Mitten in den Weinreben am Nordufer des Bielersees steht der Rohbau «Les Résidences du Lac». Die komfortablen 41 Wohnungen werden über ein Nahwärmenetz mit Holzpellets beheizt. Hierin investiert Bau-Generalunternehmer Losinger Contruction S.A. allerdings keinen Rappen: Die Investitionen für die Energieanlagen trägt die Solothurner AEK Energie AG. Sie besorgt auch Betrieb und Unterhalt und liefert sogar den Brennstoff - aus der eigenen AEK Pellet AG. Projektierung, Investition, Betrieb, Unterhalt und Amortisation der Energieanlagen bezahlt der Kunde mit jeder bezogenen Kilowattstunde. Die Wertschöpfung des Energieanbieters setzt sich dadurch immer öfter aus dem Energieverkauf, dem Betrieb und Unterhalt der Anlage sowie der Kapitalverzinsung zusammen. Derweil schont der Energiekunde seine Liquidität. Das Modell nennt sich seit den späten 1980er-Jahren Energie-Contracting und weist dem Energieversorger immer öfter auch die Rolle des Kreditgebers zu.

«Wir wollen unsere Mittel in den Betrieb und nicht in die Heizung investieren», bringt es Marco Brancato von der Hess AG in Bellach auf den Punkt. Seit vier Jahren liefert beim grössten Schweizer Autobus-Carrossier eine 640 kW starke Pelletheizung wohlige Wärme auf Leasing.

Energie-Contracting feiert einen Boom. In den letzten zehn Jahren haben die Energieversorger mehrere 100 Mio Fr. in Energieanlagen bei ihren Kunden investiert. Allein beim Stadtwerk Winterthur sind dies im selben Zeitraum 21 Mio Fr. Zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen das Profit-Center - und lassen bei der Stadt bisweilen die Kasse klingeln: «Unsere Zinssätze liegen nicht unter den banküblichen Sätzen», so Stefan Treudler, Leiter des Energie-Contracting, vielsagend. Eher zurückhaltend äussert sich dazu Bruno Jordi von AEK Energie AG: «Energie-Contracting muss ein Geschäft sein, denn wir gehen auch Risiken ein», gibt er mit Blick auf die konjunkturell bedingte Bonität von Kunden und Partnern zu bedenken.

Ökologische Lösungen

Etwas gelassener sieht dies die Berner BKW Energie AG: «Auch wir erwarten eine Rendite. Für uns steht aber der Dienstleistungsgedanke im Vordergrund», so BKW-Mediensprecher Sebastian Vogler. Mit Hintergrund, wie Alfred Bürkler, Direktor des Stadtwerke-Multis Swisspower weiss: Er geht davon aus, dass die Kapitalkosten der Energieversorger «eher günstiger sind als jene der Bank». Seine Swisspower vereint 30 führende Stadt- und Gemeindewerke mit 1,5 Mio Kunden und 6500 Mitarbeitern und macht derzeit einen Jahresumsatz von rund 200 Mio Fr.

Contracting-Kunden wünschen mehrheitlich ökologische und nachhaltige Energielösungen. Das verteuert zwar die Kilowattstunde, belastet aber die Investitionsrechnung nicht. Dieser Trend bringt konventionelle, günstig befeuerte Anlagen eher ins Hintertreffen und favorisiert ökologische Lösungen. Allein das Stadtwerk Winterthur verbrennt inzwischen in eigenen Heizungen jährlich 24000 m3 Holz - just die Menge, die im grössten Stadtwaldgebiet der Schweiz nachwächst. Einen Schub für erneuerbare Energie macht auch Bruno Jordi aus: «Holzschnitzel und Holzpellets stehen im Vordergrund und haben gegen Erdöl und Erdgas zu bestehen», erzählt er. Auch darum fasst die BKW mit ihrem Tochterunternehmen Sol-E Suisse AG den Contracting-Begriff etwas weiter, indem sie nicht nur in die Energienutzung, sondern sogar in die Energieerzeugung beim Kunden investiert. Derzeit entsteht im thurgauischen Tägerwilen für rund 7 Mio Fr. eine Holzverstromungs-anlage, mit welcher der benachbarte Bio-Gemüse-Grossproduzent jährlich rund 1,1 Mio l Heizöl durch Holz ersetzt.

Hohe Professionalität

Öko-Energie und Energieeffizienz stellen an die Anbieter hohe Anforderungen: «Der Einsatz erneuerbarer Energien und die permanente Kontrolle der Energie- effizienz erfordern ein hochstehendes professionelles Monitoring», weiss Stefan Treudler. Diese Erfahrung verkauft er inzwischen jenseits eigener Stadtgrenzen. Derzeit investiert das Stadtwerk Winterthur in eine knapp 800 kW starke Kombianlage auf einer Implenia-Grossüberbauung mit 160 Wohnungen im benachbarten Frauenfeld - und auch dort mit hoher Öko-Komponente: «Die rund 1,8 Mio kWh Wärme erzeugen wir zu einem Viertel mit Erdgas und zu drei Vierteln mit Holzschnitzel», erklärt Ernst Haas, Direktor der Werkbetriebe Frauenfeld. Sie werden später die Anlage beliefern, betreiben und unterhalten.

Erfolgsschlager Heatbox

Die Vereinigung Swisspower bietet mit der Heatbox inzwischen auch ein Paket an, das Stadt- und Gemeindewerke den Hausbesitzern und kleinen Gewerbebetrieben schlüsselfertig anbieten. Das internetgestützte Produkt ist inzwischen derart erfolgreich, dass es auch in Deutschland reissenden Absatz findet: «Wir arbeiten bereits mit rund einem Dutzend Stadtwerken in der BRD zusammen», bestätigt Alfred Bürkler mit Stolz.

Die Aussichten fürs Anlagen-Contracting lauten positiv. Dass die Strommarktöffnung den Contracting-Boom weiter fördern wird, hängt allerdings davon ab, wie sich die Ölpreise entwicklen und welches die künftigen energiepolitischen Rahmenbedingungen sein werden - «etwa bezüglich der CO2-Abgabe, des Regimes der kostendeckenden Einspeisevergütung oder der künftigen Ausgestaltung staatlicher Konjunkturprogramme», bringt es BKW-Mediensprecher Sebastian Vogler auf den Punkt.

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