CHINESISCHE GEGENWARTSKUNST. Noch immer gilt die «Mahjong»-Ausstellung, die im Sommer 2005 im Berner Kunstmuseum sowie in der Hamburger Kunsthalle erstmals ein grösseres Publikum mit erstklassigen Werken chinesischer Gegenwartskunst bekannt machte, als Auslöser für den derzeitigen China-Art-Hype. Uli Sigg, Geschäftsmann und ehemaliger Schweizer Botschafter in der Volksrepublik China, hatte in 30 Jahren dank sorgfältig aufgebauter persönlicher Kontakte zu Künstlern eine Sammlung von mehr als 1200 Positionen zusammengetragen, wovon 250 der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Plötzlich waren Namen wie Ai Weiwei, Wang Guangyi, Zhang Xiaogang oder Zhou Tiehai – zuvor nur Insidern bekannt – in aller Munde. Die Zahl der Galerien, die chinesische Künstler in ihr Programm aufnahmen, erweiterte sich schlagartig, und auch für die grossen Auktionshäuser ist heute die chinesische Gegenwartskunst zu einem der interessantesten und am schnellsten wachsenden Segmente geworden. So erzielte Sotheby’s Mitte September in der New Yorker Asienwoche mit asiatischer zeitgenössischer Kunst (vor allem dank der chinesischen) satte 38,9 Mio Dollar. Dass dabei Werke von einzelnen Künstlern wie Zhang Xiaogang mehr als 2,5 Mio Dollar erzielten, illustriert, dass sie bereits zu den «Klassikern» aufgestiegen sind. Auch die jüngsten Londoner Auktionen mit Gegenwartskunst im Oktober machten deutlich: Man kauft jetzt chinesisch.

Qualität erfordert Präsenz

Schon sehr früh etablierte der mit Uli Sigg befreundete Galerist Urs Meile hervorragende Verbindungen zu China. Seine 1992 gegründete gleichnamige Galerie in Luzern zeigt seit 1998 chinesische Gegenwartskunst. Ai Weiwei gehörte zu den ersten Künstlern der Galerie. Ai Weiwei, der als Doyen der zeitgenössischen chinesischen Künstlerszene gilt, gründete 1993 das Chinese Art Archive and Warehouse (CAAW), mit welchem Meile 2003 einen Partnerschaftsvertrag schloss. Ziel der Kooperation ist, ein qualitativ hochstehendes Angebot chinesischer zeitgenössischer Kunst anzubieten. Als CAAW/Meile traten die Partner u.a. an der diesjährige Art Basel und an der Documenta in Kassel in Erscheinung, wo Ai Weiweis «Fairytale»-Projekt mit 1001 Chinesen zu den spektakulärsten Inszenierungen der Schau gehörte. Auch in Pecking hat Meile nun eine Galerie, um am Puls des Geschehens zu sein. Mit ShanghART hat sich Lorenz Helbling, ebenfalls Schweizer, seit 1997 vor Ort in Schanghai einen Namen gemacht. Nicht von ungefähr gilt seine Galerie als die renommierteste für chinesische Gegenwartskunst in der Stadt. Die Liste der mehr als 25 von ihm vertretenen Künstler liest sich wie ein «Who is Who». Mit seinen Ausstellungen, die immer in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern konzipiert werden, will er vor allem die breite Palette der zeitgenössischen Kunst im Reich der Mitte sichtbar machen und ihre Vitalität unter Beweis stellen.

Begegnung von Ost und West

Neuester Erfolg eines Schweizer Sammlers und Galeristen ist die vom Genfer Pierre Huber zusammen mit Lorenzo Rudolf, einem ehemaligen Direktor der Art Basel, initiierte Shanghai Art Fair International Contemporary Art Exhibition, kurz ShContemporary. Als die Messe im Shanghai Exhibition Center am 9. September 2007 nach vier Tagen ihre Pforten schloss, hatten 39500 Besucher die 130 Galerien aus Asien, USA und Europa besucht, und man konnte mit den Verkäufen zufrieden sein. Daneben war es Pierre Huber und seinem Partner aber ein wichtiges Anliegen, den Besuchern – vor allem jenen aus dem asiatischen Raum – eine Begegnung mit den verschiedensten zeitgenössischen Künstlern und ihren Werken zu vermitteln. Wie auch Urs Meile bestätigt, war für ihn die Messe als beteiligter Galerist, aber auch als «Besucher» ein neues Erlebnis. Die Atmosphäre im Exhibition Center (ein sowjetischer Bau aus den 50er Jahren und ein Geschenk Stalins an Mao) war einmalig in dem Sinne, dass die altmodische Monumentalität die grossformatigen Positionen noch besser zur Geltung kommen liess. Auch die durchwegs hohe Qualität der ausgestellten Werke bedeutete für Meile, der sich in der globalen Messelandschaft bestens auskennt, eine neue Dimension. Vor allem war er aber überrascht von der grossen Zahl junger chinesischer Sammler, wobei der Galerist zwischen Sammlern, die sich in erster Linie mit Inhalten auseinandersetzen, und Käufern unterscheidet, bei denen es mehr um Lifestyle und Investition geht.

