Während der ersten Hälfte dieses Jahres haben Christie’s und Sotheby’s noch erfreuliche 3,15 Mrd bzw. 3,14 Mrd Dollar (ohne Verkäufe aus privaten Transaktionen) umgesetzt. Für Sotheby’s ist dies das zweitbeste Resultat der Firmengeschichte. Doch seit Jahresbeginn sind die Aktien des Auktionshauses um über 75% gesunken und wurden Ende Oktober auf dem Niveau vom Juli 2003 gehandelt. Bereits im Mai hatte Chef Bill Ruprecht angekündigt, künftig die Garantiesummen zu senken, um das Risiko zu verringern. Gemäss der New York Times hat Sotheby’s kürzlich einen 250-Millionen-Dollar-Kredit bei der Bank of America aufgenommen. Christie’s wiederum hat – wohl nach einigen schlechten Erfahrungen – inzwischen seine Hauspolitik betreffend Zahlungsmodalitäten geändert und liefert Kunstwerke nicht mehr aus, bevor die Kunden nicht den vollen Preis bezahlt haben.

Zwar hat sich der internationale Markt mit moderner und zeitgenössischer Kunst in den letzten Jahren immer wieder als erstaunlich konjunkturresistent erwiesen. Doch dass sich als Folge der Finanzkrise auch der Kunstmarkt verlangsamen wird, darüber sind sich die meisten Marktteilnehmer einig. Einzelne Gebiete wie der Handel mit Antiquitäten, Alten Meistern und vermehrt auch mit Kunst des 19. Jhs. spüren schon länger eine Verlangsamung. Grund dafür ist einerseits der mangelnde Nachschub an TopWerken und andererseits der grundlegende Geschmackswandel bei den Käufern. Die grosse Gewinnerin bei dieser Entwicklung war und ist die zeitgenössische Kunst. Spielte sie noch Anfang der 90er Jahre bei den Auktionshäusern eine untergeordnete Rolle, dürfte es nicht mehr lange dauern, bis sie die derzeit umsatzstärkste Sparte, die Klassische Moderne, überrundet hat.

Lehmann Brothers und die Kunst

Die Verteuerung der Kunst macht vor allem den internationalen Museen zunehmend zu schaffen, denn immer mehr Leihgeber wollen ihre Kunst zu Geld machen. So werden etwa die Nationalgalerien in London und Edinburgh zwei Tizian-Gemälde, die dem Duke of Sutherland gehören, verlieren, sollte der Staat nicht die geforderten 100 Mio Pfund dafür aufbringen. Diese Tendenz, Leihgaben in bare Münze zu verwandeln, dürfte sich angesichts der derzeitigen Wirtschaftslage noch verstärken. Eine der direktesten und schmerzhaftesten Auswirkungen der Finanzkrise bekommen die Kulturinstitute in den USA zu spüren, die wegen der mageren staatlichen Zuschüsse besonders auf die Unterstützung von Firmen und Banken angewiesen sind. Allein Lehmann Brothers, ehemals Sponsor aller grossen New Yorker Museen von Guggenheim bis Frick Collection, hat im letzten Jahr 39 Mio Dollar für die Kunst ausgegeben. Die Folgen der Krise für die Kulturinstitute sind noch nicht abzusehen. Noch offen ist auch, was mit der insgesamt rund 3500 Werke umfassenden Kunstsammlung von Lehmann geschieht. Am 12. November 2008 werden erste Werke aus dem Privatbesitz von Kathy Fuld – Frau von Richard Fuld, dem ehemaligen Chef bei Lehman Brothers – bei Christie’s in New York ausgerufen. Das Auktionshaus soll für das auf bis zu 20 Mio Dollar geschätzte Konvolut mit Zeichnungen des Abstrakten Expressionismus eine Garantiesumme zugesagt haben.

