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Ökostrom
«Energiewende ist kein Wunschkonzert»

Windenergieanlage Entlebuch

Die Wirtschaft ist sich seiner Bedeutung bewusst. Eine Umfrage dokumentiert den bereits heute hohen Stellenwert von Ökostrom, aber auch die Hoffnungen der Grosskonsumenten.

Von Oskar E. Aeberli
am 05.06.2013

Fünf Fragen an fünf Fachleute

1. Weshalb verwendet Ihr Unternehmen Ökostrom?

2. Wie viel Ökostrom bezieht Ihr Unternehmen pro Jahr und wie gross ist dessen Anteil am gesamten Stromverbrauch?

3. Welche Art von Ökostrom kauft Ihr Unternehmen und bei wem wird das gemacht?

4. Welchen Stellenwert sollte der Ökostrom in der Energiestrategie 2035 haben?

5. Müsste der Bund den Konsum von Ökostrom aktiv fördern?

 

Martin Hirni, Leiter Immobilien, Zürcher Kantonalbank (ZKB), Zürich: «Klimaschonender Bankbetrieb ist die Grundlage»

1. Der klimaschonende und ressourcen­effiziente Bankbetrieb ist die Grund­lage für ein glaubwürdiges Nachhaltigkeits­engagement im Kerngeschäft der ZKB und ist in unserer Nachhaltigkeitspolitik ver­ankert. Wir verfolgen das übergeordnete ­betriebsökologische Ziel, den CO₂-Fuss­abdruck pro Mitarbeitenden auf 1 Tonne bis 2014 zu senken. Um dieses Ziel zu erreichen, verfolgen wir die drei Pfeiler «Treib­hausgase bilanzieren», «Treibhausgase reduzieren» sowie «Treibhausgase kompensieren». Indem wir seit 2006 Ökostrom beziehen, leisten wir einen direkten Beitrag zur Säule «Treibhausgase reduzieren».

2. Im Jahr 2012 konsumierte die Zürcher Kantonalbank laut vorläufiger Hochrechnung 36319 Megawattstunden. Über weitere Details informiert unser Nachhaltigkeitsbericht 2012. Dieser ist auf unserer Homepage abrufbar.

3. 100 Prozent Naturemade Star. Lieferant des ökologischen Mehrwerts ist im Jahr 2013 das EWZ. Ökostrom wird zu 100 Prozent für betriebsgenutzte Liegenschaften verwendet.

4. Die Zielvereinbarung des Energiemodells Zürich mit dem Kanton Zürich honoriert bereits heute den Bezug von Öko­strom. Die Mitglieder des Energiemodells Zürich – auch wir als Zürcher Kantonalbank – haben uns gegenüber dem Kanton Zürich und dem Bund verpflichtet, bis zum Jahre 2010 (verglichen mit 2000) die Energieeffi­zienz um gesamthaft 13 Prozent zu steigern und die CO₂-Emissionen, verglichen mit 1990, um 36 Prozent zu reduzieren.

5. Um weitere Grossverbraucher für das Eingehen einer verpflichtenden Zielvereinbarung zu gewinnen, wäre der Ausbau solcher Modelle in der Energiestrategie 2035 zu überlegen und vom Bund allenfalls zu unterstützen. Vielversprechend erscheint uns auch der Ansatz, Ökostrom als Standard-Angebot der Elektrizitätswerke an ihre Kunden einzurichten (wird durch EWZ angewandt). Dieses Standard-Angebot bedeutet, dass die Strombezüger ohne aktives Zutun automatisch Ökostrom erhalten und im sogenannten Opting-out-Verfahren auf eigenen Wunsch wieder auf «Graustrom» zurückwechseln können. Dies wäre nicht nur bei Privatpersonen, sondern auch bei Firmen mit einem relativ geringen Stromverbrauch möglich.

 

Hans Blum Leiter Entwicklung, Bio-Familia AG, Sachseln OW: «Für Stromerzeugung wird Heimatschutz betrieben»

1. Wir fühlen uns verantwortlich für ­unsere nächsten Generationen und generell für die Bewahrung der Schöpfung. Deshalb sind wir überzeugt, dass die bestehende Energiepolitik mit den Kernkraftwerken der falsche Weg ist, unseren Energiebedarf langfristig zu decken. Wir suchen und fördern verträgliche Alternativen zur nachhaltigen Lenkung unseres gesamten Energiebedarfs in der Bio-Familia.

2. Gegen 2 Gigawatt. Der Anteil ist 100 Prozent unseres Bedarfes.

3. Strom mit dem Label Naturemade Star von der Wasserversorgung Sachseln und vom EWO. Der Bezug geschieht über die Wasserversorgung Sarnen.

4. Naturemade-Star-Strom ist eine absolut nachhaltige Form der Energiegewinnung und muss in der Energiestrategie 2035 zwingend enthalten sein. Alles andere wäre Verschwendung von Potenzial (Wasserkraft, Wind, Biogas usw.) und das Ignorieren eines sehr ernsthaften Problems ­(Risiko AKW, Kosten für Unterhalt und Entsorgung des AKW, ungelöstes Problem des Atommülls usw.).

