Facebook soll laut jüngsten Gerüchten am 18. Mai an die Börse. Damit wird das Internetmärchen um ein Kapitel reicher. Das 2004 gegründete soziale Netzwerk hat heute 900 Millionen Nutzer und einen geschätzten Firmenwert von rund 100 Milliarden Dollar. Viele Experten fragen sich angesichts dieser beeindruckenden Zahlen, warum die Schweiz in der Internet- und Softwarebranche keine annähernd ähnliche Erfolgsgeschichte vorweisen kann. Immerhin waren die ETH Zürich und das Cern in Genf bei der Entwicklung des Computers und des Internets an vorderster Front dabei. Gleichwohl resultierte aus den wissenschaftlichen Erfolgen nie eine Branche von der Strahlkraft etwa der Uhrenindustrie.

Investoren, Unternehmer und Hightech-Spezialisten nennen eine Reihe von Gründen für dieses Phänomen, so den teuren Standort und fehlende Fachkräfte. Ein weiteres Argument hingegen überrascht. Im Land der Banken fehlt es an Geld für den ganz grossen Coup. Zwar sind genügend Investoren und Start-up-Einrichtungen da, um ein Jungunternehmen zu gründen. Wenn es aber darum geht, ein Start-up mit richtig viel Kapital auszustatten, öffnet sich eine Lücke.

Laut dem IT-Investor Daniel Gutenberg liegt die Schwierigkeit bei der sogenannten B- oder C-Runde der Finanzierung. Hier geht es um Beträge von 5 bis 20 Millionen Franken. Sie ist für Unternehmen gedacht, welche die ersten Finanzierungsrunden bereits geschafft haben. «Derzeit gibt es in der Schweiz fast keine Venture-Capital-Fonds, die solche Mittel sprechen können. Diese Investoren sitzen eher in Berlin, London oder in den USA.»

Anzeige

Beat Schillig, Geschäftsleiter des Instituts für Jungunternehmen in St.Gallen, ortet bei den Schweizer Internet- und Softwarefirmen in den letzten zehn Jahren zwar eine «markante Entwicklung», sowohl bei der Anzahl als auch bei der Qualität der Unternehmen. Finanzierungsrunden von 1 bis 2 Millionen Franken bringe man hier gut zusammen. «Wenn es dann bei Wachstumsfinanzierungen um Beträge von 10 und mehr Millionen Franken geht, müssen die Start-ups ihre Investoren jedoch vorwiegend auf dem internationalen Parkett suchen», sagt Schillig.

Investor Nicolas Berg bestätigt, dass sich in der Schweiz kaum Investoren finden lassen, die bereit sind, zweistellige Millionenbeträge in ein Internet- oder Software-Start-up zu stecken. Er sieht das auch positiv. «Wer viel Geld erhält, verbrennt dann auch viel Geld, wenn es nicht läuft», sagt Berg.

Streben die Jungfirmen den wirklich grossen Erfolg an, steht ihnen nur ein Weg offen, jener ins Ausland. «Wir wollen eine globale Marke werden», sagt Stéphane Doutriaux vom Technologie- und Software-Start-up Poken. In Europa sei es bereits eine grosse Sache, wenn eine Firma 5 Millionen Franken von Investoren bekomme. Ihre amerikanische Konkurrentin erhalte hingegen 20 Millionen und verschaffe sich damit einen Vorsprung. «Wir müssen in diesem Spiel mitmachen. Aber dieses wird in der Schweiz nicht gespielt», sagt Doutriaux. Am 1. April verlegte die Firma ihr Hauptquartier von Lausanne nach Palo Alto im kalifornischen Silicon Valley.