Auf dem Tisch liegen zwei Bücher, die Ernst Fehr in seinen Sommerferien lesen wird. «The Subprime Solution» von Robert J. Schiller und «Animal Spirits» von George A. Akerloff und Robert J. Shiller. Es sind zwei Wirtschaftsbücher, die in den letzten Monaten die Bestellerlisten in Europa und den USA gestürmt haben. Beide Autoren zeigen auf, dass die Wirtschaft nicht nur von rationalen, auf Gewinnmaximierung getrimmten Individuen dominiert wird, sondern dass ganz andere Verhaltensweisen dominieren. «Zwei kluge Köpfe», ist Fehrs Kommentar zu den beiden Autoren, er lächelt.

Ökonomie und Hirnforschung

Dieses Lächeln ist vielsagend. Denn Ernst Fehr, Professor für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich, zählt ebenfalls zu jenen Ökonomen, die im Menschen schon längst nicht mehr den Homo oeconomicus sehen. Wie Shiller und Akerloff zählt Fehr zu den meistbeachteten und zitierten Wirtschaftswissenschaftern der Welt. Seine Forschungsansätze reichen weit in die Psychologie, die Soziologie, die Biologie und die Hirnforschung hinein, sind gleichermassen innovativ wie aufsehenerregend. Fehrs Artikel erscheinen in den renommierten naturwissenschaftlichen Publikationen «Nature» und «Science». Letztes Jahr erhielt er den «Schweizer Nobelpreis», den renommierten Marcel-Benoist-Preis, und gilt in Fachkreisen als Anwärter für den «richtigen» Nobelpreis.

Widersprechende Realitäten

«Wir leben jetzt in einer Zeit der geistigen Umbrüche», sagt Fehr. «Die globale Krise ist ein guter Humus für neue Sicht- und Denkweisen.» Die momentanen Verwerfungen im Finanzsystem und in der Weltwirtschaft vergleicht Fehr mit einem Bild des niederländischen Künstlers M.C. Escher, der den Betrachter mit optischen Täuschungen und perspektivischen Unmöglichkeiten fesselt. Man muss ganz genau hinschauen, bis man die beiden Realitäten erkennt, die sich widersprechen.

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«Das Problem ist, dass sich die Standardwissenschaft im 20. Jahrhundert und im beginnenden 21. Jahrhundert auf die Erforschung des vernünftigen und eigennützigen Menschen konzentrierte», erklärt er. Das individuelle Verhalten hingegen sei von den Wirtschaftswissenschaften lange nicht empirisch untersucht worden. Und hier setzt Fehrs Forschung ein. Seine zentrale Fragestellung: Wie verhält sich der Mensch, und warum verhält er sich so, wie er sich verhält. Was beeinflusst sein Verhalten?

Um zu empirischen Resultaten zu kommen, macht Fehr im eigens konzipierten Labor Experimente mit Probanden. Beispielsweise müssen sich zwei Spieler über die Aufteilung einer Geldsumme einigen. A darf ein einziges Teilungsgebot machen, B kann dieses annehmen oder ablehnen. Bei Ablehnung gehen aber beide leer aus. Dabei haben Fehr und sein Forschungsteam herausgefunden, dass das Teilungsgebot in 80% der Fällen ausgeschlagen wird, wenn dieses 25% der Gesamtsumme unterschreitet. Für B ist dies ein unfaires Gebot, und er verzichtet lieber drauf. Fehr nennt dies eine «altruistische Bestrafung». Diese Erkenntnis steht im krassen Widerspruch zur Maximierung des eigenen Nutzens, wie dies die Standardwissenschaft propagiert.

Darüber hinaus hat Fehrs 20-köpfiges Team herausgefunden, dass das Bestrafen anderer, von denen man sich unfair behandelt fühlt, jene Hirnregion aktiviert, die für das Glücksgefühl zuständig ist. Eine weitere Erkenntnis: Die variablen Vergütungssysteme für die Spitzenlöhne waren falsch konzipiert, weil sie die Vergütung an den absoluten Aktienkurs koppelten. Das absolute Niveau der Kurse ist aber ein schlechter Indikator für die Leistung des Managements, weil er von vielen Faktoren beeinflusst wird, auf welche das Management keinen Einfluss hat. «Ich will solides Wissen erzeugen, das auf wissenschaftlichen Daten beruht, und nicht Kaffeesatz lesen, wie dies viele Beratungsunternehmer und Prognostiker tun.» Hätte sich die Wirtschaft dies in den letzten Jahren mehr beherzigt, hätte es die Fehlentwicklungen und die Lohnexzesse in der Finanzbranche und den Grosskonzernen wohl nicht in diesem Ausmass gegeben.

Neue Werte für die Firmen

Und das soll sich jetzt ändern? Sind Gesellschaft und Firmen bereit dazu? Fehr ist überzeugt davon, doch brauche es Zeit. Kürzlich habe er mit dem Verwaltungsratspräsidenten einer Grossbank gesprochen. Grosskonzerne, so der Spitzenmanager, brauchten ein anderes, ein zusätzliches Fundament als nur monetäre Anreize und den Eigennutz. Die Wirtschaft wolle nun, so Fehr, das moralische Potenzial des Menschen stärker berücksichtigen.

Hierfür hat er gemeinsam mit Firmen Instrumentarien entwickelt, die die wahre soziale Kompetenz der Menschen an den Tag bringen, und zwar auf wissenschaftlichen Experimenten basierend und nicht bloss auf Mutmassungen.