Fréderic Gastaldo ist bei Swisscom für Strategie- und Planungsprozesse verantwortlich. Gefragt, welche Innovationen im Telekombereich er am liebsten als Swisscom-Erfindung gehabt hätte, nennt er Internet-Kommunikationsplattformen wie Facebook oder MySpace: «Dass unsere Branche diese enorm wichtigen Möglichkeiten verschlafen hat, dürfte eigentlich nicht sein», sagt Gastaldo in einem Interview auf der Swisscom-Homepage. Diese Selbstkritik hat auch einen ökonomischen Hintergrund: Der Wert von Facebook wird heute auf rund 15 Mrd Dollar geschätzt.

Über 90% aller Befragten, die an einer von PricewaterhouseCoopers und vom Institut für Technologiemanagement an der Universität St. Gallen unlängst durchgeführten Studie teilgenommen haben, sehen in Innovationen einen der wichtigsten Erfolgstreiber eines Unternehmens. Innovative Produkte stehen für 66% der Umsätze und 60% der Gewinne der Umfrageteilnehmer, die alle zu den grössten Anmeldern beim Europäischen Patentamt zählen.

Hohe immaterielle Werte

Im Mittelpunkt des Interesses stehen Patente, mit denen Unternehmen ihre Forschungs- und Entwicklungsergebnisse vor Nachahmung und Missbrauch zu schützen versuchen. Die Studie bestätigt in diesem Zusammenhang darüber hinaus eine Tendenz, die von Experten und Unternehmen gleichermassen beobachtet wird. «Angesichts des steigenden Kapitalbedarfs von Unternehmen und mit Blick auf die weitere Globalisierung der Finanzmärkte sind Patente von erheblichem Interesse für Stakeholder und Investoren.

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Entsprechend gewinnt das Management von immateriellen Vermögen im lebhaften Wissens- und Innovationswettbewerb als elementarer Bestandteil des strategischen Managements zunehmend auch an Wichtigkeit», schreibt Professor Oliver Gassmann, Direktor des St. Galler Instituts für Technologiemanagement.

In der Studie geben allerdings nur 57% der Befragten an, dass ein wertorientiertes Innovationsmanagement in ihren Unternehmen verankert sei. Das ist wenig: Immaterielle Werte machen durchschnittlich fast die Hälfte des Marktwertes eines börsenkotierten Unternehmens aus, wie Professor Alexander Wurzer schätzt. Der Leiter des Instituts für Intellectual Property Management an der Berliner Steinbeis-Hochschule umschreibt in der «NZZ» die strategischen Einsatzmöglichkeiten von Patenten wie folgt: «Regelung des Marktzugangs, Blockade der Mitbewerber bis zum Faustpfand bei Unternehmensakquisitionen.»

Patente signalisieren nach aussen, dass ein Unternehmen über Know-how verfügt. Das macht es als möglichen Kooperationspartner attraktiv. Laut einer Studie im deutschen Wirtschaftsministerium kann in vielen Branchen ein Unternehmen nur am Markt bestehen, wenn es strategisch in den Aufbau eines Patentportfolios investiere, «um bei Lizenzgeschäften über Substanz und damit Tauschmasse zu verfügen».

Obwohl verschiedene Schweizer Unternehmen gegenüber der «Handelzeitung» bestätigen, dass Patente immer mehr selbst zu einer «Handelsware» (Ciba) werden, lässt sich aus den Geschäftsberichten kaum herauslesen, wie die Patente jeweils bewertet werden. In den meisten Unternehmen laufen Patente unter den sogenannten «immateriellen Werten». Ciba und Syngenta weisen sie jedoch gesondert aus. Bei Ciba beträgt der Buchwert der Patente für 2007 46 Mio Fr. netto, bei Syngenta 21 Mio Dollar netto. Bei Swisscom sind sie, so Sprecher Sepp Huber, überhaupt nicht bewertet. Ebenfalls nicht in der Bilanz aufgeführt sind sie nach Auskunft von Konzernsprecher Wolfram Eberhardt bei ABB, die derzeit weltweit rund 14000 Patente hält.

Mühe, Standards anzuwenden

Laut der St. Galler Studie sind die Befragten in Bezug auf die monetäre Bewertung von Patenten unsicher. Allgemein anerkannte Rechnungslegungsstandards wie IFRS oder Swiss GAAP FER (siehe Kasten) liefern zwar Vorgaben, doch bekundet man selbst bei den patentintensiven Unternehmen offenbar Mühe, sie auch anzuwenden.

Für Professor Gassmann ist die jedoch kein Grund für eine staatliche Intervention: «Die Wirtschaft regelt dies ? ähnlich den Anstrengungen im Corporate-Governance-Bereich durch Economiesuisse ? selbst am besten. Zudem müssen hier globale Standardisierungsgremien aktiv werden, ein nationaler Alleingang ist nicht sinnvoll.»

 

 


Für Firmen von Bedeutung

Mit zwei Problemkreisen, die gerade auch Unternehmen interessieren dürften, für welche Patente eine hohe Bedeutung haben, befasst sich derzeit das Parlament: Mit der Revision des Aktien- und Rechnungslegungsrechts sowie der Zulassung von Parallelimporten für patentgeschützte Produkte.

Das neue Rechnungslegungsrecht sieht nach dem Entwurf des Bundesrats einen Ausbau der Unternehmenstransparenz vor und ermöglicht die ungehinderte Anwendung internationaler Rechnungslegungsnormen in der Schweiz. Ein Abschluss nach IFRS, US-GAAP oder Swiss GAAP gibt die tatsächliche wirtschaftliche Lage eines Unternehmens wieder, umfasst also auch die immateriellen Werte (intangible assets), zu denen unter anderem auch Patente gehören. Umstritten bei den Beratungen im Parlament ist vor allem, ob die Regelung gemäss Entwurf der Regierung nicht zu einer hohen administrativen Belastung für KMU führt.

In die zweite Runde geht die parlamentarische Debatte über die Zulassung der Parallelimporte. Nach einer heftigen Auseinandersetzung hatte der Nationalrat in der vergangenen Sommersession beschlossen, das heutige Verbot beizubehalten. Der Entscheid fiel mit 93 gegen 88 Stimmen bei 14 Enthaltungen äusserst knapp aus. Die Befürworter betonten, das Verbot schütze das geistige Eigentum und stärke den Innovationsstandort Schweiz, während die Gegner hauptsächlich damit argumentierten, dass das Verbot von Parallelimporten einer der Gründe für zu hohe Preise in der Schweiz sei. Die CVP hatte einen Antrag eingebracht, wonach Parallelimporte aus Europa zugelassen worden wären, deren Preise nicht staatlich festgelegt sind, wie das bei den Medikamenten der Fall ist. Im Nationalrat stand dieser Antrag nicht mehr zur Abstimmung; es ist jedoch damit zu rechnen, dass er im Ständerat erneut zur Debatte steht, der das Geschäft jetzt behandelt. (syn)