Je näher ein möglicher Militärschlag gegen Irak rückt, desto offener bekennen die Vorstandschefs der weltgrössten Mineralölgesellschaften ihr Interesse an dem Land und damit an 10% rund 110 Mrd Fass der Weltöl-reserven. John Browne, Herr über den weltweit zweitgrössten Öl-Multi BP Amoco, nimmt längst kein Blatt mehr vor den Mund. «Britische Ölgesellschaften müssen eine faire Chance im Irak bekommen», sagte er bei der Bilanz-präsentation im Februar. Auch sein Gegenüber beim französischen Champion TotalFinaElf, Thierry Desmaret, verkündet unverblümt: «Wir werden uns in einem Terrain zu wehren wissen, das von US-Konkurrenz bald nur so wimmeln könnte», so der Chef der weltweiten Nummer vier.

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Doch der Nahe Osten, mit bekannten Reserven von bis zu 500 Mrd Barrel die klassische Ölregion der Erde, ist in der globalen Gleichung des Erschliessungs- und Raffineriegeschäfts nur noch eine Konstante unter vielen. Andere Regionen allen voran der kaspische Raum, Russland, aber auch Afrika und Lateinamerika sind attraktiv geworden. Zwar wird Nahost-Öl noch auf Jahrzehnte hinaus eine erstrangige Energiequelle des Wes-tens sein, sagen Experten voraus. Eine geglückte Demokratisierung des Irak könnte sogar eine «neue zuverlässige Tankstelle des Wes-tens» schaffen, wie sich ein Londoner Ölmanager ausdrückt. Doch den klassischen Pluspunkten der Region, den konkurrenzlos niedrigen Förderkosten sowie der langjährigen Stabilität des mit neun Mio Fass Tagesförderung weltweit grössten Produzenten Saudi-Arabien, stehen zunehmend negative Standortfaktoren gegenüber. In vielen Golf-Scheichtümern und Königreichen wackelt die politische Herrscherklasse unter dem Ansturm islamischer Fundamentalisten.

«Zudem gibt es Grenzen für die Öl-Multis. Noch keinem ist zum Beispiel ein grosser Gas-Deal in Saudi-Arabien gelungen», sagt Allan Woollen von der Beratungsgesellschaft Wood Mackenzie. Die eigenen staatlichen Ölförderkonzerne der arabischen Länder sind bei Joint Ventures mit ausländischen Partnern immer pingeliger auf ihren Anteil bei der Hebung des fossilen Schatzes erpicht. Auch das verändert die Renditerechnung der «oil majors».

Nicht zuletzt hat die Gefahr des permanenten Funkenschlags aus dem Palästina-Konflikt sowie die wachsende Bedrohung westlicher Firmen durch Terrornetzwerke die Diversifizierungsbemühungen beschleunigt. «Da Lateinamerikas wichtigste Ölländer Venezuela und Brasilien unter einer Finanzkrise und politischen Unruhen leiden, bleiben Russland, Mittelasien und Afrika die der Energie-Multis», sagt Öl-Analyst Woollen.

Postsowjetischer Springbrunnen

Finanziert wird die Expansion mit Verkäufen unrentabler För-dergebiete in der Nordsee oder im Golf von Mexiko. Erschliessungsrechte für rund 15 Mrd Dollar wollen Shell, BP, Exxon, Chevron, Totalfina und die italienischen Riesen ENI und Agip demnächst auf den Markt bringen. «Die kaspische Region ist vor allem für die US-Erschliesser interessant geworden», sagt Ian Bremmer vom Beratungsunternehmen Eurasia Group. Der Landstrich bräuchte bis 2020 Öl-Investitionen in Höhe von 700 Mrd Dollar, schätzt die Internationale Energie-Agentur IEA. Ohne West-Partner ist das nicht zu schaffen. Die zentralasiatischen Ölländer sind nicht Opec-gebunden und frei in ihrer Ölpolitik, ein willkommener Bonus aus westlicher Sicht. Weit nach Osten vorgewagt hat sich erst vor ein paar Tagen der britische BP-Konzern, der durch Kapitalbeteiligung an der Alfa Group zum drittgröss-ten Öl-Giganten Russlands aufgestiegen ist. «In Russland gibt es heute für Ölfirmen ein relativ normales Geschäftsrisiko», sagt Sarah Carey von der Rechtskanzlei Squire, Sanders, Dempsey. Lange wirkten Korruption und Rechtsunsicherheit in dem Riesenland und den ölreichen Sowjet-Nachfolgern Kasachstan, Aserbeidschan und Turkmenistan abschreckend.

Die PSA genannten Produktionsverteilungsverträge mit regionalen Partnern wie Yukos oder Lukoil konnten nur schlecht eingeklagt werden. Den ersten westlichen Pionieren bescherte das vor zehn Jahren noch empfindliche Verluste. Doch dass die Region mit geschätzten Reserven von rund 200 Mrd Barrel etwa halb so ölreich wie der Nahe Osten inzwischen boomt, zeigen nicht nur die Beteiligungen der wichtigsten Erdölkonzerne Grossbritanniens, Frankreichs und der Vereinigten Staaten in den ertragreichen kasachischen Feldern Tengiz, Karachaganak und Kashagan. Das Exportwachstum der post-sowjetischen Ölproduktion wird nach einer Studie der Deutschen Bank die Outputsteigerung des Nahen Ostens ab 2005 überflügeln.

Amerika setzt auf Die Tankstelle Afrika

Den heissesten Öl-Boom verzeichnet derzeit jedoch Afrika. Experten schwärmen angesichts des Öl-Reichtums von Zwergstaaten wie Äquatorial-Guinea im westlichen Küstenbogen des Kontinents schon vom «Kuwait Afrikas».

Zwar muss der Primärrohstoff dort weitaus teurer als im Nahen Osten meistens vor der Küste aus bis zu 8000 m Wassertiefe aus dem Boden geholt werden. Doch die prognostizierte Fördermenge der Region soll in mittlerer Zukunft die Marke von 10 Mio Barrel pro Tag und damit diejenige Saudi- Arabiens übersteigen. Die Vorteile für die bisherigen Explorateure Exxon Mobile und Chevron Texaco liegen auf der Hand.

Muslimischer Fundamentalismus, der Terrorismus stützt, ist ausser im langjährigen Opec-Staat Nigeria so gut wie unbekannt. Die oft kaum demokratisch legitimierten Regierungen, die bisher über die Armenhäuser der Erde zu verwalten hatten, willigen nur zu gerne in die angebotenen Öldollar-Verträge ein. Westafrika ist die «am schnellsten wachsende Öl- und Gasquelle für die Versorgung der USA», heisst es im jüngs-ten Energiereport der US-Regierung. Nach den Plänen soll bis 2015 ein Viertel der US-Öl-importe von dort kommen. Der Persische Golf hätte dann als Lieferant der 20 Mio Barrel Rohöl, die von den Vereinigten Staaten täglich konsumiert werden, in Westafrika einen ebenbürtigen Konkurrenten.