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Je teurer, je begehrter

War es früher einfach, preisgünstige Objekte zu verkaufen, und schwierig, teure Objekte an den Mann oder die Frau zu bringen, ist heute das Gegenteil der Fall: Je teurer, je begehrter, lautet die Devise. Finanzkrise hin oder her: Das Top-Segment des globalen Kunstmarkts, davon waren Insider zumindest noch im September überzeugt, werde von der gegenwärtigen Wirtschaftslage nahezu unberührt bleiben. Denn wer hier einkaufe – russische Oligarchen, amerikanische Kasino-Magnaten oder arabische Emire – sei finanziell weitgehend unabhängig. Seit aber auch die russische Börse über 40% ihres Wertes verloren hat, ist es inzwischen wahrscheinlich, dass auch das Top-Segment Federn lassen muss. Zumindest dürften allzu abgehobene Schätzpreise eine Korrektur erfahren.Glücklicherweise ist der Kunstmarkt längst nicht mehr so eindimensional wie in den 80er Jahren. Als dann 1990 die japanische Spekulationsblase platzte, hatte der Kunstmarkt extrem darunter zu leiden. Doch waren es früher ein bis zwei Dutzend Sammler weltweit, die Kunst im grossen Stil kauften, sind es heute einige tausend. Eine Handvoll von ihnen zahlt, wenn es darauf ankommt, jeden Preis. Dadurch hat sich der gesamte Mechanismus des Kunstmarkts verändert. Zwar sind Europa und die USA immer noch die weltweit führenden Kunstmarktregionen, doch nicht wenige Hoffnungen des Marktes liegen nach wie vor auf Russland sowie auf dem grossen Potenzial Asiens. Die Globalisierung hat den Kunstmarkt längst erreicht. Keines der grossen Auktionshäuser ist mehr britisch: Sotheby’s ist eine amerikanische Aktiengesellschaft, Christie’s gehört dem französischen Milliardär François Pinault und Phillips, trotz allem Glamour seit längerem in finanziellen Schwierigkeiten, ist neu in russischen Händen. Im Oktober hat der russische Luxusgüter-Importeur Mercury Group (der Marken wie Ferrari, Maserati, Rolex, Prada und Gucci nach Russland importiert) mehr als 50% der Anteile an Phillips de Pury & Company gekauft. Bereits im kommenden Jahr sollen erste Auktionen in Russland stattfinden.Nicht nur vor dem aktuellen Börsenhintergrund überraschte die glanzvolle Auktion mit Werken von Damien Hirst, die Sotheby’s in den beiden Tagen nach «9/14», der Lehmann-Pleite, am 15. und 16. September 2008 abhielt. Hirst, Künstler und Marketinggenie, hatte über 50 der 223 Lose direkt für die Auktion geschaffen. Diese dreiste Umgehung des traditionellen Verkaufswegs über Galerien und Händler verschlug der Branche den Atem, zahlte sich für den Künstler jedoch letztlich aus. Die Auktion «Beautiful Inside My Head Forever» wurde mit einem Ergebnis von über 200 Mio Dollar (111,4 Mio Pfund) ein fulminanter Erfolg (siehe auch Kasten) – und möglicherweise der Schlusspunkt einer beispielslosen Kunst-Hausse. Bei den Auktionen vom 17. bis 21. Oktober 2008 in London kam parallel zur Frieze Art Fair traditionell jüngere und weniger kostspielige Kunst zum Aufruf. Insgesamt war das Interesse für Kunst der mittleren Preislage deutlich schwächer. Sotheby’s setzte bei seiner Abendauktion vom 17. Oktober mit 45 von 62 Losen 22 Mio Pfund um und erreichte damit sein bisher zweitbestes Oktoberergebnis mit zeitgenössischer Kunst. Praktisch alle Spitzenlose erreichten jedoch nur knapp den unteren Schätzpreis. Tags darauf konnte Simon de Pury bei Phillips von 70 Losen lediglich 38 verkaufen. Bei Christie’s erzielte man am 19. Oktober 32 Mio Pfund (55 Mio Dollar); acht der zehn teuersten Bilder gingen an Privatsammler. Doch von den 47 Losen verblieben am Schluss 21 in den Händen des Auktionshauses.

Die Stunde der Wahrheit

An den Prestige-Auktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst wird im November die Stunde der Wahrheit in New York schlagen, wenn zu den Hauptlosen Werke von Munch, Picasso und Degas zählen, die je auf mehr als 30 Mio Dollar geschätzt sind. Insgesamt rechnen Christie’s und Sotheby’s allein für ihre beiden grossen Abendveranstaltungen mit einem Umsatz von 600 Mio Dollar.