Finden Sie überhaupt noch Zeit für Erholung mit 150 Stellenprozenten als Post-CEO und SBB-Verwaltungsratspräsident?

Ulrich Gygi: Ja, es ist vorübergehend machbar - man muss die Zeit richtig einteilen. Mein Nachfolger ist im Hause, ich kann mich mit ihm besprechen. Über Fragen, die die Zeit nach meiner Amtszeit betreffen, hat er zu befinden. Das entlastet. Was ein wenig leidet, ist das Saxophon spielen.

Alles redet von der Krise. Merken Sie die Abkühlung bei den Briefvolumen?

Gygi: Wir haben einen Rückgang, aber den führe ich nicht in erster Linie auf die Krise zurück, sondern auf den technologischen Trend. Die Massenpost und die Rechnungsstellung werden zunehmend elektronisiert. Seit 2002 haben wir einen Volumenrückgang von durchschnittlich 1,5% pro Jahr. Aber eine Krise spüren wir im Briefsektor noch nicht.

Aber Sie rechnen noch mit Auswirkungen der Finanzkrise?

Gygi: Die Mailings waren bereits übers ganze Jahr 2008 schwächer, vor allem in Deutschland. Das wird sich akzentuieren. Die meisten Firmen haben ein Sparprogramm aufgegleist, und oft werden Marketing- und Kommunikationsbudgets zuerst gekürzt. Auch in der Schweiz rechne ich mit schwächeren Volumen dieses Jahr. Im Paketgeschäft werden sich eingetrübte Handelsaktivitäten die nächsten Monate ebenfalls negativ auswirken. Letztes Jahr erreichten wir dasselbe Paketvolumen wie im Vorjahr, trotz starker Konkurrenz.

Anzeige

Waren Sie überrascht, dass der künftige Post-Verwaltungsratspräsident sagte, die Schweizer Post brauche einen ausländischen Allianzpartner, weil sie alleine zu schwach wäre.

Gygi: Partner haben wir heute schon, beispielsweise im Paketgeschäft mit der britischen GLS. Im internationalen Express-Geschäft haben wir das Joint Venture TNT Swiss Post gemeinsam mit der holländischen Post. Alle für das Ausland bestimmte Express-Post übergeben wir TNT. Gegenseitige Beteiligungen an nationalen Postkonzernen halte ich nicht für sinnvoll. Die Dänen und die Schweden haben das jetzt gemacht. Für uns sehe ich aber nicht, welche Vorteile das bringen sollte. Wir müssen auf unserem Heimmarkt stark sein, ein globaler Player werden wir nie sein. Was wir im Ausland machen, ist Nischengeschäft. Wir sind bescheiden, aber was wir machen, ist profitabel.

Spüren Sie die Senkung des Briefmonopols auf 100 g?

Gygi: Es gibt im nationalen Briefgeschäft eigentlich noch keine Konkurrenz. Briefe ins Ausland hingegen sind schon seit 1998 im Wettbewerb. In diesem Geschäft haben wir einen Marktanteil von rund 70%.

Wird die Senkung auf 50 g im Sommer sich auswirken dieses Jahr?

Gygi: Noch nicht wesentlich. Wettbewerb wird erst wirksam, wenn das Monopol auf null gesenkt wird. Erst dann wird der Markteintritt für Dritte interessant, zum Beispiel in den Agglomerationen.

Was ist Ihr Vorschlag betreffend Mehrwertsteuer, die im Sommer ab 50 g fällig wird?

Gygi: Theoretisch besteht der Zwang, ab 1. Juli die Mehrwertsteuer auf allen Briefen über 50 g zu verrechnen. Der Verwaltungsrat hat zwar noch nicht entschieden - aber wir überlegen uns, alle Briefe vollständig der Mehrwertsteuer zu unterstellen, und zwar freiwillig. Im Moment wäre es nicht opportun, die Mehrwertsteuer auf die Kunden zu überwälzen. Wir können uns vorstellen, die Mehrwertsteuer selbst zu übernehmen. Das würde uns für A- und B-Post rund 100 Mio Fr. im Jahr kosten, es hätte allerdings administrative Vorteile. Für die mehrwertsteuerpflichtigen Kunden wäre das faktisch eine Preissenkung. Bei gewissen Produkten überlegen wir uns, die Steuer zu überwälzen.

Werden die Briefmarken für A- und B-Post dafür 2010 erhöht oder erst bei Ende des Monopols voraussichtlich 2012?

Gygi: Wenn Kostenentwicklungen auf die Margen drücken, ist es immer möglich, dass wir unsere Preispolitik ändern. In diesem Jahr wird es bei den Inlandbriefen aber trotz Mehrwertsteuer keine Preiserhöhung geben. Bei den internationalen Briefen und bei den Paketen kommen wir bald mit neuen Preisvorschlägen. In einigen Preisklassen gibt es Verbilligungen, bei anderen werden die Tarife teurer. Einige Gewichtsklassen sind eindeutig zu günstig. Wir müssen die Kostenerhöhungen aus LSVA, gestiegenen Treibstoffpreisen und diversen Lohnrunden irgendwann überwälzen.

Welche Gewichtsklassen sind betroffen?

Gygi: Die schweren Pakete werden tendenziell billiger werden und die leichten teurer. Bei Letzteren haben wir Nachholbedarf.

Erreichten Sie das Umwandlungsziel von 200 Poststellen in Agenturen Ende 2008?

