Für die Fondsbranche kündigen sich schwierige Zeiten an. Die Anleger sind nachhaltig verunsichert und halten sich zurück. Wie reagiert die UBS auf den massenweisen Abzug von Geldern?

Martin Thommen: Es ist nicht nur für die Fondsindustrie, sondern für das Geldanlegen generell eine schwierige Zeit. Wichtig ist in solchen Phasen der Verunsicherung die Kundennähe. Man muss den Anlegern die Möglichkeiten für die Zukunft aufzeigen. Viele Leute sind in der Boom-periode ab 2003 etwas allzu euphorisch in risikoreichere Anlagen eingestiegen. Jetzt erfahren sie schmerzhaft, was dieses erhöhte Anlagerisiko bedeutet. Einfach verständliche und transparente Produkte werden wieder in Mode kommen, Deshalb verfallen wir jetzt nicht in eine Hyperaktivität bezüglich neuer Produkte.

Die UBS hat mit ihren Fonds am stärksten unter der Finanzkrise gelitten. Im Vergleich zu den Hauptkonkurrenten hat sich der Marktanteil deutlich vermindert. Leidet die Bank speziell unter dem Vertrauensverlust?

Thommen: Am Anfang war es ein spezifisches UBS-Thema. Mittlerweile stecken wir in einer allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise. Sämtliche Finanzintermediäre sind nun gleichermassen herausgefordert. Die Marktanteilsverluste der UBS im Fondsgeschäft sind nur zu einem Teil auf den Vertrauensverlust bei der Kundschaft zurückzuführen.

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Was hat diesen Rückgang sonst noch ausgelöst?

Thommen: Die Investitionsmöglichkeiten haben sich erweitert. Mit strukturierten Produkten beispielsweise konnte ein Anleger klare Marktmeinungen spielen. Wir haben in unseren Portfolios vermehrt auf Diversifikation gesetzt und sie etwa mit alternativen Anlagen ergänzt. Zudem haben wir auch vermehrt Immobilienanlagen empfohlen. Solche Ergänzungen gehen alle zulasten der etablierten Anlagen, wie eben den Fonds.

Diese alternativen Anlagen und strukturierten Produkten sind ebenfalls unter die Räder gekommen. Erleben jetzt die traditionellen Fonds so etwas wie eine Renaissance?

Thommen: Ja, ich bin überzeugt davon, dass einfache, transparente und leicht verständliche Anlagefonds einen Wiederaufschwung erleben.

Die Fondspalette wurde verändert. So hat die UBS einen Absolute-Return-Fonds nach massiven Kursverlusten und Geldabzügen liquidiert. Hat dieses Konzept ausgedient?

Thommen: Nein. Der Brand «Absolute Return Fonds» hat unter den jüngsten Entwicklungen sicher gewaltig gelitten, aber das dahinter stehende Anlagekonzept entspricht einem Grundbedürfnis vieler Investoren. Sie suchen keine spektakulären Erträge, sondern relativ vernünftig absehbare Returns mit geringen Kursschwankungen. Wir haben auch weiterhin verschiedene Mandatstypen und zwei Fonds mit Absolute-Return-Lösungen im Angebot. Geschlossen wurde der Absolute-Return-Bonds-Fonds, der nicht vom gesamten Anlagespektrum profitieren konnte, sondern sich auf das Fixed-Income-Universum konzentrierte. Dieser Bereich wurde in der Krise am meisten zurückgestuft, und die Risiken haben unverhältnismässig stark zugenommen.

Gibt es neue Fondsarten, die anstelle der bisher konzipierten Absolute-Return-Fonds treten?

Thommen: Natürlich machen wir uns Gedanken darüber. Das Grundkonzept des Absolute-Return wird erhalten bleiben, aber ich könnte mir vorstellen, dass vermehrt Sicherheitsnetze aufgespannt werden. Wir haben bis anhin auf eine eigentliche Absicherungsstrategie verzichtet, weil sie aus unserer Optik in einem normalen Marktumfeld nicht notwendig war. Künftig dürfte man nach unten gewisse Schockbarrieren einbauen. Das kostet dann zwar etwas beim Aufwärtspotenzial.

Geschieht das in Form von Hedging oder gar über eine Versicherungslösung mit den entsprechenden Absicherungskosten?

Thommen: Auch Hedging beinhaltet Absicherungskosten. Es gibt verschiedenste Absicherungsmethoden. Zu diesem breiten Spektrum gehören auch Versicherungslösungen.

Suchen die Anleger nach dem Lehman-Konkurs noch mehr Sicherheiten und Garantien?

Thommen: Ja, im Moment gilt das eindeutig.

Nun wird vor allem auf Geldmarktfonds gesetzt, die praktisch als einzige Fondskategorie regelmässige Zuflüsse verzeichnen. Hält dieser Trend auch im neuen Jahr an?

Thommen: Solange sich keine stabilere Entwicklung an den Märkten abzeichnet, wird sich diese Entwicklung fortsetzen.

Die UBS hat kürzlich mit einem neuen Infrastruktur-Investmentsfonds mehr als 1,5 Mrd Dollar eingesammelt. Ist dies ein zukunftsträchtiges Thema?

