Erstmals in der Geschichte der Menschheit wird sich der Anteil von Menschen über 60 an der Gesamtbevölkerung verdoppeln. Diese Generation ist am häufigsten von Depression betroffen. Gleichzeitig gehören ihre Vertreter zu jenen Menschen, die sich am stärksten psychophysisch vernachlässigen. Präventionsmassnahmen sind zwar bekannt, werden aber nicht genutzt.

Der Körper wird als funktionierende Maschine betrachtet, die keinen Service braucht. Mit der Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen wird wohlmöglich assoziiert, dass dies ein Zeichen von Alter sein könnte. Altsein wird aber von dieser Generation abgelehnt. Noch nie gab es so viele Schönheitsoperationen von alternden Frauen, und die Verkaufszahlen von Viagra werden nicht durch organisch bedingte Potenzstörungen erreicht, sondern dank älteren Männern mit erhöhten Ansprüchen an sexuelle Leistungsfähigkeit.

Gründliche Analyse

Bei der Analyse der Patienten muss zwischen männlichen und weiblichen Problemstellungen unterschieden werden. Männer sind weiterhin in höheren beruflichen Positionen stärker mit ihrem Beruf identifiziert.

Beruflich sind zwei Situationen zu unterscheiden. Einerseits jene von längerfristig Beschäftigten mit hoher Identifikation, was bei Verlust des Arbeitsplatzes dazu führt, dass Selbstwert und Selbstbild beschädigt werden und es zu narzisstischen Krisen kommt. Der zweite Risikofaktor sind Positionen, die aufgrund der wirtschaftlichen Situation immer wieder Wechsel bedingen. Mit diesen häufigen Wechseln und den damit verbundenen neuen Herausforderungen sind die Menschen einem hohen psychischen Druck ausgesetzt, dem sie infolge des zunehmenden Alters immer weniger standzuhalten vermögen.

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Bei den Frauen sind es oft Sandwichpositionen wie Sorge um Kinder, berufliche Tätigkeit, Haushalt und gleichzeitig Versorgung der Eltern oder Schwiegereltern, die zu Überlastung und Depressionen führen.

Am Prozess teilhaben

Information und Einwilligung ist für diese Generation sicher noch wichtiger als für vorhergehende. Dies bedeutet, dass sie von Anfang an mehr in Entscheidungsprozesse, die ihre Therapie betreffen, einbezogen werden muss, nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass die heutige Generation 50plus Autorität deutlich stärker in Frage stellt als bisherige Generationen. Es ist deshalb von besonderer Bedeutung, die Betroffenen von Anfang an nach ihren individuellen Zielen zu befragen und auch nach ihrer Auffassung, wie der Weg dorthin zurückgelegt werden kann. Die eigenen Vorstellungen betreffend Therapieablauf, Setting und Kausalitäten ihrer Erkrankungen müssen sorgfältig erfasst werden.

Psychoedukation - mit Themen wie Psychotherapie, Sinnfragen, Kommunikation, Problemlösestrategien, Medikamente oder Krankheitsmodelle - ist ein wesentlicher Bestandteil der Partizipation und Therapie. Der Patient muss verstehen, warum ein psychotherapeutisches Angebot in der bestehenden Form durchgeführt wird. Dabei sind einige Fragen von zentraler Bedeutung. Was ist Ihnen wichtig? Was war wertvoll und hilfreich für Sie? Wie möchten Sie einen Klinikaufenthalt nutzen? In welchem Verhältnis stehen Therapien zu den Zielsetzungen des Patienten?

Überholter Sigmund Freud

Das alte Vorurteil von Sigmund Freud, ältere Menschen seien psychotherapeutisch nicht erfolgreich behandelbar, ist längst durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen widerlegt worden. Studien zeigen, dass ältere Menschen sogar mehr von Psychotherapie profitieren als jüngere. Tatsache aber ist, dass nur 5% der Älteren die Psychotherapie bekommen, die sie brauchen. Diesbezüglich ist nicht nur in den Köpfen der Patienten ein Umdenken erforderlich.