Verhältnisse wie in Italien» drohen den Schweizer Stromverbrauchern ohne neue Grosskraftwerke, sagt Axpo-Chef Heinz Karrer (siehe Interview links). Faktisch häufen sich dagegen die Ankündigungen von Tarifaufschlägen, obwohl die Inlandproduktion so billig wie noch nie ist und die Werke mehr bare Reserven horten als je zuvor. Bei diesem Paradox bleibt es vorläufig. In Thun zum Beispiel wurde die Politik ganz und gar elektrisiert, als vergangene Woche im idyllischen Städtchen bekannt wurde, dass «Energie Thun» für nächstes Jahr Preisaufschläge von bis zu 28% einkalkuliere. Das sickerte am Rand einer aktuellen Polit-Kontroverse an die Öffentlichkeit durch im Zusammenhang mit dem geplanten Teilverkauf an die Berner BKW FMB Energie AG.

Interessiert blicken Beobachter auch auf die Stadtwerke Genf, Lausanne, Romande Energie, die Groupe E sowie die Walliser FMV. Sie profitierten als Aktionärskunden der EOS Holding in den letzten Jahren von tiefen Strompreisen. Die erhielten sie im Gegenzug für ihre Hilfe bei der Sanierung der in den 1990er Jahren in Schieflage geratenen EOS. Die Verträge laufen noch bis Ende August, was danach kommt, ist noch unbekannt, wird aber die Kassen belasten.
Wie «Marktkomponenten» in einem Land ohne Strommarkt funktionieren, zeigen auch die Baselbieter Beispiele der Elektra Birseck und Elektra Baselland. Beide handelten als Aktionärskunden mit der Atel neue Stromlieferverträge für 25 Jahre aus. Ein Teil der Lieferung ist dabei mit Werten der Strombörse EEX korreliert als «Marktbestandteil». Die Atel sicherte sich so teilweise Schwankungsvorteile – nach oben. Für die Elektras hatte der Vertrag dagegen rund 4% höhere Beschaffungskos-ten zu Folge.

Herkunft unbekannt

Es sind die Strombörsen in den Nachbarländern, die magnetische Anziehungskräfte auf die Stromhändler ausüben: Hiesige Grosshandelspreise beziffern sich auf 5 bis 10 Rp./kWh für Bandenergie. Die Preise der Strombörse EEX für Spitzenenergie sind 9 bis 12 Rp., mit der Differenz wird das Geschäft gemacht. Zusätzlich kann in der EU die Wasserkraft als Ökostrom mit Aufpreis abgesetzt werden. Kein Wunder, dass manche Berggemeinde derzeit mit Strom «unbekannter Herkunft» versorgt wird, während die Alpenenergie zu Tale geht.
Kleine Verteiler klagen auch darüber, von den Überlandwerken abgewimmelt zu werden, die ihre Reserven lieber im Ausland verkaufen. Denn die Inlandtarife sind tief: Das Bundesamt für Energie errechnete, dass die Schweizer inflationsbereinigt mit 12,9 Rp. 25% weniger bezahlen als vor zehn Jahren. Zurückgeführt wird dies auf einen vorgezogenen Schuldenabbau von 15 Mrd Fr. durch die Branche sowie auf reduzierte Investi-
tionen. Das äussert sich zusätzlich in 8 Mrd Fr. Barreserven. Dieses Paradox wird aber vorläufig bestehen bleiben: Geld für neue Kraftwerke wird nicht ausgegeben und gleichzeitig besteht nur ungenügender Druck, die Preise weiter zu senken.
Die Ersten, die auf die gegenwärtige Situation reagieren, sind die Budget-geplagten Bergkantone: Sie beklagten sich öffentlich über «doppelt bis zehnmal so hohe» Gewinne der Überlandwerke und fordern nun einen Teil für sich, indem die Wasserzinsen um ein Viertel erhöht werden. Darüber hinaus zeigt der kürzliche Entzug der Wasserkraftkonzession des Sihlsees von den SBB, dass es den Kantonen bitter ernst ist im Kampf um die Ressourcenvormacht.

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Würfel Axpo-intern gefallen?

Gleichzeitig scheint die Energiekalkulation der Händler enger zu sein als vermutet. 2004 antwortete Axpo-Chef Heinz Karrer der «Handelszeitung» auf die Frage, ob es ein neues Kernkraftwerk (KKW) brauche: «Nein, solche Pläne liegen bei uns nicht vor.» Drei Jahre später tönt es bei der Axpo anders. Die Würfel scheinen intern bereits gefallen: Nach Einschätzung von Branchenkennern steuert der Axpo-Verwaltungsrat auf einen Ersatz von Beznau 1 durch einen KKW-Neubau zu.
Anders als von Stromern versprochen, würden neue KKW voraussichtlich einen Preisschub verursachen. Angesichts der Prob-leme, welche die KKW-Herstellerin Areva mit ihrem Vorzeigebau in Finnland hat, und aktueller Preissteigerungen bei Kraftwerken von über 40 bis 50% warnt die britische Nera Economic Consulting vor «nuklearem Erwartungs-Optimismus». Der angesehene Stromexperte Paul Joskow vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) fordert in der Studie «Future of Nuclear Power»: Realismus.
Der nationale Stromregulator Gestionnaire du Réseau de Transport d’Electricité beurteilt die französische Stromversorgung für die nächsten fünf Jahre als abgesichert. Der im Juli vorgestellte jüngste Bericht dazu ist für die Schweiz wichtig. Die Versorgungslage beim Nachbarn ist deshalb bedeutsam, weil die Schweiz aus Frankreich jährlich über 20 Mrd KWh bezieht oder etwas weniger als die Hälfte dessen, was die Stromhandelsunternehmen für ihr Trading benötigen. Die ersten dieser Bezugsverträge aus den 1980er Jahren laufen um 2020 aus. Die Meinungen, ob sie verlängerbar sind oder nicht, gehen auseinander: Während Stromf achleute eine Verlängerung in der Regel als unrealistisch betrachten, gibt es im Bundesamt für Energie auch positive Einschätzungen. Ähnlich, wenn auch nur kursorisch, äusserten sich Vertreter der Electricité de France in der Schweiz, ohne konkreter zu werden. Dass die Beziehungen lebhafter sind als angenommen, beweist die Lausanner EOS Holding, die 2006 neue mehrjährige Strombezugsverträge mit der EDF aushandeln konnte. Die Szene nahms überrascht zur Kenntnis. Faktisch benötigen die Franzosen in Zukunft mehr Spitzenenergie als vor kurzem angenommen – für die Schweizer eine Chance auf Gegengeschäfte.