Einmal mehr sind es politische Risiken, die das Barrel zum Überlaufen bringen: Die Furcht vor einer Invasion türkischer Truppen in den Nordirak hat den Ölpreis auf über 90 Dollar pro Fass ansteigen lassen.

Preis nicht nachhaltig

Das schwarze Gold kostet damit mehr als 1981, als Iran ein Erdöl-Embargo verhängte, und fast 50% mehr als im letzten Jahr (siehe Grafik). Obwohl die Notierungen nun wieder auf 86 Dollar je Fass zurückgekommen sind, darf nicht mit einer raschen Beruhigung gerechnet werden. «Wenn sich die politischen Spannungen ausweiten, sind weitere Preissteigerungen durchaus möglich», sagt André Frick, Analyst bei Credit Suisse.
Gemäss Frick folgt die nervöse Reaktion der Märkte auf die ungewisse Lage im Nord irak – dort liegen mehrere Ölfelder und Pipelines – einem bekannten Muster. Schon Ende 2006 habe die Verstaatlichung der Erdölproduktion in Venezuela und Bolivien und Wirren in Nigeria den Ölpreis auf 78 Dollar je Barrel klettern lassen. «Erdöl wird in einem solchen Umfeld zu einer Risikoprämie gehandelt», sagt Frick. Problematisch dabei: Entspannt sich der Konflikt, stürzen die Preise aus ihrer luftigen Höhe, weil ihnen die fundamentale Grundlage fehlt. Dieser Punkt ist heute erreicht. «Auf dem Niveau ist der Preis nicht nachhaltig», so Frick. Entsprechend uneinheitlich sind die Zukunftserwartungen der Beobachter.
Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin, sieht den Preis mittelfristig bei 70 Dollar pro Barrel. Andreas Höfert, Ökonom bei UBS, rechnet hingegen damit, dass die 100-Dollar-Marke schon in den nächsten Monaten überschritten werden könnte.
Wohin der Preis sich auch entwickeln wird – er wird es heftig tun. Einerseits, weil auf der Angebotsseite kaum Spielraum besteht, da die weltweiten Reserven so niedrig sind wie zuletzt 2004.
Zwar hat die Organisation erdölproduzierender Staaten (Opec) bereits angekündigt, den Hahn aufzudrehen. Ab dem 1. November will sie dem Markt täglich 500000 Barrel mehr Öl zuführen. Doch kontrollieren lässt sich der Preis damit nicht. Insbesondere die Schwellenländer haben einen gewaltigen Energiehunger entwickelt und steigern die Nachfrage weiter.

Solide Story bevorzugen

Genauso wie die Finanzmärkte. Mit dem Dollar auf Rekordtief werden Basismetalle, Soft-Commodities und eben Öl zu gesuchten Anlagen, nicht zuletzt bei Hedge-Fonds. Und weil diese das Rohstoff-Thema mit Gewinnhebeln spielen, verstärken sich die Preisschwankungen im Erdöl zusätzlich. Privatanleger, die vom hohen Ölpreis-Boom profitieren wollen, müssen deshalb langfristig planen. «Eine solide Story ist zu bevorzugen», sagt Frick. Folgende Kriterien sind besonders zu beachten:

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• Reserven: Zu bevorzugen sind Titel von Unternehmen, die Zugang zu den grossen Erdölvorkommen haben – also Positionen in den ehemaligen Sowjetstaaten, Westafrika, im mittleren Osten sowie Kanada.
• Wachstum: Während die Ölmultis zunehmend träge werden, gibt es in Schwellenländern noch Werte mit hohem Potenzial, aber auch hohem Risiko – etwa Gazprom, Petrobras oder Lukoil.
• Leistungsausweis: Verzögerungen sind bei der Erdölförderung heute die Regel. Umso gesuchter sind Firmen, die Timing und Budget bei Projekten einhalten können. Gut gelungen ist dies gemäss Credit Suisse bisher British Gas (BG).
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Ölsensitive Titel

Petrobras: Der vom brasilianischen Staat kontrollierte Ölkonzern weist gegenüber russischen Konkurrenten ein leicht tieferes Wachstumspotenzial aus. Mit einem Kursgewinn von 24% hat die Aktie aber auch in diesem Jahr ihre Gewinnkraft unter Beweis gestellt. Und das Management in Rio de Janeiro hat ehrgeizige Pläne: Mit Investitionen von 15 Mrd Dollar soll die Produktion bis 2015 um 80% gesteigert werden. Total: Von diesem etablierten Erdölkonzern sind keine gewaltigen Kurssprünge zu erwarten. Trotzdem sind seine Aktien gemäss Credit Suisse von Interesse: In der immer noch nicht ausgestandenen Kreditmarktkrise dürften sich ihre defensiven Qualitäten als nützlich erweisen. Hinzu kommen ein solider Leistungsausweis, ein mit neuen Projekten gut gefüllter Köcher sowie eine starke Position im Raffinerie-Bereich. Halliburton: Das amerikanische Erdöl-Service-Unternehmen profitiert langfristig vom Umstand, dass Erdöl immer knapper wird und sich die Suche nach neuen Vorkommen zunehmend aufwendig gestaltet. In den letzten Quartalen überzeugte Halliburton mit ansprechenden Zahlen, seit letztem Januar hat die Aktie um insgesamt 25% zugelegt. Mit einem KGV von 16 ist der Titel zudem noch realtiv günstig bewertet. Suntech Power: Weil westliche Solarzellen-Hersteller an der Börse so gesucht sind, sind ihre Kurse teils auf gefährlicher Höhe angelangt. Ähnliches gilt für die Windkraft-Werte, während Biotreibstoff-Produzenten mit hohen Rohstoffpreisen kämpfen. Einen Ausweg bietet momentan die chinesische Solarzellen-Produzentin Suntech: Dem auch in den USA kotierten Wert spricht Credit Suisse noch viel Potenzial zu.