Wer zu spät kommt, den bestraft der Markt. Wir wollen keine Schlafmützenkonkurrenz.» Der Aufruf von Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie, ist deutlich. Denn: Rund ein Jahr bevor der Elektrizitätsmarkt in der Schweiz geöffnet wird, ist davon kaum etwas zu merken. Andreas Münch, Mitglied der Generaldirektion Migros und Leiter Logistik und Informatik, ist «erstaunt ob der Stille», die herrscht.
Das soll sich nun ändern. «Wir laden zu einer losen Interessengemeinschaft ein, welche die Anliegen von grossen Stromverbrauchern wie der Migros gegenüber der Stromwirtschaft und dem BFE vertritt», sagt Münch. Ziel ist, dass möglichst viele Vertreter der Endkunden-Gruppe zum Verordnungsentwurf des Stromversorgungsgesetzes die Position der Migros stützen und das Gewicht der Grossverbraucher steigt. Zudem: Bei Neuverhandlungen von Stromlieferverträgen sollen die Unternehmen ihre Trümpfe kennen und wissen, wie sie möglichst günstige Preise aushandeln können.
Vergangenen Freitag fand deshalb eine erste Fachtagung zum Thema statt. Dazu hatte die Migros Grossverbraucher aus allen Branchen, interessierte Firmen und Verbände eingeladen. Auf der Teilnehmerliste waren unter anderen Vertreter von Swiss Re, Credit Suisse, Ciba, Roche, Charles Vögele, Valora oder SBB.

*50000 Firmen haben die Wahl*
Während die Stromwirtschaft mit Swisselectric, dem Verband der Schweizer Überlandwerke, und dem Verband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen (VSE) über eine starke Interessenvertretung verfügt, ist auf der Seite der Grosskonsumenten kaum eine einheitliche Stimme zu hören. Das, obwohl ab Oktober 2008 gemäss Schätzungen des Bundesamts für Energie rund 50000 Betriebsstätten in der Schweiz ihre Lieferanten frei wählen können, weil sie jeweils mehr als 100000 kWh Strom pro Jahr verbrauchen.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Migros im Strommarkt das Heft in die Hand nimmt. Der Detailhändler war es auch, der vor vier Jahren vor dem Bundesgericht die freie Lieferantenwahl erstritten hatte (siehe Kasten links). Mit ihren 1500 Standorten in der Schweiz hat die Detailhändlerin direkte Vergleiche über die Stromlieferverträge unterschiedlichster Lieferanten in allen Regionen der Schweiz.
In der Marktöffnung wird die Migros die Stromnachfrage an den einzelnen Standorten bündeln können. Das Gleiche gilt für zigtausend weitere Unternehmen, die Ableger in der gesamten Schweiz verstreut haben. Zudem können Unternehmen künftig auch Einkaufsgemeinschaften bilden, wenn die einzelnen Standorte über der Schwelle von 100000 kWh Stromverbrauch pro Jahr liegen.

*Ruinöser Preiskampf bleibt aus*
Die rund 900 Elektrizitätsverteilunternehmen (EVU) in der Schweiz erwartet jetzt ein frischer Wind: Die Interessengemeinschaft will ihre Bedürfnisse deponieren. «Diese sind vielen EVU heute noch oft unbekannt», stellt Energieexperte Geiger fest. Das verwundert das Elcom-Komissionsmitglied nicht, denn: «Bisher spielten die Bedürfnisse der Strombezüger für die Stromwirtschaft auch kaum eine Rolle.»
Am Vorabend der geregelten Liberalisierung plädiert Swissmem-Strommarktexperte Müller vor allem für eines - die Unternehmen müssen erst einmal ihre Stromlieferverträge und ihren Handlungsspielraum kennen. «Wenn sie zufrieden sind, dann geht es jetzt unter Umständen auch einfach nur darum, die Konditionen für ein paar Jahre zu sichern.»
Für Müller ist klar, dass es bei steigender Nachfrage und knapper werdendem Angebot im liberalisierten Markt keinen ruinösen Preiskampf unter den Stromlieferanten geben wird. «Wir werden sehen, wie viele Stromkonsumenten sich im offenen Markt tatsächlich bewegen. Wahrscheinlich werden Firmen in der Romandie mit Ostschweizer Preisen liebäugeln.»
Vorausgesetzt, diese gehören nicht zu den Schlafmützen unter den Unternehmen, wie Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie, warnt.

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