Ein Mammutvorhaben läuft in den schweizerischen Rheinhäfen ab: Das Basler Schifffahrts- und Logistikunternehmen Ultra-Brag, Betreiber des Hafens St. Johann am linksseitigen Rheinufer, verlegt die dortigen Silo- und Verladeeinrichtungen an zwei seiner anderen Standorte im Hafengebiet. Damit ebnet es den Weg für die städtebaulich als prioritär eingestufte Vollendung des prestigeträchtigen Novartis-«Campus des Wissens, der Innovation und der Begegnung». Das Umzugsprojekt ist für Ultra-Brag und die Basler Häfen ein Unikum.

«Ein KMU mit 160 Mitarbeitern muss einen veritablen Rheinhafen mit Silos, Kränen und fünf Schiffsanlegeplätzen an andere Orte verlegen», so Ultra-Brag-CEO Beat Heydrich in eigener Sache. «Suchen, planen, politischen Kehrtwendungen folgen, erneut planen, den Behördenlauf in zwei Kantonen absolvieren, bauen, einrichten, umziehen und möglichst normal weiterarbeiten - eine gewaltige Herausforderung.»

Sein COO Martin Ticks, der das komplette Vorhaben verantwortet, spricht angesichts der akuten re-gionalen Flächenverknappung von der «letzten grossen Hafentransaktion in diesem Raum». Beide betonen, dass sich ihr «Kraftakt aus der Überzeugung speist, eine in unserer 83-jährigen Firmengeschichte einzigartige Chance optimal zu nutzen». Denn die Hafenver- legung verleihe Ultra-Brag frischen Schwung und ermögliche ihr den Umstieg auf modernere, leistungsfähigere Anlagen. Das Unternehmen hatte 1999 den nördlichen, drei Jahre später den südlichen Teil des Hafens St. Johann mit seiner Gesamtkailänge von 700 m übernommen. Im nördlichen Abschnitt werden Dünge- und Futtermittel, im südlichen vorwiegend Getreide-, Bio- und Zellstoffprodukte sowie Kraftwerkskohle umgeschlagen.

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Neue Bunkeranlage

Kernproblem des Umzugs, der spätestens Ende nächsten Jahres vollzogen sein muss, seien die Schüttgutbunker, die Ultra-Brag im «Santihans» aufgeben müsse, präzisiert Ticks. Die Bunkeranlage, welche mit ihrem Fassungsvermögen von 22000 t 90% der Gesamtkapazität der Hafengruppe abdeckt, eignet sich ideal für nichtsilogängige Schüttgüter. Zudem unterliegt St.Johann keinen Beschränkungen der Binnenschiffslänge. Das sind seine beiden Haupttrümpfe, die es nun zu kompensieren gilt. Der Weg zu einer adäquaten Lösung war lang und dornig.

Suche nach Ersatzstandorten

Rückblende: Schon 2000 hatte sich der Pharmakonzern Novartis an das Basel-städtische Wirtschaftsdepartement mit dem Wunsch gewandt, den von Ultra-Brag mit allen Rechten und Pflichten der Baurechtsverträge gemieteten Komplex zu kaufen. Nachdem der Kanton Ultra-Brag das Novartis-Angebot unterbreitet hatte, begab er sich auf die Suche nach Ersatzstandorten. Zunächst fasste er das Hafenareal Klybeck, gegenüber St. Johann, ins Auge. Doch der Grosse Rat machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Klybeck sei für die Stadtentwicklung (Stichwort: Wohnen am Rhein) reserviert. So spannten die Behörden mit Ultra-Brag, die auf den zugesicherten «Realersatz» pochte, bei der Suche nach Alternativen zusammen. Ihre Bemühungen verliefen im Sande. Einzig verbleibender Ausweg: Der Kanton fragte Ultra-Brag nach ihren finanziellen Forderungen für den Fall, dass sie das Gesamtprojekt in Eigenregie stemmen würde.

Anfang 2006 verständigte man sich vertraglich auf einen Beitrag von umgerechnet 23,7 Mio Euro und die komplette Räumung St. Johanns bis Ende 2009. Damit fiel der Startschuss für die letztlich weitaus kostspieligere «Hafenverlegung Santihans». Inzwischen ist auf einer kleinen Restfläche der Ultra-Brag im Kleinhüninger Hafenbecken 2 ein Getreidesilo herangewachsen, das bei seiner Fertigstellung Ende dieses Jahres 30000 t lagern kann und mit 86 m Höhe das regionale Bebauungslimit um fast das Doppelte überschreiten wird. Zusammen mit einem neuen multifunktionalen Kängurukran soll sich die dortige Umschlagsleistung gegenüber St. Johann auf 600 t pro Stunde verfünffachen. Das reduziert die Schiffsliegezeiten. Allein dieser Projektabschnitt verschlingt 21,9 Mio Euro. «Unsere Umzugsgesamtkosten», relativiert Ticks, «werden inklusive Land gut 66,2 Mio Euro betragen.»

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Kolli bis zu 600 t Gewicht

Teil zwei des Vorhabens ist auf den Basel-landschaftlichen Auhafen fokussiert, wo Ultra-Brag am eigenen Standort ein 30000-t-Getreidesilo und Lagerhäuser für palettierte Ladung betreibt sowie Container und Schwergut umschlägt. Ihr Schwergutkran kann - im Tandem mit einem zweiten Faltkran - als einziger weit und breit Kolli bis zu 600 t Sologewicht heben. Um im Auhafen Expansionsraum zu schaffen, erwarb Ultra-Brag 43000 m² eines angrenzenden Novartis-Areals, mietete das benachbarte, 2000 m² grosse «Feld 1» des Chemiemultis Clariant und entfernte die dortigen drei Schweröltanks. Ultra-Brag plant, mittelfristig 17000 der hinzugewonnenen 45000 m² für Umschlags-, Lager- und Produktionszwecke (Mischen/Abpacken) von Düngemitteln sowie für den Umschlag und die Lagerung von Futtermitteln zu nutzen. Diese Tätigkeiten würden zwar unter einem Dach, aber wegen des Kontaminationsrisikos strikt voneinander getrennt ausgeübt, erläutert Ticks.

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Witterungsgeschützter Umlad

Zur Weiterverladung per Bahn werden neue Gleisanschlüsse verlegt. «Für beide Bereiche gilt: Die lokale Beförderung der per Binnenschiff einkommenden und via Bahn oder Lastwagen ausgehenden Waren wird witterungsgeschützt erfolgen. Alle, die Dünge- und Futtermittel betreffenden Arbeiten werden in einem 120 m langen, 45 m breiten, 22 m hohen und ohne Grundstück 27,7 Mio Euro teuren, doppelstöckigen Gebäude integriert. Die Lagerkapazität des Terminals, dessen Rohbau seit Ende 2008 steht, wird für beide Produkte 20000 m³ betragen. Ultra-Brag erzielt gegenüber dem «Santihans» enorme Produktivitätsgewinne, ganz zu schweigen von höheren Standards in punkto Sicherheit und Umweltschutz.