Am Doppelnamen Martullo-Blocher liegt ihr nichts. Im Gegenteil. Aber nicht etwa, weil sie sich von ihrem berühmten Vater distanzieren möchte: « Blödsinn. Ich sage einfach immer nur Martullo. Doppelnamen finde ich furchtbar zum Aussprechen.»

Zur Präsentation der Halbjahreszahlen marschiert die 40-jährige Unternehmerin mit gelbem Jackett, weisser Bluse und schwarzer Hose in den Konferenzraum. Ihre Direktheit beweist sie nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten. Sie geht durch die Reihen und begrüsst jeden Journalisten einzeln und mit einem herzhaften Händedruck. Auf den Tischen findet sich Mineralwasser aus dem Bündnerland und Basler-Läckerli vom Läckerli-Huus, das der Schwester Miriam Blocher gehört. Willkommen in Domat/Ems.

Dann tritt sie ans Rednerpult und legt los. Dabei stehen nicht die Halbjahreszahlen im Vordergrund, die sie - als wären die Rekordwerte selbstverständlich - nur kurz streift und begründet: «Die Konjunktur hat sich noch besser entwickelt als erwartet - und schon die Erwartungen waren hoch.» Besonders China laufe gut.

Anzeige

Bald 20 Millionen für Strom?

Magdalena Martullo nutzt die Gelegenheit, um politische Botschaften zu platzieren. Sie weiss, dass sie an jenem Freitag die volle Aufmerksamkeit der Medien hat. Pech, dass der Rücktritt von Bundesrat Moritz Leuenberger mitten in den Auftritt platzt. Aber sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und ist bei den Stromtarifen angelangt. Sie wehrt sich entschieden gegen höhere Preise. «Wir zahlen in der Schweiz pro Jahr rund 10 Mio Fr. für Strom. Wenn die Stromkonzerne die Tarife wie geplant erhöhen, würden sich unsere Stromausgaben verdoppeln. Das entspräche einer kantonalen Steuersatzerhöhung von massiven 10%.»

Aber sie hat noch mehr auf Lager (siehe auch «Nachgefragt»): «Die Strommarktliberalisierung ist nicht eingetroffen. Im Grunde haben wir ein Kartell. Und 80% der Stromhersteller gehören der öffentlichen Hand, die mit dem Gewinn die Kassen füllen möchte. Dies geht jedoch auf Kosten der Industrie und zwingt diese, Arbeitskräfte vermehrt ins Ausland zu verlegen.»

Dann folgt das nächste wirtschaftspolitische Thema, die Euro-Schwäche: «Ich bin gegen Interventionen der Nationalbank.» Die Exportindustrie sei es gewohnt, mit Währungsschwankungen umzugehen. Natürlich gehe dies kurzfristig auf den Gewinn. «Längerfristig gleichen sich die Währungsunterschiede aus, indem die Schweiz weniger Inflation, weniger stark steigende Löhne und tiefere Einkaufskosten im Import hat.» Positiv falle auch ins Gewicht, dass bei einem tieferen Euro Deutschland im Export konkurrenzfähiger werde. «Das ist für uns attraktiv. Wir liefern dann mehr nach Deutschland statt nach China.»

Die Zukunft liegt in China

Aber die Post geht in China ab. Martullo schwärmt von den grossen Volumen. Bauchweh bereite ihr, dass Ems in China schon wieder zu wenig Kapazität habe. Den Hauptsitz würde sie dennoch nicht dorthin verlegen: «Ich zahle die Steuern lieber hier. Zum Glück hat der Kanton Graubünden die Unternehmenssteuern gesenkt», sagt sie. «Und natürlich gefallen mir Demokratie und Stabilität hier besser. Die Ems-Kunden sind aber nun mal nicht in der Schweiz.»

Um die Bedeutung Chinas zu unterstreichen, stellt die Ems-Chefin eine kleine Rechnung an: Heute besitzen in China nur 2% der Bevölkerung ein Auto, während es in den USA 77% sind. «Klar werden es in China wohl nie 77% sein. Aber wenn es nur schon 4% sind, bedeutet das bereits Millionen zusätzlicher Autos.» Und praktisch in jedem Auto steckt ein wenig Kunststoff von Ems. Diese Rechnung könnte aufgehen.

NACHGEFRAGT

Magdalena Martullo, CEO und VR-Delegierte Ems-Gruppe

«Vielleicht wird man sich im Alter ähnlicher»

Neue Kraftwerke bedingen grosse Investitionen. So begründen die Stromkonzerne die höheren Tarife. Warum wehren Sie sich dagegen?

Magdalena Martullo: Weil die Begründung fadenscheinig ist. Wenn wir bei Ems investieren, können wir ja auch nicht vorher den Kunden einen Mehrpreis verlangen. Wenn die Kraftwerke laufen, verdienen die Stromkonzerne ja dann nochmals. Übrigens sind neue AKW nicht teurer als die alten. Die Technologie hat auch hier enorme Fortschritte gemacht.

Sie werden Ihrem Vater immer ähnlicher ...

Martullo: ... ja, offenbar - und es ist immer noch unumgänglich, als Unternehmer Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Hören Sie das mit ihrem Vater oft?

Martullo: Ich habe es schon öfter gehört, und manchmal denke ich es sogar selber. Manchmal sehe ich meinen Vater etwas sagen und denke: Das hätte ich jetzt auch sagen können. Dennoch sind wir verschiedene Menschen. Aber vielleicht wird man im Alter ähnlicher, vielleicht kommen dann die Gene mehr zum Vorschein.

Jedenfalls reden längst nicht alle Unternehmer Klartext, besonders nicht, wenn es um Politik geht.

Martullo: Manche haben wohl Angst, sich zu äussern. Es braucht jedoch Unternehmer, die Dinge offen sagen oder Forderungen stellen, damit die Politik sinnvoll handeln kann. Der Wirtschaftsplatz Schweiz - auch als Exportstandort - liegt mir am Herzen.

Sie setzen stark auf China. Wie gross ist die Bedeutung effektiv?

Martullo: Heute machen wir rund 24% des Umsatzes in Asien, das meiste in China. Beim Ergebnis ist der Anteil noch grösser. In Zukunft werden diese Anteile weiter steigen. Für uns hat China intern heute schon die gleiche Bedeutung wie Europa.

Was kosten Sie die hohen Einfuhrzölle von China?

Martullo: Heute bezahlen wir auf Waren aus der Schweiz 10% Einfuhrzoll. Das geht direkt vom Gewinn weg. Für die Exportindustrie ist deshalb das Freihandelsabkommen mit China, welches Bundesrätin Leuthard aushandeln möchte, wichtig. Weil damit die Einfuhrzölle in China wegfallen, können Waren weiterhin in der Schweiz produziert und nach China exportiert werden. Freihandelsabkommen sind wichtig für den Erhalt von Arbeitsplätzen in der Schweiz.