Thommen: Durchaus. Es besteht generell ein hoher Bedarf an Infrastrukturbauten. Das gilt sowohl für die etablierten Volkswirtschaften, wie etwa den USA als auch für Schwellenländer. Beim genannten Vehikel handelt es sich allerdings nicht um einen Publikumsfonds. Die Anleger investieren mit Beträgen von mindestens 10 Mio Dollar direkt in Infrastrukturbauten. Entsprechend ist das Investment auch illiquide.

Die staatlichen Ankurbelungsprogramme richten sich schwergewichtig auf Infrastrukturprojekte aus. Damit rückt dieses Thema noch mehr in den Vordergrund.

Thommen: Das ist richtig. Aber Infrastruktur ist keine einfache Investmentklasse. Wer direkt in Flughäfen oder Bahnhöfe investiert, ist gebunden, ähnlich wie bei Private Equity. Es gibt aber Fonds, die aus gelisteten Infrastrukturaktien bestehen. Bei diesen indirekten Anlagen ist der Infrastruktur-Return enthalten, aber gleichzeitig auch die Aktienvolatilität.

Gibt es andere Themen, die langfristig interessant sind?

Thommen: Dazu gehören Exchange Traded Funds (ETF). Diese Fonds werden sich einer stärkeren Nachfrage erfreuen. Aber auch Socially Responsible Investments bleiben ein wichtiges Thema.

Bei den ETF verharrten die Handelsvolumen auch in der Finanzkrise auf einem hohen Niveau. Werden diese Instrumente von der UBS forciert?

Thommen: Die UBS war einer der ersten ETF-Anbieter. Diese Anlagekategorie wird weiterhin einen wichtigen Platz in unserem Angebot haben.

Die niedrigen Gebühren bei den ETF werden von den Anlegern gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten geschätzt.

Thommen: Das Gebührenargument ist sicher wichtig. Ich sehe jedoch keinen generellen Kostendruck. Vielmehr sehe ich eine stärkere Polarisierung im Angebot. Der Anleger wählt zwischen den höheren Kosten für einen aktiv gemanagten Fonds, der Alpha generiert, oder einer niedrigeren Gebühr für das Beta eines ETF.

Im Immobilienbereich wurde der UBS Wealth Management Global Property Fund bis Ende 2009 vorübergehend geschlossen. Das wirkt nach aussen nicht vertrauenserweckend.

Thommen: Diese Reaktion kann ich nachvollziehen. Für Kunden, die in diesem Produkt investiert sind, ist es aber die einzig richtige Massnahme. Im globalen Immobilienmarkt müsste man jetzt zum Teil deutlich unter dem Marktwert verkaufen.

Man hofft auf den Zeitfaktor, um später zu besseren Konditionen zu verkaufen.

Thommen: Wir werden diesen Rücknahmebegehren nachkommen, sobald sich die Lage etwas beruhigt.

Viele Fonds werden wegen mangelnder Nachfrage verschwinden. Trifft das vor allem die komplexen Gebilde? Und gibt es einen Trend zu einfacheren Fondsstrukturen?

Thommen: Die Entwicklung geht in diese Richtung. Es ist eine Pendelbewegung, diesmal hin zu einfacheren Produkten. Fondsvehikel von kleineren Anbietern, die sich an der Peripherie bewegen, können jetzt vermehrt in Schwierigkeiten geraten, weil sie aufgrund der gesunkenen Vermögenswerte wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll sind.

Werden gewisse Produkte miteinander verschmolzen?

Thommen: Ja, davon bin ich überzeugt.

Welche Strategie verfolgt die UBS bei den Hedge-Fonds?

Thommen: Diese Vehikel dienen in erster Linie zur Diversifikation. Ein breit abgestütztes Portfolio sollte zwischen 10% bis 15% Hedge-Fonds enthalten. Für Privatanleger verstehen wir darunter nicht risikoreiche Single Manager Hedge Funds, sondern in erster Line Funds of Funds.

Steigt die Nachfrage nach Hedge-Fonds im laufenden Jahr, weil die Pensionskassen nun ebenfalls bis zu einer Höchstgrenze von einem 15%-Anteil frei in dieser Anlagekategorie investieren können?

Thommen: Das Geschäft wird durch eine breitere potenzielle Investorenschicht unterstützt. Andererseits haben zu viele Privatanleger in der Boomphase zu euphorisch in Hedge-Fonds investiert. Das wird jetzt etwas korrigiert.

Wie gestaltet sich künftig das Verhältnis zwischen Anlagefonds und strukturierten Produkten?

Thommen: Die strukturierten Produkte bleiben eine gute Ergänzung zum mittel- bis längerfristig ausgerichteten Anlagefonds. Damit lassen sich in einem kürzeren Zeithorizont bestimmte Investment-Meinungen umsetzen. Der Konkurs von Lehman hat aber auch das Emittentenrisiko aufgezeigt. Das kann für die Zukunft nur lehrreich sein.

Ist der Tiefstpunkt für die Fondsbranche bereits erreicht oder überwunden?

Thommen: Das weiss ich nicht. Die Emotionalität der Anleger gegenüber dem Thema Investieren ist aber deutlich zurückgegangen. Das stimmt mich für die Entwicklung der Fondsbranche zuversichtlich.