Die zähen Verhandlungen erhöhten seinen Adrenalinspiegel. «Wir haben einen enormen Sprung vorwärts gemacht», feierte Tamedia-Präsident Hans Heinrich Coninx im August 2001 überschwänglich den Durchbruch im Multimedia-Geschäft. Die Übernahme von Radio 24 und Tele Züri sollte das Zürcher Medienhaus endgültig in die Moderne katapultieren.

Auf den Höhenflug von damals folgte die Landung auf dem harten Boden der Realität. Die Erträge enttäuschen, und die medienpolitischen Rahmenbedingungen verhindern grosse Expansionen. «Die Möglichkeiten, eine Senderkette im Radio- und Fernsehbereich zu entwickeln, sind gestorben», analysiert Verlags-Chef Martin Kall nüchtern.

Nun soll Tamedia den Verkauf der beiden Sender prüfen, berichten gleich mehrere Brancheninsider. Das Vorhaben werde auf oberster Geschäftsebene durchdiskutiert, spruchreif sei noch nichts. «Wir äussern uns nicht zu Gerüchten», sagt Firmensprecher Christoph Zimmer. Im Rahmen des Zusammenschlusses mit der Westschweizer Edipresse überprüfe man aber die «strategische Ausrichtung und Organisation».

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Die glücklose Beziehung zu Radio 24 und Tele Züri war für Branchenkenner schon seit Jahren augenfällig. Die Sender passten einfach nie so richtig zum traditionsreichen Medienhaus. Das zeigt sich auch räumlich. Radio 24 und Tele Züri strahlen ihre Programme bis heute von ihren Studios in Zürich West aus. Einem Umzug an den Tamedia-Hauptsitz haben sie sich bislang widersetzt.

Die elektronischen Medien überzeugen in kommerzieller Hinsicht kaum. Die Radio- und TV-Aktivitäten entwickelten sich unter den Erwartungen, wie Kall im vergangenen Herbst bei der Präsentation der Halbjahreszahlen einräumte.

Zu wenig Aussicht auf Rendite

Radio 24 ist laut dem Konzernchef zwar wirtschaftlich erfolgreich und mit über 300 000 Hörern und Hörerinnen die klare Nummer eins unter den Privatradios der Schweiz. Verglichen mit den rasch wachsenden Online-Geschäften mit starken Portalen wie search.ch oder der Immobilienseite Homegate wirkt das Potenzial bei den Privatradios aber bescheiden. Die Abhängigkeit von Konjunktur und Werbemarkt ist enorm.

Tele Züri schaffte es hingegen kaum je in die schwarzen Zahlen. Im letzten Jahr soll der Fernsehsender dem Verlag einen Millionenverlust beschert haben.

Die mangelnde Affinität und Begeisterung der Konzernleitung für die Radio- und TV-Stationen macht alles nur noch schlimmer. «Tamedia behandelt die Bereiche wie ungeliebte Stiefkinder», sagt ein Insider. Grosse Investitionen habe man oft gescheut. Das macht es nicht einfacher, sich in der stark zersplitterten Schweizer Radio- und Fernsehlandschaft zu behaupten.

Durch den Gesetzgeber sind die Wachstumsmöglichkeiten ohnehin begrenzt. So darf ein Unternehmen wegen des neuen Radio- und TV-Gesetzes nur zwei Konzessionen pro Medium besitzen. «Das senkt den Wert von allen Aktivitäten im Bereich Radio und Fernsehen», hielt Konzernchef Kall einst in einem Interview fest. Die Zusammenschlüsse mit der Berner Espace Media Groupe und den Schweizer Aktivitäten der Edipresse zwangen Tamedia und ihre neuen Partner denn auch zum Handeln: Die Lokalradios Basilisk in Basel und Canal 3 in Biel mussten abgestossen werden. Eine landesweite Senderkette aufzubauen und Synergien unter den Stationen zu nutzen, ist unter solchen Voraussetzungen nicht möglich.

Bei Tele Züri kam auch Pech dazu. Die Konzessionsvergabe für den Landsender Tele Top aus dem Raum Winterthur/Frauenfeld auf Kosten des urbanen Tele Züri vor gut zwei Jahren ist für Tamedia noch immer unverständlich und schmerzhaft. Ohne Konzession erhält man keine Gebührengelder und keine Garantie für einen Platz im Kabelnetz. Immerhin kann man das Sendegebiet nach Belieben ausweiten und muss keine Regionalfenster mehr ausstrahlen.

Dennoch bleiben die Entwicklungsmöglichkeiten beschränkt. Umso grösser ist die Abhängigkeit von Radio 24. Die beiden Tamedia-Sender sind beim Verkauf von Werbung miteinander verbunden. «Der eine kann nicht ohne den anderen sein», erklärte Verwaltungsratspräsident Pietro Supino einmal dem Online-Branchendienst Kleinreport. Ein Verkauf von Radio 24 oder Tele Züri allein kommt also nicht in Frage.

Branchenfremde Investoren

Der Zeitpunkt für eine Transaktion wäre günstig. Tamedia plant derzeit am Hauptsitz an der Zürcher Werdstrasse ein neues Medienhaus. Die Pläne sahen einmal vor, dort auch Radio 24 unterzubringen. Darauf könnte man nun verzichten.

Unter kurzfristigem Druck steht Tamedia allerdings nicht. Zu einem Verkauf dürfte es nur kommen, wenn der gebotene Preis stimmt. Als mögliche Käufer werden in der Branche rechtsbürgerliche Namen genannt, darunter Banker und SVP-Mitglied Thomas Matter sowie Investor und Denner-Erbe Philippe Gaydoul, Besitzer der Schuhmarke Navyboot. Matter, der über seine Matter Group 7,1 Prozent am Privatsender 3 Plus hält, zeigt sich auf Anfrage überrascht über angebliche Verkaufsabsichten der Tamedia. Er sei von niemandem kontaktiert worden und habe keine Gespräche geführt. Gaydoul äusserte sich nicht.

Und vielleicht kommt ja auch alles ganz anders: Zumindest im Falle von Radio 24 könnte eine alte Liebe neu erwachen. Offenbar wäre Radiopionier Roger Schawinski nicht abgeneigt, seinen früheren Sender wieder zu übernehmen. Er war es, der zusammen mit der CS Radio 24 und Tele Züri vor zehn Jahren an Tamedia verkaufte. Für 92 Millionen Franken.