1. Home
  2. Unternehmen
  3. Energieversorgung: Energiewende findet im Ausland statt

Energieversorgung: Energiewende findet im Ausland statt

Auto-Scheinwerfer

Die Schweizer Stromversorger nehmen die Energiewende ernst – mit Investitionen im Ausland mittels attraktiver Beteiligungen.

Veröffentlicht am 07.11.2012

Energiepolitischer Pulverdampf im «Grossen Bürgersaal» im thurgauischen Frauenfeld: Vier bürgerliche Stadtparlamentarier wettern gegen eine Beteiligung im Betrag von 9 Millionen Franken an der Swisspower Renewables AG. Sie kritisieren, dass die Gelder primär ins Ausland flössen – und dies, «indem man den Einwohnern in Nordbayern 138 Meter hohe Grosswindanlagen zumutet», sagt der Förster und SVP-Gemeinderat Robert Zahnd. Und der Unternehmer Stefan Geiges von der CVP meint, es sei unnötig, «Geld ins Strom-Casino» zu tragen. Damit die Stimmung nicht vollends kippt, bedarf es einer leidenschaftlichen Brandrede von Stadtpräsident Carlo Parolari. Auch darum stimmt der Rat der Vorlage letztlich mit 27 gegen 11 Stimmen zu und folgt dem Beispiel einiger Städte wie Basel, Winterthur, Schaffhausen, Kreuzlingen oder Weinfelden.

Zwar spielt die 23 000 Einwohner zählende Thurgauer Kantonshauptstadt im nationalen oder gar europäischen Stromkonzert keine Rolle. Aber sie unterstreicht eine Entwicklung, die seit einigen Jahren anhält. Die Energiewende der Städte findet, abgesehen von einigen lokalen Pres­tige-Projekten, immer stärker im Ausland statt. Die vor einem Jahr gegründete Swiss­power Renewables AG hat in Nordbayern sieben Grosswindturbinen mit insgesamt 16 Megawatt Leistung ­gekauft, die jährlich rund 34 Millionen Kilo­wattstunden Strom ins Netz speisen werden. Elektrizität, die über die nächsten 20 Jahre hinweg mit 36 Rappen pro Kilowattstunde subventioniert wird.

Vorsichtig optimistisch

Mit dem Beschluss von Bundesrat und Parlament für den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie hat sich die Schweizer Energiepolitik einen radikalen Umbau des Energiesystems verordnet. Auf der Stromseite stehen das Verbot neuer ­Kernkraftwerke, die Stabilisierung des Stromverbrauchs und die durchgreifende ­Subventionierung erneuerbarer Energien samt Energieforschung im Fokus. Die künftigen Spannungsfelder betreffen dabei den Natur- und Umweltschutz, die ordnungspolitischen Fragen rund um die Subventionen oder das Ausserkraftsetzen der Klimaziele. Neben der Marktwidrigkeit bestimmter Massnahmen befürchtet die Denkfabrik Avenir Suisse bei der in 10 Jahren geplanten ökologischen Steuer­reform, dass die Mehreinnahmen «über kurz oder lang nicht mehr zurückverteilt, sondern für die Förderung erneuerbarer Energien eingesetzt werden», schreibt Urs Meister.

Seit Ende September und noch bis zum 31. Januar nächsten Jahres liegt die «Energiestrategie 2050» des Bundes bei Kantonen, Städten, Gemeinden, der Wirtschaft und Verbänden zur Vernehm­lassung. Die ersten Reaktionen lauten ­vorsichtig positiv – doch mit dem abklingenden Nebel von Fukushima wetzen die bisherigen Protagonisten pro und kontra Kernenergie ihre Messer. Während die SVP den Ausstieg aus der Energie­wende und mindestens ein zusätzliches Kernkraftwerk fordert, verlangen Linke und Grüne einen «gekröpften» Ausstieg mit einem politisch fixierten Verfallsdatum der Kernkraftwerke.

Städte unbeeindruckt

Unbeeindruckt vom Auf und Ab der Energiediskussion arbeiten die Städte schon seit Mitte der 1990er-Jahre an ihrer Energiewende. Der direkte Durchmarsch der lokalen Politik gegen die Kernenergie geschah zuerst in den Städten Basel, Zürich und Bern. Nur wenig später boomte der Klub der Energiestädte. Inzwischen machen 300 Kommunen politischen Druck von unten und wirken auf eine kernenergiefreie Schweizer Stromversorgung hin. Schliesslich teilte die Marktöffnung physikalische und monetäre Stromflüsse. Quicklebendige Stromhandelsbörsen und ein ausgeklügelter Zertifikatshandel haben aus den ehemaligen Strombaronen Strom-Börsianer gemacht. Inzwischen wickelt das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich seine Handelsgeschäfte täglich über die Deutsche Strombörse EEX in Leipzig, die Schweizer Strombörse Swissix und einige Plattformen euro­päischer OTC-Broker ab. Auch regionale Stromversorger beteiligen si ch an europäischen Stromparks. Die Elektra Baselland (EBL) ist Mehrheitsbesitzerin des solarthermischen Kraftwerks Puerto Errado 2 im südspanischen Murcia. Rund 200 Millionen Franken kostete die ehrgeizige ­Innovation. 280 000 Quadratmeter Spiegel erzeugen 270 Grad heissen Wasserdampf, der über zwei Turbinen 50 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugt. Mit Subventionen von rund 30 Eurocent pro Kilowattstunde winkt den Investoren eine Kapitalrendite von 9 Prozent. Darüber freuen sich auch die mitbeteiligten Stadtwerke von Basel, Zürich und Bern sowie das Elektrizitätswerk des Kantons Zürich. Und sollte sich das krisengeschüttelte Spanien dereinst solche Subventionen nicht mehr leisten können, springt der Bund vielleicht sogar mit Geldern der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) ein – eine Vorstellung, die für den Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE), Walter Steinmann, immerhin «überlegenswert» sei. Damit schlösse sich der Kreis: Die Energiewende findet auch für den Bund im Ausland statt.

Anzeige