebte sich in die Ostschweiz. «Ich konnte kein Wort Deutsch, aber alle halfen mir rührend, sogar bei den einfachsten Handreichungen, aber auch bei der Einrichtung eines Bankkontos.» Heute parliert sie in Deutsch. Sie hat sogar ihr Heimweh nach dem Meer verloren. «Der Bodensee ist wunderschön, auch er verändert sein Antlitz ständig. Das mag ich.» Kristina Feeley wohnt in Horn, direkt am See. Biken und Skaten sind für sie Momente, in denen sie einen Ausgleich zu ihrem harten Job findet.

Zwei Wünsche hat sie, die wahrscheinlich noch eine Weile nicht erfüllt werden können: Als junges Mädchen hat sie viel gemalt und skizziert. Sie wollte Künstlerin werden. Dann hat aber doch die andere Seite in ihr gesiegt ­ jene, die ihr hilft, in einer von Männern dominierten Wirtschaft erfolgreich zu bestehen. Sie sagt dazu: «I am logical». Sie meint vermutlich, dass sie letztlich eine vernünftige Frau sei. «Aber ich möchte trotzdem ­ eines Tages ­ wieder einmal viel malen und zeichnen.» Vielleicht etwas rascher in Erfüllung gehen wird der Traum vom Segeln. Dazu braucht sie nur aus dem Haus zu spazieren und findet schon ein reiches Angebot an Betrieben, die solche Kurse anbieten, die sich auch «en passant» absolvieren lassen.

ein Katzensprung in die heimat Kanada

Trotz Bodensee, neuen Beziehungen und offensichtlichem Spass an der Arbeit hat sie ihre Wurzeln zur Heimat nicht abgebrochen. Wenn immer möglich besucht sie ihre Familie, Freunde und Verwandten. «Das sind ja nur sieben Flugstunden. Wenn ich bedenke, wie lange die Reise von Australien nach Kanada war ­ immerhin 24 Stunden ­, ist das ein Katzensprung É»

Wenn es noch etwas gibt, das an ihr auf Anhieb auffällt, einmal abgesehen von ihrer offenbar grossen Mobilität und Flexibilität, ist es ein kosmopolitsches Flair. Sie scheint keine Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten zu haben und sich überall einleben zu können. Wie lässt sich das erklären? «Meine Mutter ist schottisch-deutscher Abstammung, mein Vater hat irische Wurzeln. Und ich selber bin jemand, der multikulturelle Kontakte schätzt.» Daher fällt es ihr auch nicht schwer, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus verschiedenen Windrichtungen umzugehen, wie sie in Rorschach arbeiten. Dort werden Menschen aus 17 Nationen beschäftigt.

Dass sie stolz auf die Produkte ist, die am Bodensee hergestellt werden ­ nicht nur von ihrer Wohnung aus hat sie Sicht auf ihn, sondern auch vom Büro aus ­, schimmert immer wieder durch. Die Deckel- und Behälterfolien aus Aluminium werden für Pasteten, Saucen, Fleisch, Desserts, Tiernahrung und Fertiggerichte verwendet, aber auch für Fluggastschalen und Vollkonserven. «Das ist das Verpackungsmaterial der Zukunft», rührt sie die Werbetrommel.

Alcan

Algroup integriert

Die Alcan Rorschach AG ist eine Tochter der Alcan Inc. mit Sitz in Montreal (Kanada), die einen Umsatz (2001) von 12,6 Mrd Dollar erwirtschaftete und weltweit 48000 Mitarbeiter beschäftigt. Ende 2000 wurde Algroup (ehemals Alusuisse) durch Alcan übernommen. Sie ist in 37 Ländern tätig. Die wichtigsten Geschäftsbereiche sind: Herstellung von Primäraluminium, Verarbeitung von Aluminium sowie die Produktion von Verpackungen; in diesem Bereich werden 3 Mrd Dollar umgesetzt. Ihre Aktivitäten sind die Herstellung von Verpackungsmaterial für Kosmetik, für die Körperpflege, für die Pharma- und Lebensmittelindustrie.

Alcan Rorschach AG ist ein Glied des europäischen Ablegers (Behälter und Behälterfolien Europa). Ihr Umsatz liegt knapp unter 200 Mio Fr.; der Exportanteil macht über 80% aus. Beschäftigt werden 320 Mitarbeiter. (MéR)

Steckbrief

NAME: Kristina Feeley

GEBOREN: 1958

ZIVILSTAND: «In festen Händen»

WOHNORT: Horn

AUSBILDUNG: Chemiestudium und Absolventin der London Business School, Fachbereich Unternehmensführung

FUNKTION: General Manager von Alcan Rorschach AG

Schlagworte

BODENSEE UND PACIFIC OCEAN

«An beiden Ufern faszinieren mich die Sonnenuntergänge.»

RECYcLINGQUOTE VON ALU

«In der Schweiz phänomenal hoch.»

SCHWEIZER KÜCHE

«Ich liebe Fondue und Raclette.»

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