Renato Tami, Geschäftsführer der Elektrizitätskommission Elcom, warnt vor den Folgen des Ausschlusses der Schweiz aus den europäischen Strommärkten. Das Schweizer Stromnetz werde zunehmend durch ungeplante Stromflüsse («Loop Flows») aus dem Ausland überlastet, sagt er am Stromkongress in Bern. Das führe zu kritischen Situationen im Netz.

Nun müsse die Schweiz auch einseitige Massnahmen prüfen, um den europäischen Handel durchs Schweizer Netz einzudämmen, sagt Tami zur «Handelszeitung». Wenn Verhandlungen keine Ergebnisse bringen, müsse man Druck machen.

Ein Drittel ungeplante Transfers durch die Schweiz

Rund ein Drittel des Stromhandels zwischen Deutschland und Frankreich findet ungeplant durch das Schweizer Netz statt, ohne dass die Schweiz ökonomisch an den Geschäften beteiligt sei. Weil gleichzeitig der Handel in Europa zunehme, steige auch die Belastung in der Schweiz.

In kritischen Situationen müsse die Schweiz heute auf eigene Kosten reagieren. Wenn zu viel Strom von Deutschland nach Frankreich fliessen soll, kann die Schweiz beispielsweise die Produktion eines Teils des Stroms übernehmen, während deutsche Kraftwerke abgestellt werden. Damit werden Stromflüsse zwischen Deutschland und der Schweiz reduziert, um das Netz zu entlasten.

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Die Kosten tragen die Schweizer

«Das wird durch Schweizer Produzenten und Konsumenten finanziert, obwohl das Problem vom Ausland verursacht wird», sagt Tami. Wertvolle Energie in den Speicherseen gehe in solchen Situationen verloren. «Energie, die wir im Winter brauchen.»

Damit solche ungeplanten Stromflüsse verhindert würden, bräuchte es andere Vorschriften auf europäischer Ebene. Doch da kann sich die Schweiz nicht einbringen, weil sie in den europäischen Gremien nicht mehr vertreten ist. «Wir streben weiterhin eine Lösung auf Verhandlungsebene an», sagt Tami. «Parallel wird die Schweiz aber auch unilaterale Massnahmen analysieren.»

Denkbar wäre es, die Stromflüsse durch die Schweiz physikalisch zu beschränken. Das macht jedoch Investitionen bei den Grenzleitungen notwendig. «Das wäre eine teure Lösung, aber es wäre eine wirksame Lösung», so Tami.

Abschottung kostet 350 Millionen Franken

Um die gesamte Nordgrenze der Schweiz regulieren zu können, wären Investitionen von 350 Millionen Franken notwendig, sagt Tami. Denkbar wäre auch, lediglich an einzelnen neuralgischen Stellen so genannte Phasenschieber zu installieren, mit denen der Stromfluss durch die Schweiz blockiert werden könne. Ein einzelner solcher Phasenschieber koste rund 20 Millionen Franken, so Tami.

Andererseits wäre es auch möglich, den Stromhandel durch die Schweiz wirtschaftlich zu begrenzen. Transitgebühren könnten helfen, den normalen Stromhandel durch die Schweiz einzuschränken und damit Netzkapazitäten freizusetzen.

Die Probleme nehmen zu

Das Problem werde sich in absehbarer Zukunft weiter verschärfen, sagt Tami. Bereits dieses Jahr werden die Spielregeln im europäischen Intraday-Handel verändert, was voraussichtlich die ungeplanten Stromflüsse durch die Schweiz weiter erhöhe. Zudem würden in den kommenden Jahren osteuropäische Länder und Italien stärker in den Europäischen Strommarkt eingebunden.

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