Pro Barrel Öl 100 Dollar? Das könnte nicht das Schlimmste sein. Einige führende Ölexperten, die sich kürzlich in London zu ihrer jährlichen Energiekonferenz trafen, entwerfen ein Bild der nahen Zukunft, in der die steigende weltweite Nachfrage und der sinkende Nachschub die Ölpreise weit über die 100-Dollar-Marke pro Barrel treiben.

Konsumländer, so ihre Argumentation, würden einfach mit der Tatsache umgehen müssen, dass es viel schwieriger werde, neue Ölquellen zu finden, und viel teurer, diese anzuzapfen. Diese Tatsache, kombiniert mit Jahren zu geringer Investments seitens der Industrie, habe dazu geführt, dass der Ölnachschub für die nächsten Jahre nicht gesichert sei, und das trotz des steigenden Energiebedarfs in Asien, im Mittleren Osten und in einigen Industrieländern.
Am selben Tag, als die amerikanische Benchmark für Ölpreise vom Rekordhoch nachgab und an der New York Mercantile Exchange um 3,4% oder 3.15 Dollar pro Barrel niedriger bei 90.38 Dollar schloss, beharrten zwei Opec-Minister darauf, dass das direkte Problem nicht darin bestehe, dass es zu wenig Öl gebe.

Schwacher Dollar auch ein Faktor

Seit diesem Frühsommer seien die Preise um fast 40% gestiegen, sagen die Ölminister von Katar
und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Doch die Preiserhöhungen seien auf den schwachen Dollar, auf die ausgedehnten Spekulationen an der Wall Street und auf Engpässe bei der Raffinierung zurückzuführen. «Bitte geben Sie nicht uns die Schuld an den Rekordölpreisen», sagt Abdullah al-Attiyah, Katars Ölminister, und drückt damit eine weit verbreitete Stimmung unter den grossen ölproduzierenden Ländern der Welt aus. «Sie machen uns seit 50 Jahren dafür verantwortlich.»
Die Debatte darüber, was den Ölpreis gerade in die Höhe treibt, wird noch an Vehemenz gewinnen, wenn die Preise weiter steigen und die Öl-Executives, Konsumenten und Politiker einen Schuldigen dafür suchen. Aber die unterschiedlichen Erklärungen, die auf der diesjährigen Oil & Money-Konferenz präsentiert wurden, zeigen auch, wie schwer es ist, den Grund genau zu benennen.
Sadad I. Al-Hussein, ein Ölberater und früherer Executive bei Aramco, dem grössten nationalen Ölunternehmen Saudi-Arabiens, gab eine besonders abschreckende Einschätzung ab. Die grossen ölproduzierenden Nationen würden ihre Ölreserven auf über 300 Mrd Barrel aufblähen, so Al-Hussein. Das komme theoretischen Reserven gleich, die «nicht umrissen, nicht zugänglich und nicht für die Produktion greifbar» seien. Ein Grossteil der Ölförderung im Mittleren Osten stammt aus voll entwickelten Reservoirs, und die grossen Felder in der Region des Persischen Golfs sind laut Al-Hussein zu 41% ausgeschöpft.
Die weltweite Öl- und Gasförderkapazität sei eingeschränkt aufgrund ausgebeuteter Reservoire und stehe einem «15-jährigen Produktionsplateau» gegenüber, führt Al-Hussein aus. Er sagte voraus, dass Versorgungsengpässe zu einem weiteren Preisaufschlag auf Öl um 12 Dollar für jede Mio Barrel am Tag zusätzlicher Nachfrage führen würden. Die weltweite Nachfrage, die sich aktuell auf 85 Mio Barrel pro Tag beläuft, war 1999 um durchschnittlich 10 Mio Barrel am Tag niedriger.

