Die Wirtschaftskrise zwingt zu einem rigorosen Kostenmanagement. Drängen nun speziell die kleinen und mittleren Unternehmen auf eine eingeschränkte Revision?

Otto Wyss: In der Praxis stellen wir fest, dass sich die Firmen weitgehend an die heute gültigen Schwellenwerte halten. Die meis-ten KMU wollen die für sie vorgesehene eingeschränkte Revision. Kleine Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern machen teilweise von der Opting-out-Klausel Gebrauch und verzichten auf eine Abschlussprüfung. Viele Kleinstfirmen wiederum wollen aber jährlich zumindest eine eingeschränkte Revision.

Wie viele KMU haben sich für diese neu ermöglichte eingeschränkte Revision entschieden?

Wyss: Wir beobachten eine gute Akzeptanz am Markt. Über 90% der Unternehmen dürften die eingeschränkte Revision anwenden. Eine ordentliche Revision ist heute natürlich aufwendiger und damit etwas teurer, gerade wenn sie einen Abschluss nach Standard betrifft. Die eingeschränkte Revision lässt sich in etwa mit der früheren Revision vergleichen. Das ist für Unternehmen bis 20 Mio Fr. Umsatz in der Regel auch ausreichend. Da hat sich die Abschlussprüfung zumindest nicht verteuert. Bei der BDO Visura entfallen rund 4000 Firmen auf dieses Segment.

Neu ist auch das Opting-out. Wie häufig verzichten Firmen auf eine Revision?

Wyss: Das geschieht wesentlich zurückhaltender als wir es erwartet haben. Am ehesten noch bei einem Alleinaktionär, der seine Buchhaltung von einem Treuhänder erstellen lässt und deshalb keine Notwendigkeit für eine Abschlussprüfung sieht.

Für den Schweizerischen Gewerbeverband, der vor allem solche Kleinstfirmen vertritt, sind die Schwellenwerte zu tief angesetzt.

Wyss: Die Schwellenwerte wurden seinerzeit lange diskutiert. Die heute geltende Lösung scheint uns sinnvoll. Letztlich hat die Treuhand-Kammer immer die Ansicht vertreten, dass es sich um eine politische Frage handelt, die im Parlament zu entscheiden ist. Wichtig ist uns, dass die Schwellenwerte in den verschiedensten Bereichen möglichst harmonisiert werden.

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Drängen vor allem die Banken als gewichtige Kreditgeber auf eine ordentliche Revi-sion, weil sie gerade in wirtschaftlichenKrisenzeiten aussagekräftiger ist?

Wyss: Nein, das können wir nicht feststellen. Die Banken sind äusserst zurückhaltend beim Aufstellen von solchen Forderungen.

Viele mittelständische Unternehmen fordern eine strikte Differenzierung zwischen börsenkotierten und nichtbörsenkotierten Gesellschaften. Wird unter dem Deckmantel der Corporate Governance zu viel in einen Topf geworfen?

Wyss: In unserer Gesetzgebung waren die Vorschriften zu den Aktiengesellschaften über lange Jahre hinweg praktisch für alle gleich, sowohl für die Kleinstfirmen wie für die Grossunternehmen. Jetzt zeichnet sich vermehrt eine Differenzierung ab. Im neuen Aktienrecht soll es für die börsenkotierten Gesellschaften separate Vorschriften geben. Das ist der richtige Weg, wenn man sich überlegt, wo eine solche Unterscheidung auch Sinn macht. Kotierte Unternehmen eignen sich unserer Meinung nach für diesen Schritt besonders gut.

Zielt die laufende Aktienrechtsreform in diese Richtung?

Wyss: Ja, etwa in der Rechnungslegung. Kotierte Unternehmen sind verpflichtet, einen gewissen Standard einzuführen. Der Kontenplan beziehungsweise die Gliederungsvorschriften sind andererseits aber wieder für alle Firmen gültig.

Auch ein umfangreiches Regelwerk wie die US GAAP haben Bilanzskandale nach dem Muster von Enron und Worldcom nicht verhindert. Sollten sich die verschärften Revisionsvorschriften nicht vor allem auf die grossen Publikumsgesellschaften beziehen?

Wyss: Es besteht die Tendenz, für alle grossen Unternehmen ein Regelwerk vorzuschreiben, sei das nun US GAAP, IFRS oder in einzelnen Fällen auch Swiss GAAP FER. Noch so viele Vorschriften schützen aber nicht vor kriminellen Machenschaften.

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Eine Revisionsaufsicht sorgt seit letztem Jahr in der Schweiz dafür, dass Missbräuche möglichst verhindert werden. Was hat das in der Branche bewirkt?

Wyss: Der Qualitätsaspekt ist wesentlich wichtiger geworden. Die Revisionsaufsicht konzentriert sich vor allem auf die staatlich beaufsichtigten Revisionsunternehmen. Sie setzt aber auch Qualitätsstandards für alle übrigen Firmen. Themen wie Unabhängigkeit haben einen wesentlich höheren Stellenwert erhalten.

Führt das zu einer stärkeren Konzentration in der Revisionsbranche?

Wyss: Nicht unbedingt. Ich sehe eher eine Marktaufteilung. Die Kleinstfirmen im Prüfsektor werden sich vor allem auf die eingeschränkte Revision ausrichten. Offen ist, ob alle 37 staatlich beaufsichtigen Revisionsfirmen in diesem Status verbleiben wollen, der es ihnen erlaubt, börsenkotierte Unternehmen zu revidieren. Der Aufwand für diese Akkreditierung ist relativ hoch. Da erwarte ich einen Ausscheidungsprozess.