Gygi: Ja, das Ziel ist erreicht, und Ymago damit abgeschlossen. Die Kunden schätzen die langen Öffnungszeiten. Deshalb werden wir nun nach und nach Poststellen in Agenturen umwandeln, wenn die Behörden mitmachen. Natürlich müssen wir dazu vernünftige Partner haben, am liebsten Detailhandelsgeschäfte.

Merken Sie die Baisse bei den Drittprodukten - etwa Mobiltelefonen und Schokoriegeln - in den Poststellen?

Gygi: Nein, wir erzielen nach wie vor jährlich rund 400 bis 500 Mio Fr. Umsatz. Weiteres Wachstum wird schwierig, weil die Verkaufsflächen begrenzt sind. Wir verdienen damit aber rund 20 Mio Fr. netto.

Sind Sie gewiss, dass die Post bei einer Ausschreibung der Grundversorgung nach Monopolende den Zuschlag für die Grundversorgung erhalten würde?

Gygi: Das ist das wahrscheinlichste Szenario. Nach den jüngsten Vorschlägen bleibt die Grundversorgung jedoch bei der Post. Aber die Botschaft kommt erst im Frühjahr in den Bundesrat, bis dann kann sich noch viel ändern.

Dennoch rechnen Sie wohl kaum mehr mit einer Banklizenz. Wie steht es um neue Freiheiten wie Kredit- oder Hypothekenvergabe?

Gygi: Das wäre theoretisch möglich durch eine Änderung des Postgesetzes. Ich hielte das für sehr sinnvoll. Wir haben einen grossen Anlagebedarf von weit über 50 Mrd Fr. Das Hypothekargeschäft wäre nicht nur ein attraktives Geschäftsfeld. Bei einer seriösen Selektion wären auch die Risiken vertretbar und eher besser zu kontrollieren als Anlagen im Ausland.

Dass der Postkonzern 2008 weniger erzielte als 2007 ist bekannt. Für 2007 überwiesen Sie dem Bund 300 Mio Fr. Kann sich der Bund dieses Mal entsprechend weniger freuen?

Gygi: Wir haben auch letztes Jahr gut abgeschlossen. Wir können nicht jedes Jahr einen neuen Rekord aufstellen. Jedoch können wir uns auf jeden Fall freuen über einen guten Gewinn. Ich hoffe, der Bund lässt uns unser Eigenkapital aufs branchenübliche Niveau aufstocken. Wir benötigen auch Mittel, um die Lücke in der Pensionskasse selber zu schliessen.

Ende November lag der Deckungsgrad bei 86%. Für das Vorjahr überwiesen Sie 250 Mio Fr. an die Pensionskasse. Mit der grösseren Deckungslücke ist der Bedarf dieses Jahr grösser.

Gygi: Ja, aber der Bund will trotzdem einen Gewinnbeitrag. Unser Deckungsgrad lag etwas unter 90% per Ende Jahr. Der Stiftungsrat muss Sanierungsmassnahmen ergreifen. Im Jahr 2008 wurde das Alterskapital mit dem gesetzlichen Mindestzins verzinst. Eine Möglichkeit wäre, diesen Zinssatz vorübergehend auf null zu senken, sofern das BVG dies erlaubt.

Wechseln Sie zur Pensionskasse der SBB, die noch schlechter dasteht?

Gygi: Nein, ich werde pensioniert und eine Rente beziehen. Einen Teil des Alterskapitals werde ich aus der Post-Pensionskasse herausnehmen und nicht wissen, wo anlegen (lacht).

Was sagen Sie als Finanzexperte zum Konjunkturpaket via Infrastrukturinvestitionen, wovon die SBB profitieren?

Gygi: Ich halte das für eine sehr sinnvolle Massnahme. Ich habe manches Konjunkturpaket miterlebt, das muss immer sehr schnell gehen. Der Bahninfrastrukturausbau ist sinnvoll, weil viele Projekte rasch ausführbar wären , aber an der Finanzierung scheitern. Wenn das EVD Projekte sucht, drängen sich die SBB geradezu auf - beispielsweise für Unterhaltsarbeiten am Fahrweg, das heisst an Stellwerken, Weichen, Fahrleitungen oder Bahnhöfen. Die Infrastruktur der SBB ist so ausgelastet, dass jede Störung sofort grössere Folgen mit sich bringt.

Ist mit einer baldigen Bekanntgabe eines Cargo-Allianzpartners zu rechnen?

Gygi: Zurzeit noch nicht. 14 potenzielle Partner haben Angebote eingereicht, die wir derzeit vertieft evaluieren. Bei einigen passte das Geschäftsmodell zu SBB Cargo. Dieses Jahr wollen wir die Verhandlungen parallel vorantreiben. Der Entscheid muss sitzen.

Mit welchen Konsequenzen für die weitere Bahnliberalisierung rechnen Sie, falls das Postgesetz und das Ende des Briefmonopols einem Referendum nicht Stand hielten?

Gygi: Ein Nein würde die Liberalisierung bei den Bahnen stark bremsen. Die SBB liegen noch näher beim Bund. Der Güterverkehr ist bereits liberalisiert, und Ausschreibungen im Regionalverkehr machen keinen Sinn. Doch der Fernverkehr in der Schweiz müsste gemäss dem EU-Programm 2010 liberalisiert werden - das heisst, die Deutsche Bahn könnte schon bald zwischen Zürich und St. Gallen fahren.

Befürworten Sie eine integrierte Bahn?

Gygi: Ich bin für eine integrierte Bahn. Aufgrund der Komplexität und Auslastung des Bahnsystems wäre eine Aufspaltung zwischen Infrastruktur und Betrieb nicht effizient.