Der Schweizer Finanzplatz verfügt über Standbeine, die eher im Verborgenen blühen und erst in der jüngsten Vergangenheit stark gewachsen sind. Dazu zählen die Handelsfinanzierungen oder im modernen Fachjargon Commodity Trade Finance (CTF). Das weltweite Volumen beläuft sich derzeit auf gegen 4000 Mrd Dollar pro Jahr. Obwohl die Schweiz über keinen Rohstoff-Handelsplatz verfügt, hat sie sich bei der Finanzierung in eine globale Spitzenposition manövriert. Innerhalb des vor Jahresfrist vorgestellten «Masterplan Finanzplatz Schweiz 2015» soll nun dieser Bereich die gute Marktposition halten oder noch weiter ausbauen. Branchenexperten gehen davon aus, dass dieser Geschäftszweig weltweit jährlich um 8% wächst. Das gesamte Commodity-Ge-schäft trägt mit rund 4 Mrd Fr. zur Wertschöpfung in der Schweiz bei, wobei der eigentliche Finanzierungsteil zwischen 10 bis 20% davon ausmacht.

Scharfer Konkurrenzkampf

Die Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung dieses Geschäftes sind grundsätzlich günstig. «In einzelnen Bereichen bestehen jedoch Verbesserungsmöglichkeiten», warnte allerdings Bankiervereinigungs-Direktor Urs Roth kürzlich an einem Journalistenseminar. Er nannte dabei die Gefahr von zusätzlichen Sorgfaltspflichten für CTF-Firmen im Rahmen der Geldwäschereibekämpfung, die Notwendigkeit von konkurrenzfähigen Steuersätzen und sinnvollen Doppelbesteuerungsabkommen ebenso wie undifferenzierte Kontosperren bei internationalen Strafverfahren.

Der Standort Schweiz steht bei den Handelsfinanzierungen in einem scharfen Konkurrenzkampf mit anderen Finanzplätzen, vorab den wichtigsten Rohstoffbörsen in New York, Chicago und London. Commodity Trade Finance findet fast ausnahmslos grenzüberschreitend statt. Die Beschaffungsmärkte befinden sich in den Entwicklungs- oder Schwellenländern mit bedeutenden Rohstoffvorkommen, während die Verarbeitung und der Verbrauch schwergewichtig in den industrialisierten und wirtschaftlich aufstrebenden Nationen stattfinden.

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Der Rohstoffhandel und die damit verbundene Finanzierung sind in den 90er Jahren als Folge der Privatisierung des Handels sowie der stärkeren Globalisierung und Liberalisierung der Märkte enorm gewachsen. Genf galt bereits vor dem Ersten Weltkrieg als wichtiger Trading Hub. Die neutrale Schweiz und der Franken als verlässliche Währung sorgten in der Rhonestadt für die Ansiedelung von Handelsfirmen, Schifffahrtsgesellschaften, Inspektionsunternehmen, Beratern und Banken mit dem Spezialgebiet Commodity Finance (siehe Kasten). Später kam Zug als bedeutender Standort für Rohstoffhandelsfirmen dazu.

Risikoabschätzung

Bei der Finanzierung des physischen Handels nimmt Genf heute weltweit die Leaderstellung ein. Der Futures-Markt konzentriert sich hauptsächlich auf New York, Chicago und London. Wer im Commodity Trade Finance mithalten will, benötigt nebst einem guten Netzwerk eine breit aufgestellte Organisation. «Man braucht einen grossen Mitarbeiterstab, um die Risiken abzuschätzen», sagte Jacques-Olivier Thomann, Chef Commodity Trade Finance bei BNP Paribas in Genf. Zu den speziellen Herausforderungen zählen derzeit die fast ausnahmslos hohen Commodity-Preise, verbunden mit einer stark zunehmenden Volatilität. Allein im Rohölhandel, dem mit Abstand wichtigsten Markt, sind die Finanzierungsvolumen in den letzten Monaten sprunghaft gestiegen. Die Bilanzsumme lässt sich bei den finanzierenden Banken nicht beliebig ausdehnen, weil diese entsprechend mit Eigenkapital zu unterlegen ist. Gesucht sind deshalb neue Finanzierungsmodelle, etwa in Form einer Securitisierung.

Der Handel mit Rohöl hat seit Anfang der 80er Jahre einen steilen Anstieg erlebt. Mittlerweile werden mehr als zwei Drittel des geförderten Öls an den internationalen Märkten gehandelt. «Die Wertschöpfungskette wurde komplett aufgebrochen», umschrieb Daniel Jaeggi, CEO bei der Genfer Mercuria Energy Trading, die heutige Segmentierung. Die früher üblichen Fixpreise wurden von Notierungen abgelöst, die sich an den globalen Spot-Märkten bilden. Den starken Ölpreisanstieg erklärte der Handelsexperte nebst dem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage speziell auch mit der Diversifikation von Index-Fonds und Pension-Fonds in diese Anlageklasse. Bis zu Beginn dieses Jahrhunderts waren die Ölkonzerne und Ölhändler in diesem Markt praktisch unter sich. Danach sind die Hedge- Fonds eingestiegen und seit zwei Jahren kommt den institutionellen Investoren bei der Preisbildung eine entscheidende Rolle zu.

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