Wird Europa verschont bleiben, falls die USA in eine Rezession rutschen?

Voser: Wenn sich in den USA das Wirtschaftswachstum verlangsamt, wird das Auswirkungen auf andere Märkte haben, vor allem auf Europa. Ich sehe die Gefahr weniger in Asien, da die Lokomotiven China und Indien gut aufgestellt sind. Das ist meine persönliche Meinung.

Welche Auswirkungen hat das auf den Erdölpreis?

Voser: Er ist im Moment aus zwei Gründen hoch: Erstens übersteigt die Nachfrage das Angebot. Zweitens gibt es immer noch ein spekulatives Element im Ölpreis und auch eine geopolitische Komponente. Wir können nicht davon ausgehen, dass sich der Energieverbrauch verlangsamen wird. Ich halte es für möglich, dass sich der Verbrauch bis 2025 um etwa 50% erhöht und sich bis 2050 verdoppelt, weil insbesondere die Schwellenländer schnell wachsen.

Eine hohe Nachfrage bei knappem Angebot treibt die Preise. Das kommt der Branche entgegen.

Voser: Wir haben eine Aufgabe. Wir müssen langfristig sicherstellen, dass wir genügend Erdöl und Erdgas haben. Dafür müssen wir grosse Investitionen tätigen. Wir haben über die vergangenen zwei, drei Jahre im Durchschnitt 25 Mrd Dollar investiert. 2008 werden es 28 Mrd Dollar sein. Dafür brauchen wir gewisse Gewinne und einen starken Cashflow. Diese Summe können wir nur stemmen, wenn wir erfolgreich sind.

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Wo sehen Sie den Erdölpreis 2010?

Voser: Wir sehen längerfristig eine starke Nachfrage. Grosse Erdöl- und Erdgasprojekte, die diese Nachfrage befriedigen können, brauchen bis sieben Jahre Entwicklungszeit, manchmal sogar noch mehr. Das Angebot kann erhöht werden, das braucht aber lange Zeit. Zudem sind die Explorations- und Förderkosten gestiegen, deshalb ziehen die Preise auch an. Deswegen kann man davon ausgehen, dass die Öl- und Gaspreise relativ hoch bleiben werden. Wir geben aber keine konkrete Prognose ab, weil man mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit falsch liegt.

Shell wollte jüngst die Wachstumsprognose von 2% für 2008 nicht erneuern. Wieso?

Voser: 2 bis 3% Wachstum in der nächsten Dekade haben wir bestätigt, weil laufende Projekte bis dann realisiert sind. Wir lassen uns für 2008 und 2009 nicht auf die Äste heraus, denn kurzfristig können die Schwankungen gross sein. Sie sind wetterabhängig und hängen auch vom Ölpreis ab.

Private Ölkonzerne liefern sich gegen Staatsbetriebe einen Wettlauf um die Öl- und Gasreserven. Die Situation dürfte nicht besser werden. Wie reagiert Shell?

Voser: Das war in der Vergangenheit schon so. Jede Regierung, jede nationale Gesellschaft hat ein Interesse an ihren Ressourcen. Der Normalfall ist, dass wir mit den nationalen Ölfirmen Gemeinschaftsunternehmen bilden. Es gibt wenige Länder, in denen wir Projekte alleine durchführen können.

Keine Bedenken, dass Shell im Mittleren Osten und in Russland Boden verliert?

Voser: Die Welt ist komplizierter geworden, das darf man nicht verneinen. Wir haben uns gut positioniert in Ländern wie Russland, Kasachstan und in Ländern wie Katar. Wir sind auch dabei, ein Öl- und Gasprojekt im Irak zu untersuchen.

Was sind Ihre Ziele im Bereich der Alternativen wie Ölsand und Ölschiefer?

Voser: Nur 15% unserer Produktion 2015 werden aus unkonventionellen Ressourcen kommen. Wir haben zwischen 50 und 100 Mrd Barrel Öl und Gas, die im unkonventionellen Bereich liegen. Diese kann man heute noch nicht alle abbauen, aber in den nächsten 50 Jahren sollte das möglich sein.

Shell hat die Investitionen erhöht. Wie viel im Bereich neue erneuerbare Energien?

Voser: Man muss bei den Investitionen unterscheiden, ob von Kapital- oder Anlageinvestitionen die Rede ist oder von Investitionen in F&E. Bei uns geht der Bereich der erneuerbaren Energien in den ersten Bereich, wo auch Biotreibstoffe dazu gehören ? ein Gebiet, in dem wir in jüngster Zeit eine Vielzahl von Aktivitäten gestartet haben. Wir geben aber keine Zahlen bekannt.

Wo setzen Sie künftig das Gewicht bei den erneuerbaren Energien?

Voser: Langfristig wollen wir das Geschäft mit einer der erneuerbaren Energien im grossen Stil betreiben. Bis dahin ist aber noch ein langer Weg. Die erneuerbaren Energien sind noch zu teuer, die Technologien noch zu stark im Wandel. Wir sind führend in der Forschung von Biotreibstoffen der zweiten Generation, sind einer der grossen Windkraftanbieter. Zudem investieren wir im Solargeschäft in die Dünnschicht-Technologie, jedoch nicht mehr in die Silizium-Technologie. Letztere ist für uns von den Kosten her nicht die langfristige Lösung. Und vor allem gibt es da eine Konkurrenz zu den Chipherstellern, die auch Silizium brauchen.

Das heisst nichts Gutes für den BörsenHighflyer Meyer Burger, der Spezialsägen zur Herstellung von Siliziumscheiben für die Solarindustrie liefert.

Voser: Wenn wir sagen, dass wir diesem Bereich nicht die Langfristigkeit geben, die für Shell wichtig ist, dann heisst das nicht, dass die Technologie nicht für den Gebrauch in der Schweiz oder in Deutschland funktioniert. Für Einfamilienhäuser ist konventionelle Solartechnik durchaus sinnvoll. Wir gehen davon aus, dass die Silizium-Technologie nicht unsere Lösung sein wird für das Energieproblem weltweit. Wenn wir uns in etwas hineinbewegen, dann muss es gross sein und Masse haben, dann muss es in über 130 Ländern anwendbar sein.

Warum ist Geothermie für Shell kein Thema?

Voser: Wir haben auf dem Gebiet in verschiedenen Projekten gearbeitet und dabei gelernt, dass es noch erhebliche technische Herausforderungen gibt und die Kosten noch sehr hoch sind.

Wie viel soll der Anteil der Investitionen in neue erneuerbare Energien in zehn Jahren bei Shell ausmachen?

Voser: Wir geben keine Investitionsziele für erneuerbare Energien bekannt. Klar ist aber, dass wir den Anteil von erneuerbaren Energien ausbauen werden. Dennoch dürfte im Jahr 2050 der Anteil der fossilen Energien noch bei zwei Drittel liegen.

Was löst der Klimawandel bei Shell aus?

Voser: Wir wissen genau, wie viele Tonnen CO2 wir mit Geschäftsreisen ausstossen. Wir wissen, welchen Ausstoss unsere Anlagen weltweit generieren. Wir haben uns auch eigene Reduktionsziele gesetzt. Dass wir im Jahr 2010 5% unter dem Stand von 1990 sein wollen. Auch für mich persönlich ist Klimaschutz ein Thema, das wir zuhause angehen. Wir haben unsere Fenster ersetzt, investieren konstant, jeder Einzelne sollte bei sich beginnen.

Kompensieren Sie Ihre Flüge?

Voser: Dafür bin ich zu viel unterwegs. Shell ist immerhin in über 130 Ländern tätig.

 

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