Gibt es jetzt weniger schwarze Schafe als früher?

Wyss: Die Revisionsaufsicht wird exakt darauf achten, wen sie als Revisionsexperten oder als zugelassenen Revisor registriert. Die Bedingungen müssen erfüllt sein, aber ob sich dahinter trotzdem ein schwarzes Schaf verbirgt, kann ich nicht sagen.

Ist damit die Ausbildung für einen Wirtschaftsprüfer anspruchsvoller geworden?

Wyss: Die gesamte Wirtschaft ist komplexer, und das gilt auch für die Rechnungslegung. Der Anspruch an die jungen Leute ist deutlich höher. Wir haben heute einen grossen Anteil von Hochschul- und Fachhochschulabgängern, die sich der Wirtschaftsprüfung zuwenden.

Die Treuhand-Kammer versucht mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit gute Leute zum Berufseinstieg zu bewegen. Findet sich genügend Nachwuchs?

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Wyss: Das ist uns bisher immer gelungen. Die Ausbildung zum diplomierten Wirtschaftsprüfer ist attraktiv. Aber der Kampf um die besten Leute wird sich in Zukunft noch verschärfen. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten zeigt sich, dass dieser Beruf auch krisenresistent ist.

Profitiert die Revisionsbranche davon, dass Banken und Versicherungen für Hochschulabgänger nicht mehr die gleiche Anziehungskraft haben wie vor der Finanzkrise?

Wyss: Das kann ich nicht schlüssig beurteilen, aber noch vor zwei bis drei Jahren war die Konkurrenz aus diesen Wirtschaftszweigen deutlich höher.

Das Risikomanagement gewinnt nach den jüngsten Debakeln in der Finanzindustrie an Bedeutung. Umstritten ist aber, ob unverbindliche Angaben zum Risikomanagement im Anhang zur Jahresrechnung eines KMU sinnvoll sind.

Wyss: Man kann sich zu Recht fragen, ob es sinnvoll war, diese Angaben über das Risikomanagement für alle Aktiengesellschaften zu fordern, auch für Kleinstfirmen. Ich hätte damit leben können, wenn es nur für Firmen obligatorisch wäre, die der ordentlichen Revision unterliegen. Andererseits löst dieses Erfordernis einen Prozess aus.

In kleinen Unternehmen wird auch der Sinn und Zweck eines aufwendigen internen Kontroll-Systems (IKS) oft nicht verstanden. Die Rede ist von Überregulierung.

Wyss: Der Begriff Überregulierung scheint mir fehl am Platz, weil das Gesetz nur für die ordentlich revidierten Unternehmen eine Prüfung des IKS vorsieht und die Ausgestaltung des IKS dem Verwaltungsrat überlassen bleibt. Trotzdem kritisieren das gewisse Kreise als Schikane. Ich höre aber auch, dass es gar nicht so schlecht war, die eigenen Geschäftsprozesse zu durchforsten und wo nötig zu hinterfragen. Weil wir die Existenz dieses IKS überprüfen müssen, hat man uns zu Unrecht Eigeninteressen vorgeworfen. Dabei mussten wir zunächst diesen Prüfprozess definieren.

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Sie sprechen die von der Treuhand-Kammer formulierten Grundsätze an?

Wyss: Ja, das hat zu Diskussionen geführt. Zwischenzeitlich haben wir von der Revisionsbranche aus den Beweis angetreten, dass wir diese Vorschrift auch vernünftig interpretieren können.

Droht mit der aktuellen Aktienrechts- reform eine noch grössere Regulierungsdichte?

Wyss: Das Dossier ist zweigeteilt. In einem ersten Schritt wird die Corporate Governance behandelt und erst danach folgt die Rechnungslegung. Bei der Corporate Governance werden wir viele neue und detailliertere Vorschriften erhalten. Im Fall der Rechnungslegung steht die Transparenz im Vordergrund.

Welche Lösungen zeichnen sich für die Revisionsfirmen bei der Haftungsfrage ab?

Wyss: Man kommt von der bisherigen Regelung ab, dass alle Organe unbegrenzt und solidarisch haften. Vorgesehen ist, die schon bisher geltende differenzierte Solidarität besser zur Geltung zu bringen. Die Revisionsstelle soll nur für ihr effektives Verschulden haften. Die Praxis muss allerdings noch zeigen, wie das interpretiert wird. Für die Branche ist es wichtig, dass bei einem Konkursfall nicht einfach die Revisionsfirma, die über eine gute Versicherung verfügt, für einen hohen Betrag eingeklagt werden kann, ohne dass der VR für sein Verschulden einstehen muss.

Nach dem Swissair-Grounding wurde auf ein neues Sanierungsrecht gedrängt, um unnötige Firmenliquidationen zu vermeiden. Wo stehen wir?

Wyss: Der Vernehmlassungsentwurf zielt auf Verbesserungen beim Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG), wenn also die Nachlassstundung schon ausgesprochen ist. Die Treuhand-Kammer ist der Ansicht, dass es ein Sanierungsrecht braucht, das vor dem Konkurs neue Möglichkeiten aufzeigt, wie man Firmen retten könnte.

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Damals wurde auf die amerikanische Variante des Chapter 11 verwiesen, das Firmen unter Gläubigerschutz stellt, damit eine Fortsetzung der Geschäftstätigkeit möglich ist.

Wyss: Wir können von den Erfahrungen der Amerikaner mit dem Chapter 11 lernen. Wichtig ist, dass wir uns mit dem Gesellschaftsrecht insgesamt befassen und nicht nur ein besseres SchKG an- streben.