Klimafreundliche Energieerzeugung wirkt sich zuweilen auch erschütternd aus. Unfreiwillig zitterten die Basler am 8. Dezember 2006 ins Wochenende, nachdem die Erforschung eines Untergrund-Wärmereservoirs für ein Erdwärme-Heizkraftwerk ein Beben der Stärke 3,4 auslöste. Nach weiteren «Erdschlägen» ruhen die Arbeiten bis auf weiteres. Stimmen indes sagen voraus, dass Erdwärme theoretisch in 30 oder 50 Jahren ein Viertel oder Drittel an den Landesstrom- und Wärmeverbrauch beizusteuern in der Lage wäre – ohne irgendwelche klimafeindlichen CO2-Emissionen. Diese Stimmen sind nun leiser geworden. Politisch ist das Projekt erst mal gestoppt.

Politisch ausgebremst wurde auch Andrew Neville vom Westschweizer Stromunternehmen EOS Holding AG, Chefplaner des Gas- und Dampfkraftwerkprojekts in Chavalon, das rund 5000 Mal so viel Strom produzieren würde wie das Basler Geopower-Projekt. Klimaschädigung und eine «Vermöblierung der Landschaft» fürchtend, stoppte das eidgenössische Parlament Neville und acht weitere, vergleichbare Projekte per Bundesbeschluss.


Strom würde 4,5 Rappen teurer

Verlangt wird darin, dass Gaskraftwerke ihre CO2-Emissionen zu hohen zwei Dritteln durch CO2-mindernde Massnahmen im Inland «kompensieren». Zuvor stand eine Kompensation von 30 oder 50% im Raum. EOS-Generaldirektor Hans Schweickardt warnt seither: «Das gibt ein böses Erwachen für die Schweiz, das ist unbezahlbar.»

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Die neue Klimawandel-Ökonomie hat die Schweiz im Griff, ohne dass sich das Parlament darüber genügend Rechenschaft ablegte, so die Kritik. Für die «Handelszeitung» rechnete EOS-Generalsekretär Benoît Revaz die erwarteten Mehrkosten einer hohen CO2-Kompensation nach. Revaz: «Wir kalkulieren zusätzliche Betriebskosten von 80 Mio Fr. pro Jahr oder 4,5 Rp. pro Kilowattstunde.»

Legt man wie die Elektrizitätswirtschaft einen Neubaubedarf von vier Kraftwerken der Chavalon-«Klasse» zugrunde, kostet der Parlamentsakt die Stromverbraucher mindestens 320 Mio Fr. oder eine Stromverteuerung von knapp 5%. Unbeabsichtigt ist wohl ein weiterer Effekt: Weil vermehrt Stromimporte benötigt werden, steigen die Strompreise wegen knapper Importkapazitäten bereits jetzt in die Höhe.
Schweickardt zeigt Zuversicht: «Wenn die Politik die Folgen ihres Beschlusses realisiert, wird es wohl einfacher für uns werden.» Der EOS-Chef doppelt nach: «Es ist Zeit für energiewirtschaftlichen Pragmatismus, anstatt Träumen oder Katastrophenängste zu schüren.»

Beim Berner Stromversorger BKW FMB Energie AG werden
die Westschweizer Befürchtungen geteilt. BKW-Direktionspräsident Kurt Rohrbach sagt (siehe auch «Nachgefragt»): «Wir müssen uns überlegen, ob wir unter diesen Umständen im Ausland investieren.» Überschlagsmässig gehen auch die BKW von einer Verdopplung der Gas-Stromgestehungskosten aus. Etwas höher sogar setzt Axpo-Pressesprecher Hansjörg Schnetzer die Kosten mit 12 bis 14 Rp./kWh an. Zudem sagt er: «Abhängig von
den kumulierten CO2-Emissionen könnte deren Kompensation jedoch massiv teurer werden.»


Atel und IWB wollen kompensieren

Etwas anders liegen zwei neue Fälle im Walliser Monthey sowie in Basel, wo kleinere Kraftwerke geplant sind. In Basel installieren die Industriellen Werke Basel (IWB) eine 20-Megawatt-Gas und -Dampfturbine, und in Monthey plant der Oltner Stromkonzern Atel eine 100 MW-Anlage für eine Industriearealversorgung. In beiden Fällen sollen die Emissionen über eine freiwillige Kompensationsmassnahme mit der Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW) kompensiert und von Abgaben befreit werden.

Wieweit dies gelingen wird und welche Detailfragen geknackt werden müssen nach dem Entscheid des Bundesrates zu einer Einführung der CO2-Abgabe nächstes Jahr, ist nach Aussagen Beteiligter jedoch offen.

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Nachgefragt:

Kurt Rohrbach, CEO BKW: «Da können wir nicht investieren»

Der Direktionspräsident des Berner Stromkonzerns BKW FMB Energie AG kritisiert die Klimapolitik der Schweiz.


Die Klimapolitik macht Strom aus Gaskraftwerken doppelt so teuer als geplant, was nun?

Kurt Rohrbach: Sie macht Gaskraftwerke für die Schweiz teurer als für die Konkurrenz im Ausland. Die Frage ist auch, ob die Preise im Vergleich zur CO2-freien Stromerzeugung richtig gesetzt wurden.


Was heisst das für Sie?

Rohrbach: Primär werden wir uns umsehen: Wir können die Stromversorgungslücke nicht einfach grösser werden lassen. Wenn CO2-behafteter Strom nötig wird, müssen wir die Bedingungen in der Schweiz mit denjenigen im Ausland vergleichen. Gerade deshalb wäre eine Harmonisierung der Klimapolitik mit dem Ausland wünschenswert – das CO2-Problem ist ja auch ein weltweites.


Die ursprünglich geplante CO2-Abgabe wäre verkraftbar?

Rohrbach: Sie lässt sich mit den internationalen Ansätzen vergleichen und wäre deshalb besser gewesen als das, was nun auf dem Tisch liegt. Wir beobachten neue Bewegungen bei den CO2-Regeln im Ausland.


Nochmals: Bauen Sie Gaskraftwerke in der Schweiz?

Rohrbach: Mit der jetzigen Politik würde der Strom mehr als 4 Rp. teurer. Das ist unzumutbar, da können wir nicht investieren. Es geht nicht nur um die BKW, sondern um die gesamte Wirtschaft. Unsere Kunden stehen auch im internationalen Konkurrenzkampf. Sofern es nicht anders geht, müssen wir Energie von Anlagen im Ausland importieren.