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Erhöhung der Mengen schwierig

Nobuo Tanaka, der neue Direktor der in Paris ansässigen Internationalen Energieagentur (IEA), die von den führenden Industrienationen gegründet wurde, sagt, dass seiner Meinung nach die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Ölförderkapazität in der absehbaren Zukunft in erheblichem Masse erhöhen lasse, sehr gering sei, weil zum Teil so viele ölreiche Staaten nach wie vor nicht mit Investoren aus dem Ausland zusammenarbeiteten. «Die IEA hat festgestellt, dass die Marktenge trotz des hohen Ölpreises von 2009 an zunehmen werde, da neu geschaffene Kapazitäten nicht mit der eingeschränkten Kapazität bestehender Felder Schritt halten werden können», sagt er.
IEA-Analysten beharren darauf, dass es ausreichend Ressourcen gebe, um die Nachfrage bis 2030 zu decken, aber Tanaka sagt, dass er nicht davon überzeugt sei, dass es genug Investments, ausgebildete Arbeiter und entsprechende Technologien gebe, um «rechtzeitig» an dieses Öl heranzukommen.
Andrew Gould, Chairman und Chief Executive von Schlumberger, dem riesigen Öl-Dienstleister, drückt ähnliche Bedenken aus und merkt an, dass 70% der Ölfelder, die aktuell die weltweite Nachfrage stillen, über 30 Jahre alt seien. Das Wachstum der weltweiten Nachfrage seit 2003 entspreche etwa dem Äquivalent der täglichen Fördermenge von zwei der grössten Öllieferanten der Welt: Der Nordsee und Mexiko, so Gould.
«Unsere Industrie kann einfach mit dieser Art von Anstieg nicht umgehen», sagt Gould vor der Versammlung. Die Opec-Länder lieferten aktuell 40%» der Weltfördermenge. Aber dieser Anteil soll in den kommenden Jahren wachsen, da die Fördermengen in Nicht-Opec-Ländern wie Mexiko und Russland zurückgehen. Saudi-Arabien, der weltgrösste Einzellieferant, will in den nächsten zehn Jahren die Förderung wesentlich erhöhen.

Neue, unberechenbare Kräfte

Doch bei Ölpreisen in der Nähe der 100-Dollar-Marke pro Barrel schreiten Opec-Offizielle vehement gegen jegliches Gerede ein, dass sie für diese Preissteigerungen verantwortlich seien. «Der Markt wird immer mehr von Kräften angetrieben, die jenseits der Kontrolle der Opec liegen, nämlich von
geopolitischen Ereignisse und dem wachsenden Einfluss von Finanzinvestoren», sagt Mohammed bin Dhaen al-Hamli, Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, der auch als Präsident der Opec fungiert.
Al-Hamli weist darauf hin, dass die Preise nach wie vor «weit unter» dem inflationsbereinigten Allzeithoch von 101 Dollar pro Barrel lägen, das im Frühjahr 1980 erreicht wurde, nachdem die Revolution im Iran die Ölmärkte erschüttert hatte. Sein Kollege aus Katar, al-Attiyah, betont, dass der Goldpreis ebenfalls explodiert sei. «Warum schauen die Leute immer nur aufs Öl und nicht auf den Goldpreis», fragt er und fügt hinzu, dass er es leid sei, dass die Opec immer für die Ölpreisschwankungen verantwortlich gemacht werde.
Beide Minister sind überzeugt, dass eine mögliche Erhöhung der Lieferungen an die Weltmärkte durch das Kartell bei einem Treffen der Staatschefs in Saudi-Arabien nächsten Monat nicht ausdrücklich auf der Tagesordnung stehe. Die Gruppe sagte bereits im vergangenen Monat zu, ab dem 1. November 500000 Barrel Öl am Tag zusätzlich zu liefern.
Ein Offizieller des amerikanischen Energieministeriums bezweifelt die Aussage der Opec, dass die Versorgung kein unmittelbares Problem sei. «Wir sind der Meinung, dass der Markt nach wie vor mehr Barrel braucht, wenn wir auf nächstes Jahr blicken», sagt Guy Caruso, Geschäftsführer der Energy Information Administration des Ministeriums. «Das Problem ist, dass wir keine Puffer haben im Hinblick auf die spärliche Produktionskapazität und die wenigen Rohöllager», meint er.

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