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Bewährt und neu

Dank Pierre Huber, wie Ernst Beyeler heute Beirat der Art Basel, fanden die chinesischen Gegenwartskünstler Ende der 90er Jahre erstmals Zugang zur Art Basel. Selbst Sammler seit 1992, war es für ihn klar, dass seine Idee, asiatische Gegenwartskunst mit «Westkunst» zusammenzubringen, in China realisiert werden sollte. Die derzeitige Schaffenskraft und die künstlerische Entwicklung in China ist enorm und verdient es, mit einer qualitativ hochstehenden neuen Messe in die globale Kunstlandschaft eingebettet zu werden. Die Tatsache, dass Schanghai vor Pecking den Vorzug erhielt, hängt mit Hubers Einschätzung der Stadt zusammen, die er als die derzeit fortschrittlichste und glamouröseste asiatische Stadt bezeichnet. Zweifellos hat seine Idee, der Messe mit den zwei Schauen «Best of Artists» und «Best of Discovery» eine zusätzliche Dimension zu geben, zum Erfolg beigetragen, denn diese veranlassten viele Künstler, persönlich nach Schanghai zu reisen. Urs Meile bestätigt, dass dies wesentlich zur Stimmung beigetragen hat. Um die Neuentdeckungen der Schau «Best of Discovery» ausfindig zu machen, hat sich Huber während Monaten im gesamten asiatischen Raum umgesehen. Bestimmend für die Wahl war auch ihr Potenzial, auf dem internationalen Kunstmarkt bestehen zu können. Erfolg beflügelt, und so wird die zweite ShContemporary 2008 gleichzeitig mit der Shanghai Biennale stattfinden.

Sammeln als Kunst

Bereits vor einigen Jahren warnte der kürzlich verstorbene amerikanische Kunstkritiker Jonathan Napack vor der Tatsache, dass viele chinesische Künstler die Neigung haben, Quantität vor Qualität zustellen. Möglicherweise sei dies noch ein Relikt des kommunistischen Systems, denn in erster Linie wollten viele schnell reich werden. Dass diese Gefahr immer noch besteht, erwähnt auch Urs Meile: «Auch für uns Galeristen ist es wichtig, potenzielle Sammler richtig zu beraten. Leider spricht man nur immer von den Preisen der chinesischen Kunst und nicht von den Inhalten. Will man aber an gute Qualität herankommen, dann soll man sich Zeit nehmen, sich gut informieren und die Tendenzen und Entwicklungen beobachten.» Die chinesische Gegenwartskunst hat sich aus einem ganz anderen Hintergrund und aus einer anderen Mentalität heraus entwickelt. Als wichtiges Qualitätsmerkmal eines Werks sieht Urs Meile die Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit, also «wenn eine Arbeit so daherkommt, als ob sie nur in China hätte geschaffen werden können».

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Art Forum Changing China

Auch die im Sektor Art Banking führende UBS befasst sich schon seit längerem mit chinesischer Gegenwartskunst. Es erstaunt deshalb nicht, dass ihr Ausbildungszentrum Wolfsberg, welches seit einigen Jahren regelmässig sehr erfolgreiche Kunstforen organisiert, mit ihrem Anfang November stattfindenden Art Forum Changing China ins Schwarze getroffen hat: Es war innert kürzester Zeit ausgebucht. Auf die Paneldiskussion zum Thema «Kunst in der Volksrepublik China – globale Bedeutung und zukünftige Entwicklung», an welcher unter anderm auch Uli Sigg und Pierre Huber teilnehmen werden, darf man gespannt sein.

NACHGEFRAGT

Pierre Huber,

Pierre Huber, der Genfer Sammler und Galerist, hat als Initiator und Mitorganisator der ShContemporary in Schanghai eine neue Kunstmesse aus der Taufe gehoben.

Die neue Messe wurde als «Plattform für Ost und West» angepriesen. Der asiatische Raum war sicher sehr gut vertreten, aber wie gingen Sie vor bei den Galerien aus Europa und den USA?

Pierre Huber:

Mit dieser neuen Messe wollten wir in erster Linie Asien eine neue Plattform bieten, um so neue Begegnungen zu ermöglichen. Die Galerien, die nach Schanghai kamen, waren jene, die wir angefragt hatten. Ich gehe davon aus, dass mit der Weiterentwicklung der chinesischen Gegenwartskunst der Austausch für alle Galerien, die als Key-Players gelten, interessant wird.

Vor zwei Jahren hat Uli Sigg in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt: «Chinesen würden keine Picassos kaufen.» Hat sich Ihrer Meinung nach diese Haltung geändert?

Huber: Alle Sammler haben zuerst einmal angefangen, Kunst aus ihrem eigenen kulturellen Umfeld zu erwerben. Die Chinesen sind da nicht anders. Ich erinnere daran, dass wir aus dem Westen auch erst in den 80er Jahren angefangen haben, zeitgenössische chinesische Kunst zu kaufen. Im Vergleich dazu wird die Entwicklung in China viel schneller sein! Zudem gibt es heute nicht mehr so viele Picassos auf dem Markt. Er ist somit sicher nicht die einzige Referenz. Übrigens haben die Chinesen schon längst angefangen, westliche Kunst zu kaufen; unsere Aufgabe ist es, sie dahin zu führen.

Was hat Sie persönlich motiviert, ein solch grosses Projekt anzugehen?

Huber: Asien ist zurzeit ein sehr günstiges Terrain, um ein Projekt dieser Dimension aufzuziehen, denn es ist in gewisser Hinsicht immer noch Brachland – obwohl die Infrastruktur und alles, was es sonst braucht, vorhanden ist.

Wie positionieren Sie die ShContemporary im globalen Messekontext?

Huber: Für mich war immer klar, sie musste einfach anders sein. Ihre ganz eigene Ausrichtung und Atmosphäre ist es, was sie interessant macht.

Welche Künstler waren die eigentlichen «Entdeckungen»?

Huber: Alle, die an der «Best of Discovery» zu sehen waren!

Und wann findet die zweite ShContemporary statt?

Huber: Die Vernissage wird am 8. September 2008 sein.