Das starke Wachstum in Grossbritannien ruft die Währungshüter auf den Plan - die Zinsen könnten früher steigen als gedacht. Das sagte Notenbankchef Mark Carney bei einer Rede vor Bankern und Händlern  in London. Wegen der Gefahr einer Immobilienblase soll die Bank von England zudem den Auftrag erhalten, den Boom am Häusermarkt unter Kontrolle zu bringen. Unter anderem wegen der starken Konjunktur hob die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) den Ausblick für die britische Kreditbewertung an und die Agentur Fitch bestätigte die Kreditwürdigkeit Grossbritanniens.

Bislang waren Anleger und Analysten davon ausgegangen, dass in Grossbritannien die erste Leitzinserhöhung seit Ausbruch der Finanzkrise 2007 frühestens in der ersten Hälfte des kommenden Jahres ansteht. «Es gibt bereits grosse Spekulationen über den exakten Zeitpunkt», sagte Carney. «Es könnte schneller passieren, als die Märkte derzeit erwarten.»

Zwar betonte Carney, es gebe noch keinen festen Plan und die Erhöhung werde schrittweise und begrenzt erfolgen. Am Devisenmarkt erhielt das Pfund dennoch kräftigen Kursauftrieb und stieg zum Euro auf den höchsten Stand seit September 2012.

KONJUNKTURMOTOR BRUMMT

Im ersten Quartal stieg Grossbritanniens Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,8 Prozent zum Vorquartal, im Gesamtjahr 2013 um 1,8 Prozent. Keine andere Industrienation kann derzeit mit höherem Wachstumstempo punkten. Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, räumte vor kurzem ein, die Entwicklung unterschätzt zu haben. Wegen des starken Wachstums in der drittgrössten Volkswirtschaft Europas, schlage Carney nun plötzlich andere Töne an, kommentierte Ökonom Robert Wood von der Berenberg Bank. «Dieser Wandel reflektiert nur die wirtschaftliche Realität.»

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Die grösste Bedrohung für die britische Wirtschaft sieht Notenbankchef Carney momentan im Immobilienmarkt, der nach Einschätzung vieler Experten Tendenzen einer Überhitzung zeigt. Die Bank von England hat ihre Fördermassnahmen für Eigenheimkredite bereits zurückgefahren, nun soll sie den Boom am Häusermarkt aktiv eingrenzen. Die Notenbank werde vom Schatzkanzler George Osborne Befugnisse zur Begrenzung der Hypothekenzinsen erhalten, erklärte Carney. Im Mai haben die Häuserpreise mit einem Anstieg um 11,1 Prozent im Jahresvergleich so stark zugelegt wie seit Mitte 2007 nicht mehr. Das zeigen Daten der grössten Bausparkasse Nationwide.

S&P HEBT AUSBLICK

Grossbritannien muss vorerst auch keine Abstufung seiner Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) mehr fürchten. Die Kreditwächter hoben den Ausblick für die Spitzennote «AAA» auf «stabil» von «negativ», wie sie mitteilten. Der Verlust des Top-Ratings bei S&P ist für das Vereinigte Königreich damit zunächst kein Thema mehr.

Zuvor hatte bereits die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit Grossbritanniens bei 'AA+' - der zweitbesten Note - bestätigt. Das teilten die Bonitätswächter in London mit. Der Ausblick bleibt «stabil», so dass vorerst nicht mit einer Anpassung der Bewertung zu rechnen ist. Starkes Wachstum und sinkende Arbeitslosigkeit hätten die britische Wirtschaft seit der letzten Rating-Überprüfung im Dezember 2013 gestützt, so Fitch. Zudem liege die Inflationsrate nah am Zielwert von 2,0 Prozent, den die Bank von England verfolgt.

(awp/dbe)