5. Unbedingt. Aber nicht nur den Konsum, auch die Produktion. Die Schweiz hätte in dieser Frage eindeutig eine Vor­reiterrolle, unser Land fällt aber gegenüber Europa immer mehr zurück. Wir verschlafen Entwicklungen. Unsere Energiewirtschaft verhindert neue Ansätze in der Energieproduktion. Die Behörden verkomplizieren zudem die Verfahren. Für die ­bestehende Stromerzeugung wird «Heimatschutz» betrieben. Die Energiewende ist nicht ein Wunschkonzert, sondern eine Staatspflicht. Verantwortliches Wirtschaften verlangt mehr als nur das Minimum. Das setzt die Bereitschaft voraus, Geld zu sprechen, zu fordern und zu fördern, Forschung zu unterstützen und die Konsumenten aufzuklären.

 

Anna Wolf Leiterin Nachhaltigkeit, Schweizerische Post, Bern: «Finanzanreize helfen Unternehmen wie der Post»

1. Als bundesnaher Betrieb hat die Schweizerische Post eine Vorbildfunktion; sie verfolgt daher eine nach­haltige Unternehmensstrategie. In der Nachhaltigkeitsstrategie der Post ist verankert, den Anteil erneuerbarer Energieträger zu steigern.

2. Die Schweizerische Post hat 2012 176 Gigawattstunden Strom aus erneuerbaren Energien konsumiert Der Anteil von Ökostrom beträgt 100 Prozent.

3. Die Schweizerische Post bezieht den Ökostrom aus erneuerbaren Energien, also aus Wasser-, Wind-, Solarkraft sowie Biomasse aus der Schweiz. Dabei handelt es sich aber nicht ausschliesslich um als Naturemade Star zertifizierten Ökostrom.

4. Als bundesnaher Betrieb befolgt die Post die Vorgaben des Bundes. Im Rahmen der Koordinationsgruppe Vorbildfunktion Bund im Energiebereich sind die bundesnahen Betriebe aufgerufen zu prüfen, ob der Ökostrom-Anteil (Naturemade Star zertifiziert) bis 2020 auf 25 Prozent gesteigert werden kann.

5. Finanzierungsanreize wie beispielsweise die KEV helfen Unternehmen wie der Post, den Zubau von Anlagen zur Erzeugung von neuen erneuerbaren Energien zu unterstützen. Wünschenswert ­wären zudem Transparenz und Kostenwahrheit für sämtliche Strompreise.

 

Vincent Eckert Head Internal Environmental Management, Swiss Re, Zürich: «Wichtig ist, dass die Labels glaubwürdig sind»

1.Strom ist ein relevanter Umwelt­impakt von Swiss Re: Bereits 2003 hat sich Swiss Re deshalb für eine GHG-neutrale Strategie entschieden, wobei die Nutzung von Ökostrom ein Bestandteil dieser Strategie ist.

2. In der Schweiz sind dies zirka 20 Gigawattstunden pro Jahr. In der Schweiz ist der Anteil 100 Prozent. Weltweit probieren wir ebenfalls, einen hohen Anteil zu erreichen (beispielsweise in Deutschland: NaturEnergie), leider bieten noch nicht alle Märkte/Länder solche Renewable-Energy-Produkte an.

3. In der Schweiz sind 100 Prozent der bezogenen Energie Naturmade Star.

4. Wichtig ist, dass eine Transparenz der Produkte vorhanden ist und dass die entsprechenden Labels auch glaubwürdig sind.

5. Es ist wichtig, dass der Bund einen guten Rahmen für die Entwicklung von nachhaltigen Lösungen vorgibt. Freiwillige Massnahmen sollten jedoch immer Vorrang haben. Die Entwicklung eines freiwilligen Markts sollte neben KEV-Massnahmen nicht ausser Acht gelassen werden.

 

Fabian Etter Leiter Corporate Responsibility, Swisscom, Bern: «Die Steigerung der Energieeffizienz ist zentral»

1. Swisscom ist ein verantwortungsvoller und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen wichtig. Wir gehören in der Schweiz zu den grössten Strombezügern; wir sind uns dieser Verantwortung bewusst und auch in Zukunft auf eine verlässliche und nachhaltige Energieversorgung angewiesen. Swisscom deckt deshalb bereits seit 2010 ihren gesamten Strom­bedarf erfolgreich mittels erneuerbarer Ener­gien. Swisscom bezieht heute mehr Naturemade-Star-Strom aus Wind- und Sonnenenergie als jedes andere Unternehmen in der Schweiz und erzeugt durch ihre eigenen Solaranlagen auch ­eigenen Ökostrom. Die kumulierte Leistung aller Solarstromanlagen von Swisscom beträgt heute 340 Kilowatt Peak. Swisscom will die Anzahl eigener Anlagen zur Stromerzeugung in den nächsten Jahren deutlich erhöhen.

2. Ab 2013 sind dies rund 7500000 ­Kilowattstunden oder 7,5 Gigawatt­stunden. Bisher sind es 1,7 Prozent neue ­er­neuerbare Energien, also Ökostrom Nature­made Star (Wind und Sonne). Der restliche Anteil ist ebenfalls 100 Prozent ­erneuerbar, aber aus Wasserstrom (ohne Pumpstrom).

3. Das sind Naturemade-Star-zertifizierter Ökostrom (Wind- und auch Sonnenstrom) und erneuerbarer Strom (Herkunftsnachweis Wasserstrom).

4. Für Swisscom ist der Einsatz von ­erneuerbaren Energien wichtig, damit leisten wir einen wesentlichen Beitrag zu einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und zur Energiewende. Neben der ­Förderung von Ökostrom erachten wir die Steigerung der Energieeffizienz als zentral, denn damit wird auch die Energiewende unterstützt.

5. Dies ist ein politischer Entscheid, zu dem wir uns nicht äussern. Swisscom unterstützt jedoch die Energiestrategie 2050.

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